Predigt - Nikolaus für Erwachsene
Liebe Gemeinde!
Nikolaus für Erwachsene so steht es in der Einladung für den heutigen Gottesdienst. Vielleicht hat sich der eine oder andere ein wenig verwundert: Nikolaus ist etwas für Kinder.
Und dann erinnern Sie sich vielleicht an Ihre eigene Kindheit, als Sie am Abend vor dem Nikolaustag Ihre Stiefel oder Strümpfe vor die Tür gestellt haben, die dann am nächsten Morgen mit Süßigkeiten gefüllt waren.
Und heute ist der Nikolaustag, das Fest des Heiligen Nikolaus; und obwohl wir als evangelische Christen mit röm-kath Heiligen eigentlich recht wenig anfangen können - der Nikolaus ist in unseren Gemeinden, in der Volksfrömmigkeit vor allem bei den Kindern eine durchaus bekannte und bedeutende Gestalt. Ich denke, Grund genug, auch heute unter uns ein klein wenig über ihn nachzudenken.
Mit dem Heiligen Nikolaus ist gemeint Nikolaus von Myra, der um 304 bis ca. 345 nach Christus lebte. Über das Leben des Heiligen existieren wenige historisch gesicherte Zeugnisse. Vermutlich stammte Nikolaus aus Patara, einer früheren Stadt in der kleinasiatischen Provinz Lykien (heute Türkei). Er trat ins nahe gelegene Kloster von Sion ein und wurde später zum Erzbischof oder Metropoliten von Myra geweiht. Angeblich nahm er am Konzil von Nicäa teil. Ende des 11.Jahrhunderts brachte man seine Gebeine nach Bari/Italien und errichtete eine Grabkirche.
So wenig wir über sein Leben wissen, umso mehr Legenden ranken sich um sein Leben. So gilt er als Schutzheiliger der Kinder und Armen, der Seefahrer und Kaufleute, Apotheker und Bäcker, in den USA auch der Bankleute.
So gibt es verschiedene Legenden, die von seiner rettenden Tätigkeit auf See erzählt, sei es - ganz wie Jesus – eine Sturmstillung oder aber, wie aus späterer Zeit berichtet wird, die Rettung eines Schiffes und der Mannschaft aus einem schlimmen Unwetter auf See. Interessant ist, wie dort Nikolaus rettet: die Mannschaft und der Kapitän ist träge geworden, sie haben den Mut verloren und bringen nicht mehr die Kraft auf, die Taue zu kappen, die die Segel halten, damit das Schiff ruhiger wird. Schließlich rufen sie in ihrer Not zu Nikolaus. Der erscheint und vollbringt die nötige Arbeit und erst jetzt - angespornt durch sein Vorbild - raffen sich die Männer auf. Ein tiefsinniges Motiv, wie ich meine, eines, das sich durch mehr Geschichten durchzieht, wie wir noch sehen werden.
Es gab zu seiner Zeit nämlich auch die Seefahrer, die anderen Menschen in ihrer Hungersnot nicht helfen wollten. Nikolaus musste sie erst mühsam dazu überreden, von ihren Schätzen, in diesem Fall Getreide, etwas herzugeben, damit die Bevölkerung nicht verhungerte. Gesagt, getan, füllte sich auf wundersame Weise wieder die Getreideladung des Schiffes auf. Seitdem ist er auch noch Schutzpatron der Bäcker und mancherorts gibt es eigenes Nikolaus-Gebäck. Und zum Gedenken an dieses wundersame Füllen der Leere, stellt man heute Stiefel vor die Türe, die sich nachts auffüllen mit Geschenken in Form von Essbarem. In manchen Gegenden – so habe ich nachgelesen - sind es keine Stiefel, sondern kleine Schiffe, die die Kinder vor die Türe stellen.
Nikolaus aber hat noch mehr erreicht durch sein stetiges Sich-Einsetzen für andere Menschen: er half unschuldig Verurteilten und ist seitdem auch Schutzpatron für Gefangene und - hört welch Sinnbild: auch für die Richter! Und er half den Armen, wo er konnte. Ein eindrückliches Beispiel sind die drei Jungfrauen, deren Vater zu arm war, um ihnen eine ordentliche Mitgift auf den Weg geben zu können.
So blieb ihnen nur der Weg in die Prostitution. Davon hörte Nikolaus. Er schenkte ihnen auf verborgenem Wege je eine goldene Kugel. So konnten sie endlich in Ehre und erhobenen Hauptes heiraten. Seitdem ist er auch Schutzpatron der jungen, heiratsfähigen Mädchen, aber eben auch derjenigen, die es im Sinne dieser Geschichte nicht geschafft haben, ehrbar zu heiraten, weil ihnen das Geld dazu fehlte: Nikolaus ist damit auch der Schutzpatron der Prostituierten geworden.
Bekannt und beliebt seit dem Mittelalter bis heute ist nun aber der Heilige Nikolaus als Schutzheiliger besonders der Kinder. So war in Europa der Brauch, am Nikolaustag einen Jungen zum Bischof zu ernennen, der dann bis zum 28. Dezember (dem "Fest der Unschuldigen Kinder") im Amt blieb, bis ins späte Mittelalter weit verbreitet. Von Klosterschulen ist bekannt, dass dieser Brauch für einen Tag zugleich auch eine sehr konkrete Art der Machtübernahme von Kindern darstellte. Die Idee des "Kinder an die Macht" (Herbert Grönemeier) ist also durchaus sehr alt und macht sich - dann ebenso wenig erstaunlich - an der Person des Heiligen Nikolaus fest. Auch verständlich ist, dass einige Auswüchse aus diesem Brauch schon im Mittelalter von Erwachsenen doch recht schnell wieder eingedämmt wurden.
Manchmal wird er von einem grimmig aussehenden Diener begleitet, Knecht Ruprecht oder Krampus, der droht, Kinder zu bestrafen, die nicht brav gewesen sind oder ihre Gebete nicht aufsagen können. In anderen Teilen Europas laufen statt des Knechts Ruprecht kleine, als Teufel verkleidete Jungen hinter dem Nikolaus her.
Dieser letztgenannte Brauch geht zurück auf eine sehr drastische Legende, die sich um das Leben und Wirken des Nikolaus rankt: Sie berichtet davon, dass er einmal drei kleine Jungen wieder zum Leben erweckte, die von einem Wirt geschlachtet und gepökelt in ein Fass gesteckt worden waren.
Wenn deshalb im Brauchtum Knecht Ruprecht damit droht, die unartigen Kinder in einen Sack oder ein Tintenfass zu stecken, so geht dies auf diese alte Legende zurück: Da gibt es einen Wirt, einen Vertreter der Erwachsenenwelt, der sie - im Bild der Legende - schlachtet und gepökelt in ein Fass steckt. Das Bild steht natürlich für die Sache: Kinder werden unterdrückt, geknechtet und getötet an Leib und Seele. Das Tintenfass in späteren Umformungen der Überlieferung könnte dann auf entsprechende Wirkungen von schulischer Ausbildung hinweisen. Nikolaus wiederum ist in diesem Zusammenhang dann aber der, der die Kinder vor dieser Unrechtstat der Erwachsenen an ihnen bewahrt.
Im Brauchtum unserer Zeit tritt nun - und das ist im ganzen Zusammenhang gar nicht verwunderlich - ein moralisch-religiös wertender Nikolaus auf, der die Kinder Ihre guten und schlechten Seiten vorliest und je nach Betragen auch einmal den Knecht Ruprecht zum Einsatz kommen lässt. Ich kann mich an einen solchen hochnotpeinlichen Vorgang erinnern, der mir für lange Zeit den Nikolaustag vermiest hat.
Heute weiß ich allerdings, dass hinter dem moralischen Übervater St. Nikolaus eine Erwachsenenwelt zur Wirkung kommt und sich Gestalt verschafft, die den ursprünglichen Gedanken des Heiligen Nikolaus als den Fürsprecher der Kinder umgedreht, in einigen Auswüchsen gar pervertiert hat in einen pädagogischen Knüppel-Helfer der Erwachsenen.
Der Heilige Nikolaus hat sich - zum Glück - durch die Zeiten hindurch seinen eigenen Charakter bewahrt: Den des Freundes und Nothelfers vor allem der Kinder. Das macht auch heute seinen Reiz für Eltern und Kinder aus, aber auch seine Bedeutsamkeit: Nikolaus wurde gebraucht und wird gebraucht.
In allen Zeiten brutalen Umgangs mit Kindern, in denen die Rechte der Kinder mit Füssen getreten werden, da stellt er sich diesen Kleinen und Schwachen an die Seite. Das ist keine Sozialromatik, sondern Reaktion auf jeweils bittere, ja fürchterliche Wirklichkeiten; hier nur Stichworte: Kindersklaverei, Kinderarbeit, Verwahrlosung, Kinderprostitution, fehlende Schulbildung in einer kindgerechten Schule, Hunger, Tod durch Krieg, Missbrauch von Kindern an Leib und Seele.
Manches ist Vergangenheit, vieles aber sehr lebendige Gegenwart in unserer Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts, auch in unserer Gesellschaft. Die Rechte von Kindern werden mit den Füßen getreten, sie geraten unter die Räder unseres Fortschritts, sie werden zu Opfern unseres Wunsches nach Selbstverwirklichung.
Ja, Nikolaus wird gebraucht.
Wir merken: Der Nikolaustag ist nicht der Tag putzigen bis romantischen Brauchtums, er ist von seinem eigentlichen Wesen her der Tag der Proklamation des Rechtes der Kinder, des Lebensrechts der Kleinen und Schwachen. Dieses Recht proklamiert der Heilige Nikolaus, dieses Recht proklamiert Gott selbst.
„Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40)
Eine wunderschöne Legende erzählt: Als Nikolaus stirbt, tritt er vor den Herrn. Er beklagt sich nicht über seinen Tod, aber er beklagt, dass nun niemand mehr sich der Kleinen und Schwachen annehmen wird. Da gibt ihm der Herr den Auftrag, für einen Tag im Jahr immer wieder auf die Welt und dort der Kinder annehmen darf.
Die Welt hat ihn nötig, immer wieder, mindestens diesen einen Tag der Kinder, den Tag des Nikolaus, weil es der Wille Jesu Christi ist, dass keines von den Kleinen verloren ginge; sonst ginge die Welt verloren.
Da, wo die Rechte der Kleinen und Schwachen hochgehalten und geachtet werden, da beginnt das Reich Gottes ein klein wenig zur Wirklichkeit zu werden, da werden wir merken, wie ER, unser Gott, immer wieder zu uns kommt - in der Gestalt eines Kindes.
Ich verbinde dies Vorbild und die Initiative des Nikolaus mit dem Wochenspruch für die kommende Woche aus dem Lukasevangelium(21,28):
"Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!"
Die Erlösung hat sich schon angezeigt, sie ist bereits im Gange, die Wirklichkeit wurde durch Jesus Christus verändert durch seine Tat am Kreuz und seinen Weg dorthin, angefangen von der Geburt, die bald im Feierrhythmus des Kirchenjahres wieder zu bedenken ansteht, bis hin zu seinem Wirken und seinem heilsamen Sterben.
Wir aber nun sind aufgerufen, aus diesem Grunde, weil bereits etwas geschehen ist, unsere Augen aufzutun und unsere Häupter zu erheben, unseren Rücken gerade zu halten und etwas zu tun in dieser Welt, in die wir hineingestellt wurden. Dafür haben wir viele Gründe und wir haben viele Vorbilder. Eines davon ist heute eindrücklich Nikolaus, der türkische, christliche Bischof. Amen.
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