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Predigt und Liturgie - Sich rechtfertigen lassen

Text: Galater 2,16-21
16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Liebe Gemeinde!

Sich rechtfertigen zu müssen ist eine unangenehme Sache. Schließlich gilt es, einen Vorwurf zu entkräften oder etwas, das man getan hat, nachvollziehbar zu machen. Man bemüht sich, andere davon zu überzeugen - oder ihnen zumindest zu erklären -, warum man so und nicht anders handeln konnte. Wer sich rechtfertigen muss, ist in der Defensive. Man reagiert auf Fragen und Anschuldigungen und verteidigt sich, so gut es eben geht. Nicht selten sind derjenige, der klagt und jener, der verteidigt, ein und dieselbe Person. Sich vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, empfinde ich als besonders schlimm. Denn es bedeutet, sich seiner selbst nicht mehr sicher zu sein, Zweifel zu haben an dem, was man ist oder tut.

Derzeit gibt es ja einen sehr prominenten Rechtfertigungsfall in Deutschland: Günther Grass. Es geht um ein paar Monate seines immerhin schon fast 80jährigen Lebens, in denen er freiwilliges Mitglied der Waffen-SS gewesen ist. Was man ihm vorwirft, ist, dass er damit erst jetzt so richtig herausrückt, obwohl er schon früher keinen Hehl daraus gemacht hatte, sich als Kind von den Naziparolen verführt haben zu lassen. Die Reaktionen auf sein spätes Geständnis sind sehr unterschiedlich: die einen halten es für einen genialen PR-Gag, um seine nun erschienene Biographie an den Mann oder die Frau zu bringen; eine zweite Gruppe stellt sein gesamtes Lebenswerk in Frage, seine persönliche Glaubwürdigkeit, auch seine moralische Integrität; und schließlich gibt es jene, die sich darüber aufregen, dass sich so viele über diesen Fall aufregen.
Nach allem, was ich bisher an Interviews und Kommentaren zu diesem Fall gelesen habe, scheint mir Günther Grass selbst nicht so ganz schlau aus sich zu werden. Er selbst sagt, dieses Thema sei in ihm vergraben gewesen und erst jetzt sei der richtige Zeitpunkt für ihn gekommen, damit an die breitere Öffentlichkeit zu gehen. Ist das nicht verständlich? Schließlich war die Waffen-SS eine berühmt-berüchtigte Truppe und man darf davon ausgehen, dass Günther Grass die längste Zeit seines Lebens bestimmt nicht stolz darauf gewesen ist, ihr freiwillig angehört zu haben. Vielleicht hat er ja geahnt, dass es eine moralistische Treibjagd geben wird. Oder er hat sich einfach nur davor gescheut, sich dieser Geschichte zu stellen...?

Sich der eigenen Geschichte, der eigenen Vergangenheit zu stellen, ist ja nicht gerade einfach. In jedem Leben gibt es die dunklen Flecken, die man am liebsten vergessen würde und die man deshalb in die hinterste Schublade der Erinnerung steckt. Wir Menschen sind Wesen, die Fehler machen und - und das ist Glück und Unglück zugleich - sich dieser Fehler in der Regel bewusst sind. Nur wie gehen wir mit ihnen um? Selten gelingt es uns, sie als das zu akzeptieren, was sie sind: menschlich. Und noch seltener gelingt es uns, sie ebenso selbstverständlich mit anderen zu teilen, wie wir es mit unseren Sonnenseiten zu tun vermögen. Scham wird eine Rolle dabei spielen. Aber sicher auch Furcht vor den Reaktionen unserer Mitmenschen, obwohl sie ja ebenso fehlbar sind, wie man selbst.
Paulus war einer, der auch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hatte. Er hatte mit großem Eifer ChristInnen verfolgt und ist bei Steinigungen dabei gewesen. Dann kam seine Reise nach Damaskus, sein Bekehrungserlebnis, seine neue Mission: Apostel für die Völker zu werden. Ich möchte nicht wissen, wie oft er auf seine Vergangenheit angesprochen worden ist, wie oft er hat Stellung beziehen müssen, wie oft man ihm das Apostelamt aufgrund seiner Biographie abgesprochen hat. Und wie oft er sich selbst dafür geschämt hat. Und dennoch verheimlicht er es nicht. Von seiner unrühmlichen Vergangenheit wissen wir aus derselben Schrift, die ihn später als einen der einflussreichsten Missionare ausweist. Und auch er selbst setzt sich in seinen Briefen immer wieder damit auseinander, gerade dann, wenn es darum geht, Menschen von dem zu überzeugen, wofür er nun wirbt: Für einen Gott, der Gnade vor Recht ergehen lässt und die Menschen bedingungslos liebt.

In unserem Predigttext schreibt Paulus von Gesetz und Werken und er meint damit nicht nur Vorschriften, an denen wir uns mehr oder weniger halten und Taten, die ihnen mehr oder weniger entsprechen. Ihm geht es um unser ganzes Leben. "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." Er schreibt nicht: ich tue, ich mache, ich handle ... er schreibt: ich lebe! Und es heißt auch nicht: Christus tut für mich, macht für mich, handelt für mich ... es heißt: Christus lebt! In mir! Und zu diesem Leben gehört eben nicht nur der Völkerapostel Paulus, sondern auch der Christenverfolger Saulus. Auch wenn er seinen Glauben geändert hat, auch wenn er seine Feindseligkeit gegenüber den ChristInnen bereut hat, auch wenn er nun anders redet und denkt und handelt als damals: Saulus wird immer ein Teil seines Lebens bleiben. Und dennoch lebt Christus in ihm! Paulus hat erfahren, was Paul Gerhardt in seinem Osterlied: „Auf, auf, mein herz mit Freuden “ so beschreibt:

Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll…
(EG 112,6)


Diese Gnade hat sein Leben verändert. Für diese Gnade lebt Paulus mit allen seinen Sinnen. Denn er muss sich nicht mehr rechtfertigen. Vielmehr: Christus fertigt ihn recht und Paulus lässt es sich gefallen.
Vielleicht hilft uns dieser Glaube ja, anders mit unseren und den Fehlern anderer umzugehen. Liebevoller, auch, wenn ich das so sagen darf, gnädiger. Zunächst mit sich selbst. Vielleicht trauen wir uns und anderen es dann auch zu, mit diesen Fehlern offener zu leben. Weil wir davon ausgehen dürfen, dass nicht gleich mit dem Finger auf uns gezeigt und unser Leben in Frage gestellt wird. Von Gott wissen wir, dass wir ihm unser ganzes Leben anvertrauen können. Diesem ganzen Leben gilt seine bedingungslose Liebe. Es wäre schön, wenn sie auch in unserem Alltag durchscheinen würde. Auch gegenüber einem Menschen wie Günther Grass. Ihm würde bestimmt manches leichter fallen. Und vielleicht hätte er sich sogar etwas früher getraut, zu dem zu stehen, was er ist: ein Mensch, von Gott geliebt. Amen.

Liturgie

Wochenspruch:

Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
(1.Petrus 5,5b)

Kyrie

Gott, bei dir sind wir Zuhause. Hier können wir sein, wer wir sind: Menschen, von dir geliebt, angenommen, gesegnet. Vor dir müssen wir nichts verbergen, bei dir müssen wir uns nicht verstellen. So wollen wir nun ablegen, was nur Schein und Maske ist und uns dir öffnen, wie du uns kennst. KYRIE ELEISON ...

Zuspruch: 

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.
(1.Petrus,2,9)

Kollektengebet

Gott, dafür wollen wir dir danken, dass du uns liebst, wie wir sind. Hilf uns, auch anderen gegenüber diese Liebe zu zeigen, die keine Scheu vor Unvollkommenheit kennt und die Brüche im Leben nicht verschleiert, sondern einzubeziehen sucht in ein neues Leben mit dir. Das bitten wir dich im Namen deine Sohnes, der für uns gestorben und auferstanden ist und mit dir und dem heiligen Geist in unseren Herzen lebt und regiert bis in alle Ewigkeit.

Fürbitten

Gott, stärke uns mit deinem Segen, damit wir es nicht nötig haben, mehr zu scheinen, als wir sind.
Stärke uns mit deinem Segen, damit wir den Menschen in aller Offenheit und Liebe begegnen können.
Stärke uns mit deinem Segen, damit wir der Versuchung widerstehen, Konflikte mit körperlicher oder seelischer Gewalt auszutragen.
Stärke uns mit deinem Segen, damit wir jene nicht vergessen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind.
Stärke uns mit deinem Segen, damit wir für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung deiner Schöpfung eintreten können.
Stärke uns mit deinem Segen, damit diese Welt die Luft deines Himmelreiches atmet.

Erstellt: 10.9.2006
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 17:14 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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