Predigt "Schlüsselerlebnis Glaube"
Text: Römer 1,16-17
Liebe Gemeinde!
Als im letzen Herbst der Lutherfilm in den Kinos lief, lockte er viele, viele Menschen an, die seit Jahren kein Kino mehr besucht hatten. Darin sehe ich ein Indiz, wie groß immer noch die scheinbar nicht mehr relevante Frage nach dem Glauben ist. Beeindruckend bleibt für mich, wie einfühlsam Luther gezeigt wird, als ein Suchender und Zweifelnder, ja Verzweifelnder auf der Suche nach Gott. Geprägt von der Angst, mit seinem Leben vor Gott zu scheitern. Denn Gott erschien ihm als unerbittlicher gnadenloser Richter, vor dem er als Mensch nur "schuldig, schuldig, schuldig" sein konnte, was er auch an frommen Übungen anstellte. Bei seiner Suche nach Antwort auf die Frage: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" hat er fast seinen Glauben verloren.
Er sah all die Bemühungen seiner Zeitgenossen, sich von Sünde und Schuld freizukaufen. Die Kirche hielt damals ein reichhaltiges Angebot bereit, vom Ablass bis zur Wallfahrt nach Rom. Aber all diese Bemühungen halfen am Ende nicht weiter. Später fasste er diese Erfahrung in die Worte:
"die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen musst ich sinken."
(EG 341,3)
Martin Luther stieß bei den Vorbereitungen auf seine Vorlesung, die er als Professor über den Römerbrief zu halten hatte, auf die Worte, die uns heute zum Nachdenken vorgelegt sind:
16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): "Der Gerechte wird aus Glauben leben."
Das Evangelium offenbart Gottes Gerechtigkeit. Für Martin Luther waren diese Worte ein Schlüsselerlebnis. Noch 1545 erinnert er sich daran: "Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in ihm. Ich hasste dieses Wörtchen "Gottes Gerechtigkeit"; denn nach Brauch und Gewohnheit aller Lehrer hatte ich gelernt, "Gerechtigkeit" philosophisch zu verstehen, im Sinne der "formalen" und "aktiven" Gerechtigkeit, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten bestraft... So tobte ich mit wütendem, aufgewühltem Gewissen, klopfte dennoch weiter ungestüm an diese Stelle bei Paulus an, voll glühenden Durstes, herauszufinden, was Paulus meinte. Da erbarmte sich Gott über mich, sodass ich... auf die Verknüpfung der Worte achtete, nämlich Gottes Gerechtigkeit offenbarte sich in ihm, wie geschrieben steht:
Der Gerechte wird aus Glauben leben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen als die, durch die der Gerechte lebt, weil Gott sie ihm schenkt, und zwar auf der Grundlage des Glaubens, und die Aussage zu begreifen, dass durch das Evangelium die Gerechtigkeit offenbart werde, die passive nämlich, durch die der barmherzige Gott uns mittels des Glaubens rechtfertigt...
Jetzt fühlt ich mich neu geboren, die Türen waren aufgegangen und ich war ins Paradies eingetreten."
(WA 54, 185f, zitiert bei K. Haacker, THNT 6, 1999, S.39)
"Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" hat Luther gefragt und erkannt: Gott schenkt sich selbst in Jesus Christus. Wer an ihn glaubt, ist gerettet.
Sind wir uns als Christen darüber noch im Klaren, was es mit uns und unserem Verhältnis zu Gott eigentlich auf sich hat? Es geht nicht um ein schönes und nettes Gefühl, das vom Religiösen ausgeht, oder um eine hübsche Kirche mit guter Orgelmusik.
Sind wir uns als Christen darüber noch im Klaren, was Grundlage unseres Glaubens ist? Wir bekennen ihn zwar, jeder für sich und auch alle zusammen Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis. Doch umreißt ein solcher liturgischer Text nur das, was wir äußerlich Glauben nennen. Glauben ist vor allem unsere ganz persönliche Beziehung mit Gott. Und diese Glaubensbeziehung ist wie in einer menschlichen Beziehung nur möglich, wenn wir in Kontakt bleiben. Darum fordert der Hebräerbrief dazu auf: "Lasset uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes." (Hebräer. 12,2)
Auf ihn haben wir im Glauben zu blicken. In diesem Vertrauen auf die Vergebung sind wir gerecht, wird uns die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geschenkt. Wer so glaubt, dessen Tun ist frei von allem Eigennutz und aller kleinlichen Gesetzlichkeit. Wer so glaubt, erfährt wie Paulus schreibt:
Das Evangelium ist eine Kraft Gottes. Nicht nur ein Wort, nicht nur schöne Worte, sondern Kraft und Dynamik. Paulus selbst hat diese Kraft und Dynamik in der Begegnung vor Damaskus erlebt: In der Anfrage des Auferstandenen. "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" (Apg. 9,4) werden ihm die Augen geöffnet und er wird vom Verfolger zum Gesandten Jesu.
Das Evangelium ist eine Kraft Gottes. In der Lesung haben wir die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum gehört, wie er zu spüren bekam: "Sein Knecht ward gesund zu derselben Stunde!" Gott erneuert Körper und Geist. Soll das heutzutage aus und vorbei sein? Sicher gibt es viele Menschen, die das nicht mehr glauben, die im Elend versinken, ohne die Erfahrung der Kraft Gottes. Aber daneben gibt es die andere Erfahrung des neuen Anfangs: Plötzlich geht es wie ein Ruck durch meine Glieder. Der Lebensmut ist wieder da. Die Abwehrkräfte werden stärker, gewinnen die Oberhand, die Heilung gelingt. Kraft Gottes, unerwartet und doch wirksam. "Und der Knecht ward gesund zu derselben Stunde!" Gibt es nicht solche wunderbaren psycho-somatische Erfahrungen? Sie sind nicht manipulierbar, und auch nicht zu speichern und wieder hervorzuholen. Sie sind unverfügbares Geschenk Gottes. Paulus sagt, das Evangelium als Kraft Gottes werde erfahren von denen, "die daran glauben".
Es kommt also auch heute noch darauf an, was wir Gott zutrauen. Der Hauptmann traute Jesus alles zu: "Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund." (Mt. 8,8) Trauen wir ihm nichts zu, dann tut er auch nichts. Dann kann er auch nichts. In Nazareth, seiner Heimatstadt, so wird uns berichtet, konnte er keine einzige Tat tun, weil sie ihm nichts zutrauten. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes. Am 15. Januar wäre Martin Luther King 75 Jahre alt geworden.
Er hat im Sinne Jesu, wie in der Bergpredigt überliefert, ohne Wenn und Aber auf Gewaltlosigkeit gesetzt.1955 wurde King zum Anführer eines Boykotts der Schwarzen gegen die Omnibusse in Montgomery; Anlass hierfür war die Festnahme von Rosa Parks, einer Schwarzen, die sich geweigert hatte, einem weißen Fahrgast ihren Sitzplatz zu überlassen. In der Nacht darauf trafen sich 50 führende Köpfe der späteren Bürgerrechtsbewegung in einer Kirche, um das Problem zu diskutieren, unter ihnen der junge Priester Dr. Martin Luther King Jr. Die Anführer organisierten den "Montgomery-Bus-Boykott", der die Busunternehmen zwei Drittel ihres Umsatzes kostete. Im Laufe der 381 Tage dauernden Aktion wurde King - unter dem Vorwand, er sei mit dem Auto etwas zu schnell gefahren - festgenommen und inhaftiert; sein Haus wurde von Unbekannten in die Luft gesprengt, er bekam mehrere Morddrohungen. Aber der Boykott endete 1956 erfolgreich mit einem Erlass des Obersten Gerichtshofes, der jegliche Art von Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt für gesetzwidrig erklärte.
In den 60-er Jahren war Birmingham die Stadt, in der die Rassentrennung am härtesten durchgesetzt war. Schwarze Männer und Frauen veranstalteten Sit-ins an Essensausgaben, an denen sie kein Essen bekamen und "kneel-ins" auf den Stufen der Kirchen, in die sie nicht eingelassen wurden. Hunderte von Demonstranten wurden bestraft und kamen ins Gefängnis. 1963 führten Martin Luther King und zwei weitere Geistliche einen Protestmarsch in Birmingham an; Polizei und Hunde wurden ihnen entgegengesetzt, die drei Priester wurden verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Beim historischen Marsch auf Washington - 250.000 Schwarze und Weiße demonstrierten am 28. August desselben Jahres gemeinsam vor dem Denkmal Abraham Lincolns - hielt er seine berühmte Rede "I Have a Dream":"Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Ich habe den Traum heute!"Das Evangelium ist eine Kraft Gottes - für alle, die Gottes Wort Glauben schenken. Mehr ist dazu nicht nötig.Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen