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Predigt - Roem9,1-8.14-16

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen

Röm 9,1 -9. 14-16

Paulus schreibt:

1 Für das, was ich jetzt sage, rufe ich Christus als Zeugen an. Es ist die Wahrheit; ich lüge nicht. Auch mein Gewissen bezeugt es, das vom Heiligen Geist bestätigt wird:
2 Ich bin tieftraurig, und es quält mich unablässig,
3 wenn ich an meine Brüder und Schwestern denke, die Menschen aus meinem Volk. Wenn es möglich wäre, würde ich es auf mich nehmen, selbst an ihrer Stelle verflucht und für immer von Christus getrennt zu sein.
4 Sie sind doch Israel, das von Gott erwählte Volk. Ihnen gehört das Vorrecht, Kinder Gottes zu sein. Ihnen offenbarte er seine Herrlichkeit*. Mit ihnen hat er wiederholt seinen Bund geschlossen. Ihnen hat er sein Gesetz gegeben und die Ordnungen für den Opferdienst zu seiner Verehrung. Ihnen hat er das künftige Heil versprochen.
5 Sie sind die Nachkommen der von Gott erwählten Väter, und zu ihnen zählt nach seiner menschlichen Herkunft auch Christus, der versprochene Retter. Dafür sei Gott, der Herr über alles, für immer und ewig gepriesen! Amen.
6 Es kann keine Rede davon sein, dass dies alles nicht mehr gilt und also das Wort Gottes ungültig geworden ist. Aber nicht alle Israeliten gehören wirklich zu Israel, 7 und nicht alle leiblichen Nachkommen Abrahams sind als solche schon Abrahams Kinder. Gott sagte zu Abraham: »Durch Isaak gebe ich dir die Nachkommen, die ich dir versprochen habe.«
8 Das heißt: Nicht die natürliche Abstammung von Abraham, sondern erst die göttliche Zusage macht zu echten Abrahams Kindern und damit zu Kindern Gottes.
9 Denn es war eine göttliche Zusage, mit der die Geburt Isaaks angekündigt wurde: »Nächstes Jahr um diese Zeit komme ich wieder, dann hat Sara einen Sohn.«
14 Folgt daraus, dass Gott ungerecht ist? Keineswegs!
15 Er sagte ja zu Mose: »Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke.«
16 Es kommt also nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen an, sondern einzig auf Gott und sein Erbarmen.
Gute Nachricht 1997

Liebe Gemeinde, was ist gerecht? So fragen wir uns doch immer wieder in unserem Leben, was ist gerecht? Ist es gerecht, dass in Europa tausende Menschen arbeitslos werden, damit die Aktienkurse in die Höhe schnellen und wenige ein gutes Geschäft machen? Ist es ungerecht, dass in Europa die Arbeitsplätze verloren gehen, in China aber nun tausend Menschen die Chance haben, einen festen Arbeitsplatz zu bekommen und ein Stück mehr vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren?

Ist es gerecht, dass Menschen an unterschiedlichen Standorten in der Welt für dieselbe Arbeit unterschiedlichen Lohn bekommen und die Ausbeutung der Armen immer mehr im Trend unserer Wirtschaftsunternehmen liegt?

Ist es gerecht, wenn in der Bildungspolitik immer fleißiger gespart wird und dass man dann härtere Strafen für die Jugendlichen fordert, die eigentlich mehr Begleitung brauchen? Ist es gerecht straffällig gewordene Kinder wie Jugendliche zu behandeln?

Ist es gerecht, wenn der Staat sagt, wer für sich selber sorgen kann, der braucht unsere Hilfe nicht und dabei diejenigen trifft, die nicht in den Tag hinein gelebt haben?

Die Liste der Fragen könnte man unendlich weiter ausdehnen. Liebe Gemeinde, wir brauchen nur die Tageszeitung aufschlagen und finden hinter vielen Artikeln die Frage: Was ist gerecht?

Nun sind wir hier in der Kirche. Wir stellen diese Frage im Angesicht Gottes. Und auch da taucht diese Frage immer wieder auf: Wie gerecht ist Gott?

Wie erlebe ich mein Leben im Gegenüber zu Gott und wie erlebe ich es im Blick auf Gott. Wie gerecht geht es da zu?

Seit dem wir denken können hat es eigentlich schon immer Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes gegeben. Fest steht, dass es viele Ungerechtigkeiten in der Welt gibt.

Schon die Psalmdichter des Alten Testaments fragen sich, warum es den schlechten Menschen oft so gut geht und gute Menschen meistens leiden müssen.

Das 20. Jahrhundert hat mehr Gewaltopfer gefordert als das ganze Mittelalter zusammen. Und auch das 21. Jahrhundert hat bereits schon weltweite durch Terroranschläge, Kriege in Afrika, Nahost und Mittelost tausende Opfer hinterlassen. Das lässt uns immer wieder fragen: Wie kann Gott das zulassen?

Dass Menschen auf der Welt Unrecht tun, das wissen wir. Dass Staatsführer, Politiker und Militärs oft so hart und ungerecht sind, das überrascht uns nicht. Ist aber auch Gott ungerecht?

Wenn Gott ungerecht ist, dann kann es auch keine Gerechtigkeit geben. Und wenn es keine Gerechtigkeit gibt, wozu brauchen wir dann einen Gott?

Unsere Hoffnung auf Erlösung ist unsere Antwort am Zweifel der Gerechtigkeit Gottes. Der Vater im Himmel, er antwortet auf das Schreien des unschuldigen Sohnes am Kreuz, indem er ihn von den Toten auferweckte.

Gott wird, so denke ich, auf das schuldlose Leiden seiner Menschenkinder antworten. Die Erlösung ist Gottes Antwort auf das Leiden und auf das Unrecht zugleich. Es liegt an unserer Einstellung, ob wir diese Antwort Gottes als Trost annehmen oder als Vertröstung von uns weisen.

Am neunzigsten Geburtstag meines Vaters versammelten sich alle Kinder und Enkelkinder. Beim Nachmittagskaffee wurden Tischreden gehalten.

Dabei stellte mein Bruder die Frage:

„Vater, sag uns das Geheimnis deines Lebens; ─ muss dich nicht Freude und Stolz erfüllen angesichts der Kinder und der vielen Enkelkinder?"

Darauf kam Vaters Antwort:

„Es ist Gnade und Barmherzigkeit, Kinder, ja, alles Gnade und Barmherzigkeit."

War das die Resignation eines müden Vaters? Ich denke, Nein! Keine Resignation, sondern allerhöchste Anerkennung.

Diese Anerkennung des lebendigen Gottes und seines Erbarmens liegt über dem Text von heute. Es ist entscheidend für unser ganzes Leben, dass wir es früh genug lernen, uns an sein Erbarmen zu klammern.

Wenn auch Gott in seiner alleinigen Autorität dem gnädig ist und sich dem erbarmt, so wissen wir, dass über seinem Gnadenwillen die Gesamtheit seiner Liebe steht.

Machen wie also endlich Schluss mit unserem Wollen. Gott will keinen nervösen Glauben haben, sondern uns alle Morgen neu beschenken.

Wir Menschen haben es nicht in der Hand, auf Gottes Barmherzigkeit einzuwirken. Gott selber ist es, der das Erbarmen über uns Menschen entscheidet. Das ist ein wichtiger Gedanke innerhalb unseres christlichen Glaubens, an dem wir nichts streichen können.

Gott hat in Jesus Christus, in seinem Leben, in seinem Sterben und in seiner Auferstehung, sein Erbarmen für uns Menschen gezeigt, in ihm hat Gott sein Erbarmen auch festgelegt, in ihm hat Gott gezeigt, dass er sich nicht nur uns, hier heute morgen im Gottesdienst, sondern aller Menschen erbarmen will.

Gottes Erbarmen wird auch dort sichtbar, wo wir es gerade vermissen, im Leiden und Gottes Barmherzigkeit wird auch durch den Tod nicht zerstört. Auf Gottes Barmherzigkeit dürfen wir durch Jesus Christus in jeder Lebenslage hoffen. Liebe Gemeinde, es gibt keine Lebenslage in der wir uns als Verworfene betrachten müssen.

Denn so wie Gott sich des leidenden Jesus Christus am Kreuz erbarmt hat, so erbarmt sich Gott auch über uns, wo wir uns in solchen Situationen befinden.

In aller Anfechtung unseres Lebens, in aller Unverständlichkeit und Widersprüchlichkeit, die wir tagtäglich erleben und in der wir auch die Freiheit des Handelns Gottes hinnehmen und annehmen müssen, dürfen wir durch Jesus Christus darauf vertrauen, dass Gott uns gegenüber barmherzig ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

Erstellt: 24.4.2011
Zuletzt aktualisiert: 18.5.2011 10:48 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

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