Predigt und Liturgie - Paradoxe Existenz
Text: 2.Korinther 4,6-10
Liebe Gemeinde!
In unserer Partnerkirche EPR ist das Apostelwort: „Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um“, die diesjährige Jahreslosung. Sie wurde uns für den heutigen Partnerschaftssonntag als Predigttext vorgeschlagen.
Für unsere Partner in Rubengera verdichtet sich in diesem Apostelwort die gegenwärtige Erfahrung ihres Christseins und ihrer Kirche. Es ist die Erfahrung der Bedrohung durch anhaltende Gewalt. Der schreckliche Genozid in den 9oiger Jahren hat das Land und ihre Menschen geprägt, aber hält Rwanda nicht ab, sich aktiv im Osten der Republik Kongo am Rebellenkrieg zu beteiligen, auch wenn es nach wie vor offiziell bestritten wird.
Es ist die Erfahrung, dass trotz der Umsetzung der Entschuldung kein sichtbarer Erfolg sich zeigen will. Die Instabilität der Währung bleibt ein großes Problem. Die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine. Die Zahl der Straßenkinder steigt ins Unermessliche. Die zur Schuldentilgung eingeplanten Mittel werden zur Kriegsführung im Ostkongo eingesetzt.
Es ist die innerkirchliche Erfahrung, verlassen zu werden, weil andere Gemeinden attraktiver und lebendiger erscheinen. Die Pfingstgemeinden werben aggressiv Gemeindeglieder ab. Die Gemeinden werden zahlenmäßig schwach.
Es ist die innerkirchliche Erfahrung, dass die Kräfte nicht ausreichen: An allen Rändern ist Hilfe nötig: geistliche Zurüstung der Gemeinden, diakonische Zuwendung z.B. durch Aufklärung gegenüber Aids, Unterstützung der Kinderfamilien, Ermöglichung des Schulbesuches, aber der gute Wille kann auf Dauer nicht fehlende Finanzen ersetzen.
„Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um“,
In dieser Lage ist das Apostelwort eine Ermutigung: trotz dieser und anderer schwerer Probleme den Glauben zu bezeugen. Trotz ihrer Schwäche angesichts der großen Herausforderungen ihre prophetische Stimme zu erheben.
Ist doch das Apostelwort eine Verheißung, dass Gott in dem Schwachen wirkt. Er stärkt uns und macht, dass wir Gutes bewirken können.
„Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um“, ist daher eine Quelle der Erbauung, denn Gottes überschwängliche Kraft wirkt Glaube, Hoffnung und Zuversicht. Doch hören wir auf den Zusammenhang, in dem diese Losung steht. Paulus schreibt:
6 Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.
Damit gibt uns der Apostel Paulus zwei ganz tröstliche Gedanken und Verheißungen mit auf unseren alltäglichen, oft so mühsam scheinenden Christenweg:
Erstens die Gewissheit, dass der "Erfolg" des Evangeliums nicht von der Leistungskraft seiner Verkünder, weder der Pfarrer und anderen "Berufschristen" noch der sog. "normalen", der Laien-Christen, abhängt. Die Christen sollen und können Zeugen des Evangeliums in der Welt sein, ja, aber Repräsentanten, nein, das nicht; das Evangelium bleibt die Kraft Gottes, die den Menschen für sich beansprucht, aber nicht auf dessen Möglichkeiten allein angewiesen ist. Der Christenmensch als die irdische Wohnstatt des Evangeliums bleibt stets ein zerbrechliches Gefäß.
Damit ist eine ungeheure Entlastung verbunden, eine Entlastung von dem Druck, mehr sein zu wollen als Welt, Gott in der Welt darstellen zu sollen. Das Ewige bleibt uns vielmehr in zeitlicher Gestalt gegeben; wir müssen es nicht als solches herbeizwingen, wir müssen und können und sollen es der Welt nicht beweisen wollen; der unvergängliche Schatz ruht in zerbrechlichen Gefäßen; wir brauchen nicht die Werbemittel der Welt anzuwenden, um das Evangelium den Menschen anzupreisen.
Wir brauchen nicht den starken, unangefochtenen, immer lächelnden Max zu spielen, den Hansdampf in allen Gassen. Die Stärke Gottes kommt vielmehr in der menschlichen Schwachheit zur Wirkung; "wenn ich schwach bin, dann bin ich stark", oder: "lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", so sagt es der Apostel an anderer Stelle. Das nimmt das Gewicht der Welt von unseren Schultern!
Denn die neue Schöpfung ist ausschließlich ein Werk Gottes und kann nicht in menschliche Regie genommen werden. Es ist Gottes eigene Sache, sich in der Welt zu erweisen. Und er tut es eben nicht mit brachialer Gewalt, auch wenn ihm selbst solche widerfährt, sondern er tut es durch die Freiheit des Wortes und den Appell an die Gewissen. Er zwingt nicht, sondern bietet an. Und dazu braucht er eben die Schwachheit des Kreuzes, weil es nicht überredet, sondern überzeugt, also den Menschen nur von innen her überwindet, indem es sein Herz erleuchtet. Ein solches Wissen macht uns frei von dem selbst erzeugten übermenschlichen Druck, der uns überfordert und krank macht. Wir können und wir brauchen auch die Kirche nicht sicherzustellen.
Und das zweite ist: dass das Leben der Christen vom Kreuz Jesu regiert wird und gezeichnet ist, ihr Leben ein Mitsterben mit seinem Sterben ist, das schafft eine neue Perspektive auf die Welt. Durch die Anteilhabe am Kreuz Christi wird der Glaubende befähigt, ohne Leidenssehnsucht das Geschickte zu tragen und darin aus göttlicher Kraft zu leben, gleichsam eine Welt hinter der Welt zu sehen oder besser: in ihr, als deren mitlaufenden Hintergrund und Horizont, einen Durchblick, der entsteht, weil ein heller Schein in sein Herz gegeben ist, aufgrund dessen er im Angesicht des Gekreuzigten nun nicht einfach das Ende eines gescheiterten Träumers und Utopisten, sondern den Glanz göttlicher Herrlichkeit zu erkennen und zu sehen vermag. Paulus schreibt einmal:
„als die Sterbenden, und siehe, wir leben.“
(2. Kor 6,9)
„Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um“
Eine paradox scheinende Existenz, welche einer höheren, göttlichen Mathematik folgt, die Werner Bergengruen unter dem Titel "Die himmlische Rechenkunst" in die Worte gefasst hat:
"Was dem Herzen sich verwehrte,
Lass es schwinden, unbewegt.
Allenthalben das Entbehrte
Wird dir mystisch zugelegt.
Liebt doch Gott die leeren Hände,
Und der Mangel wird Gewinn.
Immerdar enthüllt das Ende
Sich als strahlender Beginn.
Jeder Schmerz entlässt dich reicher,
Preise die geweihte Not,
und aus nie geleertem Speicher
Nährt dich das geheime Brot."
Amen.
Liturgie
Kyrie
Gott,
oft sehne ich mich nach Veränderung.
Vieles um mich herum
scheint so erstarrt und bewegungslos.
Menschen führen Krieg,
Menschen verhungern,
Menschen leben in Armut.
Das war schon immer so.
Und es scheint,
als bliebe es auch dabei.
Hilf mir, Gott,
im Leid der Welt
nicht zu ersticken
und darauf zu hoffen,
dass es doch einmal anders werden wird.
KYRIE ELEISON ...
Kollektengebet
Gott,
immer wieder hast du Menschen bewegt,
sie ermutigt, sie gesegnet, sie geheilt.
Immer wieder hast du den Himmel offen gehalten,
damit wir spüren, dass Wunder möglich sind in dieser Welt.
Dafür danken wir dir und bitten dich:
Schenke uns den Mut, die Welt nicht zu lassen, wie sie ist,
sondern in deinem Sinne zu gestalten.
Damit deutlich wird, wer schon jetzt ihr Herr ist
und in Zukunft und Ewigkeit sein wird.
Fürbitten
Gott, es ist nicht in deinem Sinne,
den Gewaltbereiten das Feld zu überlassen.
Es ist nicht in deinem Sinne,
die Hungernden zu vergessen.
Es ist nicht in deinem Sinne,
Armut zu ignorieren.
Es ist nicht in deinem Sinne,
Flüchtende zu vertreiben.
Es ist nicht in deinem Sinne,
den Einsamen aus dem Weg zu gehen.
Es ist nicht in deinem Sinne,
auf Kosten anderer zu leben.
Gott,
es ist nicht in deinem Sinne,
die Welt zu lassen, wie sie ist.
Darum: Ermutige uns,
der Gewalt zu widerstehen.
Erinnere uns daran,
Nahrung zu teilen.
Lehre uns zu geben.
Befähige uns, Heimatlosen ein Zuhause zu schaffen.
Bewege uns, auf Menschen zuzugehen.
Und bewahre uns davor, gleichgültig gegenüber anderen zu sein.
Denn diese Welt soll nicht bleiben, wie sie ist.
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