Predigt "Siddhanta Gautama"
Text: Hebräer 10,10-18
[10] Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.
[11] Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen,
[12] und spricht (Psalm 22,23): »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.«
[13] Und wiederum (Jesaja 8,17): »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum (Jesaja 8,18): »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.« [14] Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,
[15] und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.
[16] Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.
[17] Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.
[18] Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.
Liebe Gemeinde!
Als ich diesen schwer verständlichen Text zu verstehen suchte, kam mir eine Legende in den Sinn. Sie erzählt von dem jungen Siddhanta Gautama, lange vor seinem Erwachen zum Buddha. Er lebte wohlbehütet und fern von aller weltlichen Not in den Lustgärten seiner Familie. Strenge Befehle geboten der Dienerschaft, jede Begegnung mit der Welt jenseits der Parkumfriedung, einer sehr hohen Mauer, zu verhindern. Es gab in den Lustgärten viele Anregungen und herrliche Abwechselungen, die seine Tage ausfüllten. Aber Siddhanta war ein junger Mensch, voller Neugier und Abenteuerlust. Er ahnte wohl, dass die Welt, die seine Familie für ihn geschaffen hatte, nicht die Welt war, in der die Menschen - zumindest die meisten von ihnen - leben. Entdeckungsfahrten brachten ihm die Begegnung mit einem Greis, einem Kranken, einem Toten und einem Asketen. Und mit diesen Begegnungen, die das Elend und die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz darstellen, war die Illusion seiner Jugend beendet. Er wich der Realität des Lebens nicht aus, deshalb konnte er später anderen helfen. Siddhanta hatte Mut. Mut gehörte zu den Charaktereigenschaften seiner Kaste. Doch dieser Mut sollte sich der Tradition nach im Kampf Gleicher mit Gleichen bewähren. Sein Mut zeigte sich darin, den Leidenden zu begegnen und ihre Anliegen zu seinen eigenen zu machen.
Ich kann der Frage nicht ausweichen, ob nicht einer der wichtigsten Keime für die Krankheit unserer Zeit – einer Zeit der Gefühlskälte und der Kommunikations- schwächen - der mangelnde Mut ist, den Leidenden zu begegnen. Ich sehe mir die Gesichter der Menschen an: sie müssten doch alle glücklich aussehen, wenn sie dem Leben nur die positiven Seiten abgewinnen wollen. Aber wie wenig glückliche Gesichter auftauchen, auf der Straße, im Restaurant, vom Arbeitsplatz ganz zu schweigen. Ist es die Angst, dass, nachdem alles so gut gesichert ist wie Siddhantas Park durch die hohen Mauern, die Sicherungen durchbrennen könnten? Ist es die Angst, dass dann die Illusionen zusammenfallen und ungehindert die Realitäten über ihre schutzlosen Opfer herfallen? Und liegt in dieser „hinter den Mauern bleiben“ der Grund dafür, dass uns der heutige Text so schwer verständlich erscheint.
Denn wenn wir den Text an uns heran ließen, dann würden wir entdecken: Gott hat diesen Mut schon längst bewiesen. Er ist nicht unter seines Gleichen geblieben: "Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an." (V.16) Er hat sich in Jesus eingelassen auf seine Schöpfung. Er hat seine Kinder nicht vergessen. Er nimmt ihnen die Freiheit, die er ihnen gegeben hat, nicht zurück. Doch er lässt diejenigen nicht in Stich, die die Folgen der missbrauchten Freiheit tragen. Ihre Gemeinschaft sucht er. Nicht in die heile Welt der Engel zieht es ihn, sondern in das Elend der Kinder Abrahams. Und genauso unbegreiflich ist es, dass er sie nicht aus dem Leiden befreit, sondern in ihrem Leiden nahe ist.
Zu meiner Studentenzeit war dies ein heiß umstrittenes Thema: Gott schweigt. Er kümmert sich nicht um diese Welt. Er hat sie sich selbst überlassen. Und die Kirche habe immer nur beschwichtigt, dem Einzelnen zugemutet unter dem Kreuz zu bleiben. So habe sie dazu beigetragen, Leiden zu rechtfertigen, anstelle das Leiden und die tiefer liegenden Ursachen aufzudecken. Die Vision einer leidensfreien Welt mit allen gesellschaftlichen Mitteln zu erreichen, sei Aufgabe unserer Zeit.
Heute verstehe ich Gottes Weg in und unter das Leiden als ein nicht zu fassendes Wunder. Gottes Leidenschaft, seine Passion, für uns Menschen ist so groß, dass er unterscheidet zwischen den Menschen und ihren Taten. Ein biblisches Beispiel ist für mich immer wieder das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Seine Taten werden nicht verschwiegen, sein zerstörtes Leben nicht schön geredet, entschuldigt. Doch als Sohn wird er wieder aufgenommen mit allen Ehren und Rechten, auch wenn die nächste Umwelt mit noch soviel Unwillen dagegen anrennt. In der Begegnung mit den Menschen seiner Zeit macht Jesus diese Passion Gottes deutlich, ob in der Zuwendung zu den Kranken, zu den verachteten Zöllnern, im Gespräch mit den Gesetzeslehrern, den Pharisäern und Sadduzäern. Ja, auch im Umgang mit seinen Jüngern zeigt sich diese Passion, die den Petrus nicht fallen lässt, der ihn verleugnet, die Judas nicht ausschließt vom letzten Mahl, obwohl er ihn um dreißig Silbergroschen verraten hat. Jochen Klepper hat es in einem seiner Lieder die Passion Gottes so beschrieben: "Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht." (EG16,5)
Gottes Passion, seine Leidenschaft, für uns Menschen, verstehe ich daher nicht als Rechtfertigung von Leiden, sondern als Ausdruck seines Ringens um uns. Er holt die Menschen dort ab, wo sie sind, und gaukelt ihnen keine illusionäre Welt vor. Gottes Leidenschaft geht soweit, dass er sich selbst dem Leiden und Sterben hingibt. Der Apostel Paulus schreibt im Philipperbrief: "Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz." (Phil.2,8)
Gottes Passion, seine Leidenschaft, für uns Menschen, verstehe ich daher als Befreiung für uns, damit wir erkennen, dass die Todesmächte ihre Macht verloren haben. Befreit um die Sorge um mich selbst, werde ich frei für die Begegnung mit den Leidenden.
Gottes Passion, seine Leidenschaft, für uns Menschen, als Ermutigung für uns, die wir oft müde und verzagt sind, die unter der Erfahrung leiden: "Es ist doch alles umsonst! Die Welt bessert sich nicht, mögen sich auch die Verhältnisse verändern." "Ja!" sagt der Glaube, "es ist wirklich alles umsonst" und blickt auf das Kreuz Jesu. Denn dort erkennt der Glaube:
Dein Kampf ist unser Sieg,
dein Tod ist unser Leben;
in deinen Banden ist
die Freiheit uns gegeben.
Dein Kreuz ist unser Trost,
die Wunden unser Heil,
dein Blut das Lösegeld,
der armen Sünder Teil.
(EG 87,3 Adam Thebesius: Du großer Schmerzensmann)
Noch einmal: in dieser Leidensgeschichte Jesu kommt eine Lebensgeschichte und ein Lebenswerk zum Ziel. Es ist ihr Ziel, dem Tode die Macht zu nehmen (2,14). Macht hat der Tod, weil er Furcht und Schrecken verbreitet, weil man mit ihm drohen und herrschen kann, weil man sich vor ihm ängstigt und scheut. Macht hat der Tod, weil wir an ihm unsere Grenze erleben, die Grenze, die unsere Lebenswerke in Frage stellt.
Das Besondere der Leidensgeschichte Jesu Christi ist, dass sie uns von dieser Furcht erlöst (2,15). Und sie erlöst uns von dieser Furcht, weil sie zutiefst die Geschichte ist, in der der schöpferische Gott unser Menschsein annimmt.
Darum sind wir heute Abend einladen zum Tisch unseres Herrn. Hier sehen und schmecken wir, dass er wie in seinem Wort auch in, mit und unter Brot und Wein für uns da ist. Seine Passion ist eine Liebesgeschichte – gestern wie heute und morgen wie heute. Amen.
Liturgie
Gründonnerstag am 19. 03.2008
Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Amen.
Mit dem Gründonnerstag ist nicht nur die Erinnerung an die Einsetzung des Abendmahles verbunden, sondern in der alten Christenheit war es auch der Tag, an dem die weinenden (, die „greinenden“) Büßer wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wurden. Daher hat dieser Tag wohl seinen Namen bekommen. Gerade der Gedanke der Gemeinschaft prägt diesen Tag, mehr als die Trauer über einen Abschied, Gemeinschaft selbst über den Tod hinaus, jene bleibende Gemeinschaft, wie sie von Christus in seinem Mahl gestiftet ist. Vom Dank über den Neuen Bund Gottes mit den Menschen erhält der heutige Abend seinen Charakter, seine Zuversicht und sein Getröstetsein, ja seine verhaltene Freude, wie sie sich auch im liturgischen Weiß andeutet.
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR. (Psalm 11,4)
Psalm 111 EG 748
Kyrie
Ich habe diese Kirche betreten.
Hinter mir Tage der Arbeit.
Ich habe mich auf einer Bank niedergelassen.
Ich habe den Wunsch, dass sich alles in mir setzt.
Alles Laute des Tages soll abklingen.
Die Geschäftigkeit – die Depression, die Spannung – die Unruhe.
Alles soll abklingen.
Vor mir Tage der Ruhe, Karfreitag und Ostern.
Tage für mich und für Gott.
Vor mir dieser Abend.
Ich möchte still werden und hören, Gott.
Komm in mich und öffne mich für dein Wort.
So hebe ich meine Augen auf zu dir und rufe: Kyrie eleison…
Zuspruch
Jesus Christus spricht: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander, wie ich euch geliebt.“
Kollektengebet
Beten wir in der Stille zu Gott, der die Welt durch seine Liebe erlöst: - Stille -
Gott des Lebens. In der Hingabe Jesu sehen wir, wer du bist für diese Welt. Im gebrochenen Brot und im geteilten Kelch empfangen wir die Verheißung, dass du die Vergebung unserer Sünden schenkst. Wir bitten dich - weil er alles vollbracht hat - nimm uns auf in deinen Frieden, wer wir auch sind, nimm uns auf in den Neuen Bund des Lebens durch ihn Christus, unsern Herrn.
So loben und preisen wir dich, der du neu die Gemeinschaft stiftest durch deinen Geist in Jesus Christus in Zeit und Ewigkeit.
Abendmahl
Vorbereitung Eingeladen an den Tisch Jesu kommen wir und bekennen, wer wir sind und was uns beschwert: Menschen, die glauben möchten und doch zweifeln; Menschen, die lieben wollen und dabei versagen; Menschen, die es mit der Hoffnung versuchen und sich dennoch fürchten. So klagen wir unsere Not, unser Ungenügen, unsere Schuld und bitten um Gottes erbarmende Gnade
Kyrie-Litanei
Wie oft sind wir müde und ausgelaugt, schon von dem, was jeder Tag verlangt, erst recht wenn wir an Grenzen kommen. Wie schnell fühlen wir uns von Ansprüchen überfordert. Wie leicht werden wir entmutigt, weil so viel Unwägbares auf uns zukommt. Wir brauchen einen Platz zum Atemholen. Wir brauchen das umsonst Geschenkte. Wir brauchen das Fest und brauchen Befreiung. Wir rufen:
Kyrie-Ruf EG 178.9
Wie häufig fühlen wir uns leer und unerfüllt. Wie schnell kann das schal und fade werden, was uns einst erstrebenswert schien. Wie mächtig sind Hunger und Durst und bestimmen unser Leben. Wir brauchen, was uns wirklich nähren kann. Wir brauchen den Geschmack der Ewigkeit. Wir brauchen das Fest und brauchen bleibenden Halt. Wir rufen:
Kyrie-Ruf EG 178.9
Wie stark sind wir doch in uns selbst verstrickt und gar nicht offen für andere. Wir schnell sehen wir uns getrennt, verlassen, missachtet, abgelehnt, bedroht. Wie leicht kann all unser Mühen so ganz vergeblich sein. Wir brauchen Gemeinschaft und tragende Liebe. Wir brauchen Annahme ohne Vorbehalt. Wir brauchen das Fest und brauchen die Freude. Wir rufen:
Kyrie-Ruf EG 178.9
Christus spricht: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. (Joh 14,27)
Christus hat sich euer erbarmt und eure Schuld vergeben.
Friede sei mit euch.
Gemeinde: Und mit deinem Geist.
Liturg: Erhebet eure Herzen.
Gemeinde: Wir erheben sie zu Gott.
Liturg: Lasst uns Gott danksagen.
Gemeinde: Das ist würdig und recht.
Präfation
In Wahrheit ist es würdig und recht, unser Dienst und unsere Freude,
dir, ewiger Gott, Dank zu sagen:
Immer und überall bist du zu preisen für dein Werk der Erlösung.
Wir loben dich durch unsern Herrn Jesus Christus.
Er ist das Brot des Lebens und die Quelle des Heils.
Er lädt uns an seinen Tisch zur Gemeinschaft mit ihm und untereinander.
Er hat uns sein Mahl gestiftet als Siegel des neuen Bundes.
Darum stimmen wir ein in den Lobgesang deines Volkes und deiner ganzen Schöpfung
Darum singen wir von deiner Größe und Barmherzigkeit und bekennen mit allen deinen Engeln ohne Ende: Heilig, heilig, heilig...
Gemeinde: Heilig, heilig, heilig
Erfülle uns mit deinem Frieden, wenn wir nun tun,
was Jesus Christus geboten hat:
In der Nacht, in der Jesus verraten wurde,
nahm Jesus das Brot, sprach das Dankgebet,
brach das Brot, gab es ihnen und sprach: Nehmt hin und esst;
das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Solches tut zu meinem Gedächtnis.
Desgleichen nahm Jesus nach dem Mahl den Kelch,
sprach das Dankgebet, gab ihnen den Kelch und sprach:
Nehmt hin und trinkt alle daraus; dieser Kelch
ist das neue Testament in meinem Blut, das vergossen wird für viele.
Solches tut, so oft ihrs trinkt, zu meinem Gedächtnis.
Sooft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken, erfahren und bezeugen wir das Geheimnis des Glaubens.
Deinen Tod, o Her, verkündigen wir und deine Auferstehung preisen wir, bis dass du kommst in Herrlichkeit.
Vaterunser
Christe, du Lamm Gottes
Austeilung
Dankgebet
Jesus Christus, du hast dich dahingegeben in den Tod am Kreuz. Im Brot des Lebens und im Kelch des Heils bekräftigst du aufs Neue den göttlichen Bund mit uns. Lass deine Gabe in uns wirken, dass wir lebendige Glieder deines Leibes sind und bleiben, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und die Deinen liebst in Ewigkeit.
Fürbitten
Guter Gott, du teilst aus – und wir empfangen, du gibst uns Speise – und wir werden satt, du kommst uns nah – und es wird hell.
Darum bitten wir dich für alle Christen, die du in deiner Kirche versammelt hast,
hier in Windesheim –Guldental und auf der ganzen Welt, stärke unseren Glauben, hilf uns Trennendes zu überwinden und führ uns zusammen an Deinen Tisch.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
Für die Menschen, die nach Gerechtigkeit dürsten, weil sie auf der Flucht vor Krieg und
Katastrophen sind, bitten wir Dich, steh ihnen bei und hilf uns, ihre Not zu lindern.
Für die Menschen, die an Körper und Geist Hunger leiden, die krank sind, die sich einsam fühlen, oder an sich selbst zweifeln, bitten wir dich, schenke ihnen Brot des Lebens, dass sie neue Kraft bekommen und wieder auffahren wie Adler.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
Freud und Leid der letzten Tage, das was unser Herz hier und jetzt bewegt, bringen wir in der Stille vor Dich, Gott
(Pause)
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
Amen.
Segen
Und nun stellt euch für diese Nacht und die Tage,
die vor Euch liegen unter den Segen Gottes:
Gott segne dich und behüte dich;
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
Gott erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen.