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Predigt - Routenplaner

Wissen sie, welcher Begriff im Jahre 2005 von den Deutschen am häufigsten in der Internetsuchmaschine YAHOO! eingegeben wurde? Nein, es ist nicht Sex, auch nicht Erotik oder Partnervermittlung, auch wenn diese Wörter mit zu den Top Ten gehören. Die Menschen haben am häufigsten "Routenplaner" eingetippt!

Ich finde das irgendwie überraschend - und doch auch wieder nicht. Natürlich wollten wohl die meisten von A nach B, wussten den Weg nicht und haben einen entsprechenden Onlinedienst gesucht, der ihnen die Route planen konnte. Aber ich will das einmal als Hinweis auf ein gesellschaftliches Phänomen nehmen, das Trendforscher als "Renaissance von neuen Suchbewegungen" beschreiben. Es gibt wieder einen "erhöhten Bedarf an Sinn, Identität, auch an heilsstiftenden Gewissheiten" (SPIEGEL ONLINE). Salopp gesagt: Die Deutschen haben die Optionsgesellschaft satt, persönliche Selbstverwirklichung und wertefreie Lebensgestaltung sind out. Die Freiheit der beliebigen Wahlmöglichkeiten ist ihnen zur sprichwörtlichen Qual geworden. Nun sehnen sie sich nach verlässlicher Orientierung und Begleitung, suchen jemanden, der ihnen sagt, wo es langgeht.

Nun hat jede/r, der/die sich schon einmal blindlings nach einem Navigationssystem gerichtet hat, die Erfahrung gemacht, dass man nicht immer gleich den rechten Weg geführt wird. Nicht immer sollte man der mehr oder weniger freundlichen Dame im Pocket-PC oder Handy Glauben schenken, wenn es heißt: "Im Kreisverkehr die vierte Ausfahrt nehmen.", vor allem dann nicht, wenn der Kreisverkehr nur vier Ausfahrten hat! Da hinkt die Software der Technik noch ein wenig hinterher. So ohne weiteres kann man sich also nicht auf die Anweisungen verlassen, wer dies dennoch tut, kann schon mal - wie es einem BMW-Fahrer passiert sein soll - in einem Teich anstatt am gewünschten Zielort landen.

Was den Straßenverkehr betrifft, müssen wir also noch ein wenig auf eine zielsichere Wegführung warten. Da haben wir es, was unsere Suche nach Orientierung im Leben angeht, schon besser! Zugegeben, unser Navigationssystem ist nicht mehr das neueste Modell, bietet dafür aber immer das aktuellste Kartenmaterial. Einen GPS-Empfänger benötigen wir nicht, denn die Antenne haben wir seit unserer Geburt schon integriert. Es ist absolut kostenlos, es gibt keinen Anschaffungspreis und keine Verbindungsgebühren. Es ist jederzeit und an jedem Ort empfangs- und einsatzbereit und es hat sehr viel mehr Features als alle modernen Navigationsmodelle zusammen. Und, was wohl das wichtigste ist, es führt sicher zum Ziel - selbst dann, wenn man selbst nicht genau weiß, wohin man eigentlich will! Diesen Routenplaner kannten schon die Israeliten.

Im 13. Kapitel des Exodusbuches heißt es:

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer [a] Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Schon die alten Israeliten haben es erprobt, damals, als sie Ägypten verließen, aus der Sklaverei in die Freiheit entlassen wurden. Hinter ihnen lagen Jahrhunderte der Abhängigkeit und Demütigung, vor ihnen die Wüste, Sinnbild einer Zukunft, in der die Orientierung schwer fällt. Doch sie werden unübersehbar begleitet: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zieht der Herr vor ihnen her, "um sie den rechten Weg zu führen". Würden sie sich daran halten, würden sie der Wolke und dem Feuer folgen, so würden sie ihr Ziel nicht verfehlen. Die Geschichte der Mosebücher weiß, dass sie ihrem Navigationssystem das ein oder andere Mal nicht getraut und sich prompt verfahren haben. Einen Umweg von 40 Jahren mussten sie dafür in Kauf nehmen.

Auch wir als Gemeinde haben in diesem Jahr in vielfältiger Weise erfahren, dass unsere Wege nicht immer geradlinig verlaufen. Es gab Abbrüche und Neuanfänge.

(12 Kerzen an deinem Ständer werden  nach und nach angezündet)

1. So freue ich mich immer wieder darüber, dass Eltern für ihre Kinder die Taufe wünschen. So zünde ich diese Kerze für alle Getauften /W 6/G 8) an. Ich wünsche ihnen, den Eltern und Paten, dass  der Taufspruch wie ein Routenplaner sein möge.

2. In diesem Jahr wurden (11 W / 16 G) junge Menschen konfirmiert. Ich habe ihnen versucht zu vermitteln, dass die Bibel wie ein Routenplaner fürs Leben ist. Ich wünsche ihnen, dass ihr Denkspruch ein guter Wegweiser werde und bleibe.

3. (1 W / 3 G) Trauungen fanden statt. Es waren sehr intensive Gespräche und es bleibt zu wünschen, dass sie im Wort Gottes den Routenplaner erkennen. Dankbar waren und sind wohl die vielen Ehepaare, die in diesem Jahr ihre Goldene Hochzeit feiern durften. Sie sind ein besonderes Zeitzeichen christlichen Glaubens.

„Wohl erprobt sich die Liebe in der Treue; aber sie vollendet sich erst in der Vergebung,“
(Werner Bergengruen)

4. 12mal in W und 8mal in G haben wir in diesem Jahr Abschied von Gemeindegliedern nehmen müssen. Dankbar bin ich für die gute Arbeit des christlichen Hospizes, ob ambulant oder stationär. Bewegend und erschütternd bleibt der Tod eines zweijährigen Kindes. Die Verzweiflung und seelische Not der Eltern bleibt. Für sie und alle vom Tod Betroffene zünde ich eine weitere Kerze an. 

„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“
(Röm 14,68)

5. Immer wieder kehren Menschen stillschweigend der Kirchengemeinde den Rücken. Es mag vielleicht an der zu zahlenden Kirchensteuer oder dem besonderen Kirchgeld liegen. Oft aber liegt eine tiefe Enttäuschung zugrunde. Es wird nichts mehr von der Kirche erwartet. 2 W und 4 G haben den endgültigen Schritt vollzogen. Ungezählte andere haben sich zurückgezogen in ihren Groll. Für sie alle zünde ich eine weitere Kerze an.

6. Im Gemeindeleben darf der Kindergarten in Guldental sich der Unterstützung durch die ganze Gemeinde erfreuen. Neben den zahlreichen Spenden und Aktivitäten für die Spielgeräte und Spielmaterialien ist es dem neuen Förderkreis innerhalb eines Jahres gelungen, das Haushaltsdefizit in diesem Bereich zu halbieren. Dankbar bin ich allen, die dazu beigetragen haben.

7. Die Chorarbeit in unserer Gemeinde hat in diesem Jahr große Veränderung erfahren. Das hat zu Verunsicherung, zu lauten und unausgesprochenen Vorwürfen geführt. Da sind Freundschaften zerbrochen. Da ist Zwietracht und Hass zurückgeblieben. Ich hoffe, dass wir wieder lernen, so zu reden wie Martin Luther es in seiner Auslegung des 8. Gebotes

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“

gesagt hat:

„Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.“
(EG 855)

8. Dank gilt auch dem großartigen Einsatz für die Neugestaltung des Kirchenvorplatzes in W. Es zeigt, dass viel Gemeinsinn noch vorhanden ist und auch bei leerer Kirchenkasse Wunder möglich sind. Ich wünsche mir, dass dieses Projekt Anregung und Ermutigung ist, das die Kirche im Dorfe lebendig bleibt.

9. Den vielen Ehrenamtlichen unserer Gemeinde gilt ein besonderer Dank, ob als mitwirkender im Gottesdienst, ob als Spender/in von Blumen für die Kirche, ob als Austräger/in  des Gemeindebriefes, oder in den verschiedenen Gemeindekreisen. Nicht immer erfahren sie den gebührenden Dank. Darum soll der Dankeschönnachmittag ein kleines jährlich wiederkehrendes Zeichen sein und bleiben. Persönlich möchte ich allen „Stillen“ in unserer Gemeinde danken: Die für ihre Kirchengemeinde eintreten, auch wenn sie sich Kritik gefallen lassen müssen. Die ohne große Worte hie und da anpacken, ohne dass ich es bewusst registriere. Die einfach ihre Hände falten und für unsere Gemeinde beten. Gerade ihnen gilt das Wort Jesu:

 „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“
(Mt.7,7)

10. Dankbar bin ich für die vielen Unterstützer (8 W / 3G) des Projektes Kinderfamilien in unserem Partnerkirchenkreis Rubengera (Rwanda) und für die Unterstützung der Partnergemeinde in Lublin. Bewundernswert, wie Frau S.I. trotz ihrer schweren Erkrankungen die diakonische Arbeit mit ihren Frauen begleitet und ausbaut.

11. Das Presbyterium hat in diesem Jahr Entscheidungen zu fällen gehabt, die nicht immer auf ungeteilte Zustimmung gestoßen sind. Doch es hat dabei nicht über oder gegen Menschen entschieden, sondern gerade aus Fürsorge für die ihm anvertraute Gemeinde, denn wir sind nicht zwei Gemeinden mit einer Pfarrstelle, sondern eine Gemeinde an drei Orten. Es braucht ihre Unterstützung und Gebet.

12. Auch für das kommende Neue Jahr bietet Gott uns an, in unserem Leben Routenplaner zu sein. Das bedeutet nun gerade nicht, auf Freiheit und Freiheiten zu verzichten, sich Wege vorschreiben zu lassen und keine selbstständigen Entscheidungen mehr treffen zu dürfen. Im Gegenteil! Wer sich von ihm durchs Leben führen lässt, wird bald merken, dass uns mehr Möglichkeiten gegeben werden, als sie uns eine Optionsgesellschaft bieten kann. Denn der Glaube findet auch dort noch Wege, wo die Vernunft in eine Sackgasse geraten ist. Es gibt kein verlässlicheres Navigationssystem, das uns durchs Leben bringt, als das lebendige Wort Gottes. So lege ich Ihnen allen die Jahreslosung für 2006 aus Josua 1,5b ans Herz:

„Gott spricht. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“

 Amen.

Erstellt: 15.1.2006
Zuletzt aktualisiert: 1.4.2011 06:18 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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