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Predigt - Ohrenblickmal

Text: Apg 6,1-7

1In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.

3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.

6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

Liebe Gemeinde!

"Ohrenblickmal: Hör und sieh" unter diesem Motto stand Ende Mai 2008 der erste gesamtdeutsche Posaunentag in Leipzig. Es war ein gigantisches Erlebnis zusammen mit 16.000 anderen Blechbläsern von Posaunenchören aus ganz Deutschland und einigen anderen Ländern zu musizieren und zu feiern. An diesem Guiness-Rekord nahmen auch drei Bläser aus Windesheim teil. Der Höhepunkt war wohl der Abschlussgottesdienst im Stadion. Ein überwältigendes Erlebnis, das die Teilnehmenden ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden. Als nach dem Schlusslied, Bachs ?Gloria sei dir gesungen" ein unvorstellbarer Jubel losbricht, springen die Bläser von den Sitzen und schwenken ihre Instrumente, der B-Dur-Akkord will überhaupt kein Ende nehmen. Schließlich formt sich eine goldene La-Ola-Welle, die immer und immer wieder das Stadion umrundet. Auch die Zuschauer machen mit und geben die Welle jeweils an die andere Bläserseite weiter.

Es ist einfach unglaublich und eigentlich mit Worten gar nicht zu beschreiben. ?Das ist Gänsehautgefühl pur", sagte eine Besucherin. Und mancher wird sich auf dem Heimweg gefragt haben: Wie sollen wir jetzt nur in den Alltag zurückfinden?

"Ohrenblickmal: Hör und sieh" unter dieses Motto haben wir auch den heutigen Sonntag gestellt. Denn genau das ist der Auftrag eines jeden Posaunenchores: die Botschaft Gottes, das Evangelium, weiter zu tragen, mit ihren Instrumenten Gott zu preisen und uns Zuhörende einzuladen, mit einzustimmen in das Lob unseres Gottes.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh" das könnte ebenfalls ein passendes Motto für unsere Gemeinde sein. Hören, was Gott uns zu sagen hat, und sehen, wo der Schuh drückt. Der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte ist eine solche ?Ohrenblickmal: Hör und sieh" – Geschichte

Textlesung

Die christliche Gemeinde in Jerusalem ist gewachsen und nun so groß, dass die zwölf Apostel mit der Arbeit nicht mehr nachkommen. Sie predigen das Wort Gottes, missionieren, achten darauf, dass alles mit gerechten Dingen zugeht und sorgen darüber hinaus noch dafür, dass die Bedürftigen ihr Auskommen haben. Nun scheinen sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt zu sein. Eine Situation, die wir in unserem Leben sicher kennen. Es gibt irgendwann einmal diesen Zeitpunkt, in dem man feststellt, dass nichts mehr geht. Der Job, die Familie ... alles stresst. Nicht wenige ignorieren die Warnungen des eigenen Körpers und der Seele, tun gute Ratschläge von Freunden oder Verwandten ab. "Du musst mal kürzer treten", heißt es dann, oder "Bürde dir nicht zu viel auf". Ja, ja, die haben gut reden. Ohne mich läuft der Laden doch nicht, so denken die meisten. Und dann ist er da, der Schlaganfall, der Herzinfarkt. Wer Glück hat, merkt im Nachhinein, dass man sehr wohl hätte kürzer treten können und ... wie dumm man gewesen ist, seine eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh"

Die zwölf Apostel sind schlauer. Sie hören auf die Kritik, die ihnen gegenüber geäußert wird. Eine Gruppe unter den Bedürftigen wurde vernachlässigt. Nicht absichtlich, aber das nutzt den Betroffenen auch nichts. Es stellt sich schlicht die Frage: Was tun?

Und da gehen die Zwölf doch sehr pragmatisch vor. Sie geben einen Teil ihrer Verantwortung ab, konzentrieren sich auf die Predigt, ihr "Kerngeschäft" würde man heute in der Wirtschaft formulieren. Scheinbar ist das für sie kein Problem, sich davon frei zu machen. Voraussetzung dafür ist wohl, dass sie ein Einsehen haben und die Kritik für berechtigt halten. Und ihre eigenen Grenzen anerkennen. Es sollte ihnen auch nicht sonderlich schwer fallen. Denn sie wissen, dass sie sich ihre Anerkennung nicht mehr zu verdienen brauchen. Jesus hatte es ihnen ja immer wieder gesagt und vorgelebt: Bei Gott gibt es nichts zu holen, weil er alles schenkt! Sich über die eigenen Leistungen zu definieren, ist da nicht mehr nötig. Ich bin wer, ein Geschöpf Gottes, geliebt und anerkannt vom Vater im Himmel, ohne etwas dafür zu tun! Was will ich mehr? So sind unsere Zwölf bereit, ihr Amt zu teilen - und verhindern damit, dass sich die Gemeinde spaltet.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh"

Doch wo Verantwortung abgegeben wird, da muss sich auch jemand finden, der sie übernimmt! Auch das scheint damals kein Problem zu sein. Sieben Männer aus der Gemeinde werden gewählt, eine für damalige Verhältnisse äußerst fortschrittliche Art der Mitbestimmung. Allen ist bewusst, dass die zu leistende Arbeit getan, aber von mehr Menschen geschultert werden muss. Ohne Scheu finden sich Gemeindeglieder, die dazu bereit sind. Auch sie können in demselben Bewusstsein die Verantwortung übernehmen, wie sie die Apostel abgegeben haben. Das bedeutet, dass sie sich keinem Druck aussetzen müssen, da ist kein Erfolgszwang, der sie antreiben will. Da ist nur die freiwillige Bereitschaft, zu helfen: der Gemeinde, den Bedürftigen, den Aposteln und so mit allen der Sache Jesu, Gott zur Ehre zu dienen.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh"

Die Möglichkeiten der eigenen Begabungen wahrnehmen und die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit anerkennen ... das ist ein weises Vorgehen in einer Situation, in der es nicht um Eitelkeiten geht, sondern um Lebensnotwendiges. Ob in der Politik, in der Wirtschaft, auf der Straße oder bei uns zu Hause - es würde uns allen gut tun, würden wir auf diese Weisheit hören.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh"

Deshalb gilt: Miteinander Verantwortung tragen für die Gemeinde und für einander einzustehen. Das lehrt mich diese Geschichte. Allzu oft erleben wir ja das Gegenteil. Zum Beispiel bei den Olympischen Spielen in Peking. Da sind die Ruderer beim Achter kräftig baden gegangen. Letzter im Hoffnungslauf. Und das, wo Deutschland in dieser Disziplin als Topfavorit galt. Wer in den Sportstudios die darauf folgende Diskussion verfolgt hat, konnte ein fröhliches Hin- und Hergeschiebe beobachten. Sportdirektor, Trainer, Athleten - jeder durfte mal ran. Am Ende haben alle mit dem Finger auf die anderen gezeigt.

"Ohrenblickmal: Hör und sieh"

"Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem." So endet die Geschichte und ist seitdem dennoch längst nicht zu einem Ende gelangt, denn immer wieder lassen sich – Gott sei Dank – Menschen in seinen Dienst rufen. Denn auch heute warten so viele Menschen auf Barmherzigkeit, die bis in den letzten Winkel von Leid und Traurigkeit reicht, auf liebevolle Zuwendung, die meinem Leben Sinn und Bedeutung verleiht, auf eine klare Orientierung für den Lebensweg. Viele Menschen warten darauf. Und wir als Gemeinde können mit je unseren Gaben und Talenten den Menschen die Ohren für Gottes Wort öffnen – so wie unser Posaunenchor durch den klaren Klang der Musik. "Ohren-Blick: Hör und sieh!" Amen.

Erstellt: 15.10.2008
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 17:02 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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