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Predigt - Scherben kitten

Ein Bußgottesdienst am Mittwoch, 18. November 2009 in Guldental um 18 Uhr und in Windesheim um 19.15 Uhr 


Orgel- bzw. Posaunenchorvorspiel


Liturgische Begrüßung  Abkündigungen

 

Thematische Einleitung:

Sie haben am Eingang eine kleine Scherbe in die Hand gelegt bekommen. Mit Hilfe dieser Scherbe wollen wir in diesem Gottesdienst versuchen, unser Leben zu überdenken.

»Ich stehe vor einem Scherbenhaufen« – »Mein Leben ist zerbrochen« –

»Zwischen uns gibt es nichts mehr zu kitten« –

Das alles sind Redewendungen, mit denen wir ausdrücken wollen, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt; dass etwas falsch läuft; vielleicht auch, dass wir

schuldig geworden sind.

Es heißt aber auch »Scherben bringen Glück«. Vielleicht können wir mit Hilfe der Scherben für unser Leben einen neuen Weg finden zum Glück, zum Heil, zu unseren Mitmenschen, zu Gott.

Wir haben diesen Gottesdienst bewusst still und meditativ gestaltet. Gönnen wir uns die Zeit, unser Leben gut in den Blick zu bekommen.

 

Orgelintonation zu Aus der Tiefe rufe ich zu dir bzw. Posaunenchor

 

1. Zerbrochene Persönlichkeit

Ich hatte mir so viel vorgenommen.

Ich wollte die Welt verändern.

Ich hatte so viele Ideen.

Ich wollte meinen Glauben leben.

Aber viele meiner Träume und Ideale sind zerbrochen, sind zerstört.

So wie die kaputte Scherbe in meiner Hand.

 

Manchmal ist es gut, wenn Ideale zerbrechen.

Manchmal ist es gut, wenn Kinderglaube zerbricht.

Manchmal ist es gut, wenn ich meine Grenzen spüre.

Aber manchmal fehlt mir der Mut, zu meinen Idealen zu stehen.

Manchmal wage ich nicht, für meine Träume zu kämpfen.

Manchmal kann ich nicht den Mut aufbringen, für meinen Glauben

einzustehen.

 

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Hier bist du gefragt«,

aber ich halte mich aus allem raus.

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Jetzt müsstest du etwas tun«,

aber ich lege die Hände in den Schoß.

Ich höre in mir eine Stimme,

aber ich höre nicht auf sie.

Ich nehme in mir einen Anspruch wahr,

aber ich versage mich diesem Anspruch.

Ich versage mich, ich versage.

Manchmal fühle ich mich zerbrochen,

so wie die Scherbe in meiner Hand.

 

Wie erlebe ich mein Leben?

Setze ich mich für Dinge ein, die mir wichtig sind?

Kann ich so sein, wie ich bin, oder muss ich mich verstellen?

Spiele ich anderen etwas vor,

oder kann ich zu mir und zu meinen Träumen und Wünschen stehen?

Gibt es Punkte in meinem Leben, wo ich auch sagen muss:

Ich fühle mich zerbrochen,

zerbrochen, so wie diese Scherbe in meiner Hand?

 

Kyrieruf                        EG 178.9  bzw. Posaunenchor

 

2. Zerbrochene Beziehungen

Beziehungen zu Menschen sind zerbrechlich.

Sie müssen geschützt werden.

An Beziehungen muss ich arbeiten, damit sie halten können.

Beziehungen können kaputt gehen.

Sie können zerbrechen wie eine Scherbe.

Manchmal ist es gut, dass Beziehungen auseinander gehen,

wenn man sich gegenseitig nur einengt,

wenn die Beziehung nicht partnerschaftlich ist,

wenn die Beziehung eigentlich gar keine Beziehung mehr ist,

sondern nur noch ein »Nebeneinander-her-leben«.

Aber manchmal zerbrechen Beziehungen,

weil ich nur an mich denke.

Manchmal zerbrechen Beziehungen,

weil ich den anderen nicht so akzeptieren kann wie er ist.

Manchmal zerbrechen Beziehungen,

weil ich mich nicht für meine Mitmenschen öffne.

 

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Gib acht auf deinen Partner«,

aber ich achte nur auf mich.

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Nimm den anderen so an, wie er ist«,

aber ich presse ihn in das Bild, das ich mir von ihm mache.

Ich höre in mir eine Stimme, aber ich höre nicht auf sie.

Ich nehme einen Anspruch wahr,

aber ich versage mich diesem Anspruch.

Ich versage mich. Ich versage.

Manchmal zerbrechen Beziehungen durch meine Schuld.

 

Wie erlebe ich mich in meinen Beziehungen?

Bin ich kompromissbereit?

Setze ich immer meinen Willen durch?

Gehe ich falsche Kompromisse ein?

Kann ich andere so annehmen, wie sie sind?

Nehme ich Wünsche und Bedürfnisse meiner Mitmenschen wahr?

Wo bringe ich Beziehung zwischen Menschen zum Zerbrechen,

zum Zerbrechen, so wie die Scherbe in meiner Hand?

 

Kyrieruf                        EG 178.9  bzw. Posaunenchor

 

3. Zerbrochene Gesellschaft

Das Zusammenleben in der Gesellschaft kann Frieden

und soziale Sicherheit ermöglichen.

Eine Gesellschaft kann auseinander brechen

und zersplittern wie eine Scherbe:

 

Manchmal zerbricht eine Gesellschaft,

wenn ihre Mitglieder nur noch Rechte

aber keine Pflichten sehen.

Manchmal zerbricht eine Gesellschaft,

wenn Menschen ihre Ellenbogen einsetzen

und auf Kosten anderer Karriere machen.

Manchmal zerbricht eine Gesellschaft,

wenn ein Teil der Bevölkerung

mehr als genug zum Leben haben,

während der andere Teil in Armut lebt.

 Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Misch dich ein, trage Verantwortung«,

aber ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Solidarisiere dich mit deinen Kolleginnen und Kollegen«,

aber ich arbeite nur an meiner eigenen Karriere.

 

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Setze dich für soziale Gerechtigkeit ein«,

aber ich bin nicht bereit, auf meine Privilegien zu verzichten.

Ich höre in mir eine Stimme, aber ich höre nicht auf sie.

Ich nehme in mir einen Anspruch wahr,

aber ich versage mich diesem Anspruch.

Ich versage mich. Ich versage.

Manchmal zerbricht die Gesellschaft durch meine Schuld.

 

Welchen Beitrag leiste ich für das menschliche Zusammenleben?

Wie sieht mein Lebensstandard aus?

Habe ich mich von meinem Wohlstand abhängig gemacht?

Habe ich Augen für die Not meiner Mitmenschen?

Kann ich von meinem Reichtum abgeben?

Werde ich den Menschen in meinem Umfeld

zum Mitmenschen, zum Nächsten?

Nehme ich meine Verantwortung in der Gesellschaft wahr?

Wo werde ich mit schuldig,

dass menschliches Zusammenleben auseinander bricht,

auseinander bricht, wie die Scherbe in meiner Hand?

 

Kyrieruf                        EG 178.9

 

4. Zerbrochener Glaube

Wenn Menschen ein offenes Herz,

ein offenes Auge für die Nähe Gottes haben,

dann erfahren sie ihr Leben als sinnvoll.

Der Glaube an Gott, die Beziehung zu Gott

kann zerbrechen wie eine Scherbe.

Manchmal ist es gut, wenn veralteter Glaube zerbricht,

um einem neuem, reiferen Glauben Platz zu machen,

um wieder einen neuen, vielleicht tieferen Zugang zu Gott zu finden.

 

Manchmal zerbricht der Glaube,

wenn ich mir keine Zeit mehr nehme für Ruhe und Besinnung.

Manchmal zerbricht der Glaube,

wenn ich mich frage, wie Gott das alles zulassen kann.

Manchmal zerbricht der Glaube,

wenn ich durch die Begegnung mit einem Vertreter der Kirche verletzt

worden bin.

 

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Nimm dir Zeit für Gott, gönne dir Ruhe«,

aber ich verliere mich in der Hektik des Alltags.

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Wage einen Neuanfang, öffne dich der Wirklichkeit Gottes«,

aber ich finde nicht den Mut zu diesem Schritt.

Ich höre in mir eine Stimme, die sagt:

»Ich bin bei dir, verlass dich auf mich«,

aber ich fühle mich von Gott verlassen.

Ich höre in mir eine Stimme, aber ich höre nicht auf sie.

Ich nehme in mir einen Anspruch wahr,

aber ich versage mich diesem Anspruch.

Ich versage mich. Ich versage.

Manchmal zerbricht meine Beziehung zu Gott durch meine Schuld.

 

Die Beziehung zu Gott braucht Zeit.

Nehme ich mir diese Zeit?

Finde ich Räume und Zeiten, wo ich mit mir und Gott alleine bin?

Bin ich auf der Suche nach den Kraftquellen,

die der Geist Gottes in mir bereit stellt?

Habe ich ein Auge für die Wirklichkeit Gottes?

Traue ich Gott zu, dass er mir in einem Leben begegnet?

Spüre ich manchmal, dass das Reich Gottes

schon mitten unter uns ist?

Höre ich die Stimme in mir, die mich zum Leben ruft?

Manchmal zerbricht mein Glaube

wie diese Scherbe in meiner Hand.

 

Kyrieruf                        EG 178.9 bzw. Posaunenchor

 

Schuldbekenntnis

Wir haben uns in diesem Gottesdienst Zeit genommen, um darüber nach zu denken, was in unserem Leben durch unsere Schuld alles zu Bruch ging. Wo wir uns zu unseren Fehlern bekennen, wo wir unsere Schuld eingestehen, da übernehmen wir Verantwortung. Nur wer Verantwortung übernimmt, kann etwas ändern. Deshalb lade ich euch dazu ein, dass wir gemeinsam unsere Schuld mit den Worten Martin Luthers bekennen:

Allmächtiger Gott, barmherziger Vater!

Ich armer, elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat,

die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich erzürnt und deine Strafe zeitlich und ewiglich verdient habe. Sie sind mir aber alle herzlich leid

und reuen mich sehr, und ich bitte dich um deiner grundlosen Barmherzigkeit und um des unschuldigen, bitteren Leidens und Sterbens deines lieben Sohnes Jesus Christus willen, du wollest mir armem sündhaftem Menschen gnädig und barmherzig sein, mir alle meine Sünden vergeben und zu meiner Besserung deines Geistes Kraft verleihen.  Herr, guter Gott, erbarme dich!

 

Kyrieruf                        EG 178.9

 

Zuspruch

Jesus ging wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und

sprach:

Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.
(Markus 1,15)

 

Lied:           Ich lobe meinen Gott     EG 272      

 

Lesung:       Lukas Evangelium 13,6-9

 

Lied: Strahlen brechen viele             EG 268,1- 5

 

Predigt

Liebe Gemeinde!

In der Hand halten Sie eine Scherbe. Sie symbolisiert die Brüche meines Lebens, meiner Beziehungen. Sie erinnert an die Brüche in der Gesellschaft und an die Brüche meines Glaubens. Diese Scherbe scheint zu nichts mehr nütze, außer dass sie weggeworfen werde. Mit ihr ist nichts mehr damit anzufangen. Sie gehört auf den Müll. So denken wir. So reden wir. So handeln wir.

Doch diese Scherbe symbolisiert zugleich auch Hoffnung. Da ist einer, der nimmt die Scherben unseres Lebens und unserer Beziehungen, die Scherben unserer Gesellschaft und unseres Glaubens auf. Er sieht sie mit den Augen seiner Liebe an.

Seine Liebe ist der Kitt unseres Lebens und unserer Beziehungen, unserer Gesellschaft und unseres zerbrochenen Glaubens.

Seine Liebe ist der Kitt, der unsere Verletzungen zu heilen vermag. Seine Liebe ist der Kitt, der Sünden, Verfehlungen und Versagen verzeihen lassen kann. Wer liebt, ist in der Liebe Gottes aufgehoben, und in ihm ist keine Schuld mehr vor Gott.

Denn diese Zusage Gottes haben wir: Wer den Mut zur Umkehr findet, dem ist vergeben, der darf neu anfangen, dem wird das Reich Gottes geschenkt – schon jetzt mitten unter uns.

Noch einmal: Unser Leben besteht aus vielen Brüchen, immer wieder haben wir das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Aber wenn wir uns immer wieder neu an den Weisungen Gottes ausrichten, dann kann er die Scherben in unserem Leben kitten, dann kann selbst aus diesen Scherben noch etwas Neues, Sinnvolles entstehen, dann können aus einem scheinbar kaputten Leben neue Möglichkeiten und Lebensträume erwachsen, dann kann eine zerbrochene Gesellschaft neue Zuversicht gewinnen, ein zerbrochener Glaube wieder neu hoffen lernen.

Denn der Buß- und Bettag erinnert daran: unser Leben und unsere Beziehungen, unsere Gesellschaft und unser Glaube stehen unter der Verheißung:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jeremia 29,11)

So oft  Sie die Scherbe zur Hand nehmen, möge sie Ihnen ein Zeichen sein für Gottes Geduld und Liebe und Ermutigung, selbst Verantwortung zu übernehmen, die Scherben des Lebens und der Beziehungen, die Scherben der Gesellschaft und des Glauben mit Geduld und Liebe zu kitten. Amen.

 

Lied: Wir beten für den Frieden       EG 678,1-2         

 

Glaubensbekenntnis

 

Lied: Wir beten für den Frieden       EG 678, 3-4

 

Fürbitte

Wir beten um Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit für die Länder und Nationen

auf der ganzen Erde

Wir rufen: Gott der Liebe kitte unsere Lebensscherben

 

Wir beten um Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit in unserem Land,

in unserer Gesellschaft zwischen Armen und Reichen, zwischen Einheimischen und Fremden

Wir rufen: Gott der Liebe kitte unsere Lebensscherben

 

Wir beten um Frieden, in Freiheit und Gerechtigkeit

zwischen den Religionen. Behüte vor Selbstüberschätzung und Intoleranz.

Wir rufen: Gott der Liebe kitte unsere Lebensscherben

 

Wir beten um Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit in den Familien,

dass Alt und Jung, Männer und Frauen und Kinder einander achten und ehren und lieb behalten.

Wir rufen: Gott der Liebe kitte unsere Lebensscherben

 

Wir beten um Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen in ihren Gedanken, in ihrem Herzen und Gewissen, und wir bitten um Frieden für uns.

Wir rufen: Gott der Liebe kitte unsere Lebensscherben

 

Wo wir uns für die Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen öffnen,

da können die Scherben unseres Lebens gekittet werden. Wo wir

Raum für Gott lassen, da wird erlebbar, dass wir alle wie Brüder und

Schwestern sind. Da wird erlebbar, dass wir alle Kinder des einen Vaters

im Himmel sind. Zu diesem Vater wollen wir nun beten:

 

Vaterunser

 

Segen

Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Ich stehe vor einem

Scherbenhaufen.

Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Zwischen uns gibt es nichts mehr zu kitten.

Keinen Tag soll es geben, an dem du sagen musst: Mein Lebensmut ist zerbrochen.

Und die Liebe Gottes, die der Kitt ist, der unser Leben mit dem wahren Glück verbindet, sei alle Zeit mit euch!

So segne uns alle der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

Lied: Der Lärm verebbt  (Nr. 12 Liederheft Kirchtag Köln)

 

Posaunenchornachspiel

Erstellt: 6.12.2009
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:38 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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