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Predigt - Pfingsten ist wie ein gutes Gespräch mit Gott

Text: Johannes 4,19-26
19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.
21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.
22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.
23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.
24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.
26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

Liebe Gemeinde!

So! Nun haben wir ihn also, den Heiligen Geist. Gestern haben wir ihn empfangen. Und jetzt? Fühlen wir uns etwa anders? Sind wir entzückt? Oder besser: verzückt? Reden wir wie die Propheten: offen, gerade heraus, wahrhaftig? Spüren wir, dass Gott von uns Besitz ergriffen hat? Dass wir in seinem Geiste leben? Sind wir begeistert? Sind wir Feuer und Flamme für Jesus und seine Sache? Spüren wir, wie es in uns weht?
Ich glaube nicht. Ist auch nicht schlimm. Nicht jede Begeisterung entzündet sich wie ein olympisches Feuer. Und wenn doch, besteht die Gefahr, dass es ein Strohfeuer ist, das nicht lange anhält. Pfingsten ist - das lehrt uns der heutige Predigttext - wie ein gutes Gespräch mit Gott, bei dem man nach und nach zu spüren bekommt, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Es ist sehr persönlich und wird mit offenem Visier geführt. Beide Seiten schenken sich nichts - außer Zeit, einander zuzuhören. Und das ist viel, sehr viel in unserer Gesellschaft.

Jesus redet mit einer Frau, einer Samariterin. Und die versucht erst mal die Grenzen zu ziehen, die der Rabbi durchbrochen hat: gesellschaftliche Grenzen. Juden und Samariter - das passt nicht zusammen. Man glaubt an denselben Gott, aber nicht auf gleiche Weise. Und das ist ein Problem. Damals wie heute. Katholiken und Protzestanten, Orthodoxe und Mitglieder von Freikirchen und charismatischen Bewegungen bekennen den dreieinigen Gott – aber die Dogmen, die Weise, Spiritualität zu leben, trennen sie. Jedenfalls machen die Menschen die Vielfalt und Eigenarten der Konfessionen zu einem Problem.

Jesus ist das egal. Ihn interessiert es nicht, was die Theologen sagen. Ihn interessiert, ob die Menschen noch offen sind für neue Erfahrungen. Ganz gleich ob sie nun römische Hauptmänner, jüdische Zöllner, Kanaaniterinnen oder eben Samariterinnen sind. Er sucht die Nähe der Menschen. Und überschreitet dabei das ein und andere Mal die Gepflogenheiten seines Volkes. Die Frau, der er am Jakobsbrunnen gegenüber sitzt, spürt das. Doch so leicht kann sie ihre Überzeugungen und Traditionen nicht abstreifen. Und sie sagt ihm das ganz deutlich:

"Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll."

Doch Jesus lässt sich nicht so leicht abschütteln. So deutlich, wie die Samariterin die Grenze zu ziehen versuchte, so klar wischt er diese Grenze wieder beiseite: Wenn die Zeit da ist, dann spielen Orte keine Rolle mehr, weil der Ort der Anbetung im Menschen selbst liegt:

"Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."

Im Grunde genommen hebt Jesus den (scheinbaren) Gegensatz der beiden Glaubensgruppen auf, in dem er beiden eine neue Erfahrung anbietet: Nicht irgendein Heiligtum aus Stein ist die Kommunikationszentrale zwischen Gott und Mensch, sondern der Mensch selbst. Paulus wird später einmal dasselbe in anderen Worten sagen:

"Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt ...?"
(1.Kor 6,19)

Die Samariterin kommt ins Nachdenken. Und zeigt sich für eine solche neue Erfahrung offen:

"Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen."

In ihrer Antwort liegt vielleicht sogar ein wenig Hoffnung, dass jener, der mit ihr spricht, das sagt, was er dann auch tatsächlich ausspricht:

"Ich bin's, der mit dir redet."

Unser Predigtabschnitt lässt offen, wie die Frau darauf reagiert. Und so sind wir gefragt. Sind wir offen für neue Erfahrungen? Genauer nachgefragt: Sind wir offen für den Heiligen Geist?

Hans Dieter Hüsch, der Kabarettist und engagierte Christ vom Niederrhein, hat einmal so darauf geantwortet:

„Was den Heiligen Geist betrifft
Gott ist nicht leicht
Gott ist nicht schwer
Gott ist schwierig
Ist kompliziert und hoch differenziert
Aber nicht schwer
Gott ist das Lachen nicht das Gelächter
Gott ist die Freude nicht die Schadenfreude
Das Vertrauen nicht das Misstrauen
Er gab uns den Sohn um uns zu ertragen
Und er schickt seit Jahrtausenden
Den Heiligen Geist in die Welt
Dass wir zuversichtlich sind
Dass wir uns freuen
Dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut
Dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken
Und im Namen Gottes Kinder sind
In allen Teilen der Welt
Eins und einig sind
Und Phantasten dem Herrn werden
Von zartem Gemüt
Von fassungsloser Großzügigkeit
Und von leichtem Geist.
Ich zum Beispiel möchte immer Virtuose sein
Was den Heiligen Geist betrifft
So wahr mir Gott helfe. Amen
(aus „Ich stehe unter Gottes Schutz, Psalmen für Alletage“, Hanns Dieter Hüsch/Uwe Seidel)

Ich sagte zu Beginn: Pfingsten ist wie ein gutes Gespräch mit Gott, bei dem man nach und nach zu spüren bekommt, mit wem man es eigentlich zu tun hat." Wer sich darauf einlassen möchte, darf sich die Zeit nehmen, das Neue auf sich wirken zu lassen. Vielleicht bekommen wir es dann in unserem Leben wahrhaftig zu spüren, mit wem wir es zu tun haben. Amen.

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Erstellt: 7.6.2007
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:49 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning