Predigt "Schatz des Glaubens"

Liebe Gemeinde!
„Soll das etwa der Schatz sein?“ haben sich die Sprecher im eben gehörten Anspiel gefragt. „Wo ist da das Geld?“ fragt der Geizige. „Wie kann man das denn verwerten?“ fragt der Gierige. „Das sieht doch nun wirklich nach gar nichts aus!!!“ stellt der Eitle fest.
Und im Nachdenken über das Wort Danke, entdeckt jeder von ihnen, welche Konsequenzen es mit sich bringt. Der Geizige stellt fest: „Wenn ich auch dankbar sein muss, für all das, was ich habe… – dann muss ich glatt teilen.“ Der Gierige sagt: „Wenn ich dankbar sein muss für all die Wertschätze der Erde… - dann muss ich glatt besser auf sie aufpassen, sie vielleicht sogar schonen!“ Und der Eitle erkennt: „Wenn ich hier dankbar werde… - schaue ich dann auch noch auf andere Menschen um mich herum!“
Am Schluss lautet das gemeinsame Fazit des Geizigen, Gierigen und Eitlen: „Na, das macht uns ärmer!!!“
Wirklich? Macht teilen, sorgsamer Umgang mit den Rohstoffen, auf andere Menschen achten –ärmer? Oder liegt in dem Wort „Danke“ tatsächlich ein Schatz?
Ich möchte das Wort Danke ein wenig näher betrachten, indem ich es buchstabieren will.

D wie Demut
Demut ist kein Alltagswort mehr. Wenn es benutzt wird, dann hat es einen bitteren Beigeschmack. Demut wird fast ausschließlich von anderen gefordert, aber so gut wie niemals von sich aus angeboten. Wer Demut fordert, sucht oft ein Feigenblatt für den Missbrauch eigener Macht. Wer sie freimütig anbietet, hat oft Demut mit Duckmäusertum verwechselt.
Wie bei vielen anderen Fragen hilft ein Blick auf die Person Jesus Christus.
Jesus ist das Beispiel par excellence, dass Demut keineswegs bedeutet, sich selbst für unwürdig oder unwichtig zu halten. Die Demut Jesu wirkt sich immer in seinem Handeln aus - unabhängig von dem Urteil anderer Menschen, aber abhängig vom Willen Gottes. Das Streben nach der Anerkennung durch unsere Mitmenschen ist eines der wichtigsten Grundziele und eine der Grundmotivationen fast aller unserer Handlungen. Sei es in der Politik, in der Gesellschaft, im Beruf, im Sportverein oder auch in der Gemeinde: Oft erscheint uns Demut als Bedrohung auf dem Weg zu diesem Ziel. In Wirklichkeit macht uns aber nur die Demut wirklich frei vom Zwang, anderen Menschen gefallen zu müssen. Demut (althochdeutsch für "Dien-Gesinnung") bedeutet nämlich "Mut zum Dienst" - und der nimmt andere in den Blick, arbeitet nicht pausenlos an der eigenen Karriere, sondern an dem, was dem anderen dient. Das Gegenteil von Demut nennt die Bibel Hochmut: Auch Hochmut nimmt andere in den Blick - von oben herab. Hochmut definiert sich durch den Abstand zu anderen Menschen. Hochmut verachtet andere Menschen, macht sich aber gleichzeitig von ihrer Bewunderung und ihrer scheinbaren Minderwertigkeit abhängig. Haben wir den Mut, nicht der Bessere, Höhere, Stärkere in den Augen unserer Mitmenschen sein zu müssen? Nur wer sich dem Urteil Gottes anvertraut, egal welche Anerkennung andere ihm zu teil werden lassen, ist wahrhaft demütig.
Erntedank will uns daran erinnern: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1.Petrus 5,5)

A wie achten
Für Bernardin Schellenberger, den ehemaligen Trappistenmönch und heutigen Schriftsteller, ist Achtsamkeit die Fähigkeit, mit vollem, ungeteiltem Bewusstsein bei einem Eindruck oder einer Begegnung gegenwärtig zu sein. Und nicht mit dem Kopf schon wieder woanders. Was auch heißt, das, was gerade zu tun ist, mit Respekt vor den Wesen und Dingen zu verrichten. Denn Achtsamkeit hat mit Achtung und Wertschätzung zu tun. Sie beeinflusst die Qualität des Zusammenseins. Was vor allem an der Unachtsamkeit deutlich wird.
Anselm Grün, Verwalter der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, erzählt von einem Zen-Mönch, der einmal gefragt wurde, welche Praxis seiner geistlich-religiösen Übungen er pflege. Er antwortete: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich.“ Darauf der Frager: „Das ist doch nichts Besonderes. Das tun doch alle. Da meinte der Mönch: „Nein, wenn du sitzt, dann stehst du schon. Und wenn du stehst, dann bist du schon auf dem Weg.“
Erntedank will uns daran erinnern: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, nämlich Liebe üben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8) Dieser Satz lässt sich erden. Und dann gelten die Aufmerksamkeit, die Achtsamkeit, die Sorgfalt der Erde und ihren Geschöpfen, den Menschen und den Dingen, dem Partner und – nicht zuletzt – mir selbst. Denn dann merke ich, dass ich lebe. Und nicht gelebt werde.
So will uns Erntedank anleiten, auf den Geschmack am Leben, am Schönen, an der Unterschiedlichkeit und an der Begegnung zu achten.

N wie nachhaltig
Nachhaltigkeit ist ihrem Ursprung nach ein forstwirtschaftlicher Begriff und hat hier auch heute noch eine zentrale Bedeutung. Es geht um den Erhalt im Blick auf die Bedürfnisse kommender Generationen.
Übertragen meint Nachhaltig ein System, wenn es fähig ist, seinen Bestand unbeschränkt aufrecht zu erhalten, um zukunftsfähig zu werden. Dazu gehört: nicht zu Lasten zukünftiger Generationen zu leben. Denn die heutigen Kinder und alle späteren Generationen sollen in Zukunft ihre Grundbedürfnisse zumindest ebenso erfüllen können wie die heutigen Erwachsenen (so die Definition der Nachhaltigkeit im Bericht der Brundtland-Kommission).
Zur Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft, d.h. zur Stabilität dieses komplexen Systems, gehört ein Weiteres: der Interessenausgleich zwischen den Reichen (rund 20% der Weltbevölkerung, hauptsächlich in den Industriestaaten im Norden des Globus lebend) und den Armen (mindestens zwei Mrd. Menschen, die unter lebensbedrohlichen Verhältnissen existieren, vor allem in den Ländern des Südens). Die jetzige äußerst ungleiche Verteilung der Güter der Erde, die oftmals durch unfaire Handelsbedingungen zementiert wird, bringt u.a. Aufstände und sogar Terrorismus hervor.
Erntedank erinnert an unsere Dankgabe. Sie besteht nach dem Apostel darin: „So lasst uns nun durch ihn (d.h. Jesus Christus) Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott." (Hebr 13,15-16)

K wie Krone
In früherer Zeit wurde nach der Ernte die Krone aufgestellt. Eine Krone ist Zeichen von Hoheit, Macht und Würde - Könige und Kaiser tragen eine Krone. Die Erntekrone ist Zeichen der Hoheit, Macht und Herrlichkeit Gottes: er hat die Welt geschaffen. Alles Leben kommt von ihm. Alles, was wächst und gedeiht in Feld und Garten - er lässt es wachsen und reifen. So will die Erntekrone uns an den Geber aller guten und vollkommenen Gaben verweisen, an Gott.
Wir pflügen, und wir streuenden Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn! (Matthias Claudius)
Im Danken nehmen wir wahr, was wir sind und haben; wir freuen uns am Leben. Dankend beugen wir einer Anspruchshaltung vor, die auf das sieht, was fehlt, die die Defizite beklagt, die auf den Mangel sieht und immer noch mehr haben will. Erntedank: wir vertrauen auf Gott, der uns nicht alles gibt: der uns aber zukommen lässt, was wir zum Leben brauchen - auch durch Menschen, die mit uns teilen.
Die Erntekrone erinnert somit auch an das Geschenk, das Gott uns gemacht hat: „Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“ (Offenbarung 3,11)

E wie ernten
Es gibt ein Sprichwort: „Was man sät, das erntet man.“ Und es scheint sich ja auch immer wieder zu bewahrheiten. Fernando Alonso ist eine Top Saison gefahren, sein Team hat hinter den Kulissen ordentliche Arbeit abgeliefert und jetzt ist der Spanier der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Ich möchte den Spruch heute einmal umdrehen: „Was du geerntet hast, dass sollst du säen.“
Wie ich das meine? Als Ausdruck von Dankbarkeit und Freude - der Hebräerbrief nennt es Lob - über die Zuwendung, die uns Gott geschenkt hat. Seinen Segen haben wir bereits empfangen! Seine Verheißung ist bereits wahr geworden in Jesus Christus und wird mitten unter uns schon Wirklichkeit! Und das schönste Gegengeschenk, das wir Gott machen können, ist, diese Zusage - bedingungslos angenommen und geliebt zu sein - nicht für uns zu behalten, sondern an andere weiter zu verschenken, nämlich die materiellen und geist(l)ichen - nicht nur zum Altar in die Kirche zu bringen, sondern auch nach draußen zu den Menschen, die sie und uns brauchen.
Danke darin liegt der Schatz des Glaubens: Demut achtet nachhaltig, um die Krone zu ernten. Amen.

Erstellt: 23.10.2005
Zuletzt aktualisiert: 11.4.2010 11:19 Uhr