Predigt - Roem8,18-25
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.
Den heutigen Sonntag, liebe Gemeinde, nennen wir in Deutschland, Volkstrauertag. Wir gedenken der Toten des
1. und 2. Weltkrieges.
Wir betrauern viele, ja, viel zu viele Namenlose und viel zu viele Opfer sinnloser Gewalt. Auf den Tafeln unseres Friedhofes sind die uns bekannten Namen der Männer aus unserer Gemeinde festgehalten.
Alle waren Menschen, die wie wir leben wollten, die das Recht auf Leben hatten. Jedes Grab und jede Gedenktafel, die für sie aufgerichtet wurde, redet zu uns.
Sie sprechen von der Sinnlosigkeit dieser Kriege und des Hasses, vom Sterben junger und hoffnungsvoller Menschen, von den Tränen der Hinterbliebenen und von der Pflicht liebenden Gedenkens und ehrlicher Neubesinnung.
Immer wieder werden wir mit dem Tod konfrontiert. Die Todesanzeigen in den Zeitungen, Fernsehen und Radio bringen uns fast täglich Nachrichten hier rüber ins Haus ja, dass der Tod wieder in unserer Nähe oder irgendwo in der Welt reiche Ernte gemacht hat.
Wir denken an Menschen, die durch einen Unfall mitten aus dem Leben gerissen wurden, an junge Leute, die durch eine schwere Krankheit innerhalb von wenigen Wochen starben oder auch an Menschen, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen.
Der Tod, ja, der qualvolle und gewaltsame Tod hat ein hässliches Gesicht. Die niedergemetzelten Männer, Frauen und Kinder in Afghanistan und in anderen Kriegsgebieten, sind Gewaltakte, über die Menschen zu Recht untröstlich sind.
Am heutigen Volkstrauertag wollen wir über den Brief des Paulus an die Römer 8, 18-25, der zugleich unser heutige Predigttext ist, nachdenken.
Paulus schreibt:
18 Ich bin überzeugt: Was wir in der gegenwärtigen Zeit noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich mit der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat und die er in der Zukunft offenbar machen wird.
19 Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem die Kinder Gottes vor aller Augen in dieser Herrlichkeit offenbar werden.
20 Denn alles Geschaffene ist der Sinnlosigkeit ausgeliefert, versklavt an die Vergänglichkeit, und das nicht durch eigene Schuld, sondern weil Gott es so verfügt hat. Er gab aber seinen Geschöpfen die Hoffnung,
21 dass auch sie eines Tages von der Versklavung an die 22 Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt noch stöhnt und in Wehen liegt wie eine Frau bei der Geburt.
23 Aber auch wir selbst, die doch schon als Anfang des neuen Lebens -gleichsam als Anzahlung -den Heiligen Geist bekommen haben, stöhnen ebenso in unserem Innern. Denn wir warten sehnsüchtig auf die volle Verwirklichung dessen, was Gott uns als seinen Kindern zugedacht hat: dass unser Leib von der Vergänglichkeit erlöst wird.
24 Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich schon sichtbar erfüllt hat, ist keine Hoffnung. Ich kann nicht erhoffen, was ich vor Augen habe.
25 Wenn wir aber auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen können, dann heißt das, dass wir beharrlich danach Ausschau halten.
Gute Nachricht 1997
Ganz nüchtern sagt Paulus, dass die Welt voller Leiden ist und ebenso nüchtern erwähnt er, dass Gottes Herrlichkeit über diese Welt kommen wird. Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt nur noch stöhnt und sich ängstigt.
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Apostel spricht von den Leiden dieser Zeit. Er spricht an keiner Stelle davon, dass die Leiden irgendwann mal in unserer irdischen Zeit aufhören werden.
Und genau so klar beschreibt der Apostel auch die Sehnsucht der nach Befreiung von Leid, Schmerz und Tod.
Er glaubt fest daran, dass es eine neue Schöpfung geben wird. Jesus Christus ist führ ihn Garant dafür, dass wir durch den Tod hindurchgehen und wieder auferstehen werden. Durch seine Auferstehung haben wir einen Blick auf die zukünftige Welt geworfen, die nicht mehr seufzt, nicht mehr trauert und nicht mehr vergänglich ist.
Was Paulus sagt, gilt weit über seine Leidenserfahrung hinaus. Dass wir überhaupt auf menschliches Leid eingehen und dass wir Menschen in ihrem Leid trösten können, das hängt mit unserer Gewissheit zusammen, dass diese Zeit und ihr Verhängnis begrenzt sind und dass sie durch eine neue Wirklichkeit abgelöst werden.
Paulus nennt das die Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Alles, was ist und was war, wird in den Schatten stellt.
Dass wir trösten können, dass wir Hoffnung wecken können, hängt damit zusammen, dass wir fest darauf vertrauen können, dass es außer der Erfahrung von Leid, Schmerz und Tod auch eine andere Wirklichkeit gibt, die uns aufnimmt, in der wir geborgen und aufgehoben sind.
Unser Wissen, worauf wir warten, das gibt unserem Leben Richtung und Ziel; ja, es gibt unserem Leben die Kraft, aus Müdigkeit und Depression aufzubrechen und dem Ruf zu folgen, der in dem Geschehen von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi an uns ergangen ist.
Heraus aus der Beschränkung durch Trauer und Schmerz und den Umkreis entdecken, wenn der anbrechende Tag den Himmel freigibt. Ja, loskommen von der Fixierung auf alles Mögliche und das suchen, was unser Herz weit macht: Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod. Das, worauf wir warten, liebe Gemeinde, ist mehr als das, worunter wir leiden.
Paulus will, wie Jesus, Menschen für das Reich Gottes gewinnen. Die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft will nicht nur unsere Köpfe erreichen, nein, sie gilt dem ganzen Menschen mit Kopf, Herz und Hand.
Gott ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden, für ihn sind alle lebendig. Glauben wir das? Spüren wir das? Und leben wir danach?
Im November scheint uns die Realität des Todes besonders bewusst zu werden. Die Tage werden dunkler, Blätter fallen, die Natur wird trister. Kirchliche und weltliche Gedenktage rücken den Tod in den Blickpunkt. Als Christen dürfen wir wissen, dass uns der Glaube an den Gott des Lebens geschenkt ist.
Der kluge Mensch weiß, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind. Doch mitten im Leben haben wir als Christen eine Hoffnung: Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung.
Und wenn wir auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen können, dann heißt das, dass wir beharrlich danach Ausschau halten.
Es gibt ein Wachsen im Leiden und ein Wachsen in der Hoffnung. Das ist meine Lebenserfahrung. Diese Erfahrung machten auch viele andere Menschen.
Sicher, wir müssen sterben, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass Gott uns nicht im Abgrund des Todes versinken lässt.
Gott gibt uns Anteil an seinem Leben. Wir sind Gottes geliebte Kinder. Und jeder Tag ist ein Geschenk Gottes. Nicht ein Tag unseres Lebens ist vergeblich.
Wir dürfen gespannt sein, was Gott uns noch alles zeigen, sagen und schenken will. Gott, liebe Gemeinde, ist unsere Zuflucht. Zu ihm können wir uns in unserer Angst vor dem Tod hinwenden. Gott wird sich als Gott des Lebens erweisen, denn das hat er uns durch Jesus Christus zugesagt:
„Ich lebe und ihr sollt auch leben“
(Jh14,19)
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.
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