Predigt - Sind so kleine Hände (Bettina Wegener)
Text: Phil 2,5-11
Liebe Gemeinde!
Vor vielen, vielen Jahren hat die Liedersängerin Bettina Wegener einen Song geschrieben, der in seiner schlichten Art einfach zu Herzen geht. Sie staunt angesichts eines neugeborenen Menschen über das Wunder der kleinen Hände und Füße, Ohren und Münder, Seele und Rückgrat. Hören wir sie selbst. (CD-Player abspielen lassen.)
Sind so kleine Hände - winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.
Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauftreten könn sonst nicht gehen.
Sind so kleine Ohren scharf - und ihr erlaubt -
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.
Sind so schöne Münder sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.
Sind so klare Augen, die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden, könn sie nichts verstehn.
Sind so kleine Seelen - offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, gehen kaputt dabei,
Ist so'n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.
Grade klare Menschen - wärn ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat hab'n wir schon zuviel.
Dieser Song führte u.a. dazu, dass Bettina Wegener aus der DDR ausgewiesen wurde. Die damaligen Machthaber haben wohl noch ein Gespür gehabt, welche Gefahr für ihre Ideologie der Menschenverachtung von diesem Text ausging. Dabei hat sie nur ausgesprochen und besungen, was menschlich wünschenswert wäre, wie wir unser Menschsein leben sollten: behutsam und achtsam, damit Menschen mit Rückgrat heranwachsen.
Mir fiel dieser Song wieder ein, als ich folgende kurze Zeitungsnotiz wahrnahm:
583 Fahrradfahrer sind im Jahr 2002 bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, schätzungsweise die Hälfte davon, weil sie sich im "toten Winkel" (müsste es nicht treffender "tödlicher Winkel" heißen?) eines Fahrzeuges befanden. Viele von ihnen könnten womöglich noch leben, wäre in Deutschland vorgeschrieben, einen bestimmten Zusatzspiegel ("Dobli-Spiegel") zu montieren. Bürokratie und - ich nenne es einmal - Zimperlichkeit haben dies bisher verhindert: 1. wird es 2007 sowieso eine einheitliche EU-Regelung geben (ein bisschen spät für die bis dahin ca. 1.000 tödlich Verunglückten) und 2. ist man nicht gerne auf gute Ideen der Nachbarn angewiesen (wie z.B. bei der Mautanlage). Mir wird an diesem Beispiel einmal mehr bewusst, wie sehr Menschenleben auch von behördlichen Zuständigkeiten, geduldigem Papier und dem einen oder anderen offiziellen Stempel abhängen. Manchmal geht in den Mühlen der Bürokratie der Mensch verloren.
Oder die täglichen Nachrichten aus dem Nahen Osten erschrecken mich immer wieder. Selbst Kinder werden zu lebenden Selbstmordattentätern. Da werden ein elf- und vierzehnjähriger Junge mit 8- und 10- Kilo-Bomben auf den Weg geschickt, um an Grenzposten israelische und dort zu kontrollierende palästinensische Personen in die Luft zu sprengen. Sie wurden glücklicherweise rechtzeitig gestoppt. Doch in den vergangenen Jahren wurden 29 Selbstmordanschläge von jugendlichen Palästinensern unter 18 Jahren ausgeführt. Krieg mit Kindern!
Politische Ziele werden, religiös verpackt, mit Gewalt zu erreichen versucht, ohne Rücksicht auf Verluste! Den betroffenen Politikern ist bisher nichts Besseres eingefallen, als mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verantwortlichen die einzelnen Schicksale noch vor Augen haben.
Nicht mit gleicher Münze zahlt Gott zurück, daran erinnert Paulus seine erste Gemeinde, die er in Europa gegründet hat. Ihr schreibt der Apostel folgendes Lied:
Textverlesung
5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Liebe Gemeinde,
Den Menschen ein Mensch werden - so wird von Jesus berichtet. Er versteht seine besondere Stellung, Gott gleich zu sein, nicht als sein Privateigentum, das bei ihm bleiben und bei dem er bleiben will. Er hält nicht fest an seiner besonderen Stellung, sondern lässt los. Lässt seine Gottgleichheit los. Martin Luther hat es in seinem Lied "Nun freu dich, liebe Christen g'mein" so beschrieben:
Da jammert Gott in Ewigkeit ein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ's sein Bestes kosten. Der Sohn dem Vater g'horsam ward, er kam zu mir auf Erden von einer Jungfrau rein und zart; er sollt mein Bruder werden. Gar heimlich führt er sein Gewalt, er ging in meiner armen G'stalt, den Teufel wollt er fangen.
(EG 341,4+6)
Was der Philipperbrief für seine letzte Lebensspanne andeutet, hat Jesus sein Leben lang gelebt: die unbedingte und konsequente Liebe zum Menschen. Er war sich nicht zu schade, sich mit den Außenseitern der Gesellschaft an einen Tisch zu setzen, sich von Prostituierten ehren zu lassen, die Kranken zu besuchen und sie in die Mitte des Lebens zurückzuholen. Ja, selbst aus dem Tod rief er seinen Freund Lazarus zurück wie wir es eben im Evangelium gehört haben.
Die Orthodoxen Kirchen widmen dieser Vorausschau und Vorfreude einen eigenen Tag, den Lazarus-Samstag vor Palmsonntag. Auch Jubel gehört also zu diesem Weg, den Jesus geht und den das Christuslied besingt, gerade am Lazarus-Samstag und am Palmsonntag. Aber zugleich die Feindschaft, die dieses Zeichen, dieser Hinweis auf Ostern hervorruft. Gerade wegen der Auferweckung des Lazarus wollen die Feinde Jesu ihn töten. Und nur die jubelnde Menge hält sie noch zurück: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. Aber der Moment kommt, an dem die jubelnde Menge ihn nicht mehr schützen kann. Die Erniedrigung geht noch weiter nach dieser Unterbrechung am Lazarus-Samstag und am Palmsonntag. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Jesus nimmt all diese "Erniedrigungen" (V.8) als Mensch auf sich, um uns zu zeigen, welches mitmenschliche Potential in uns steckt! Jenseits von Bürokratie und Vorschriften, jenseits von äußeren Umständen und scheinbaren Zwangsläufigkeiten, jenseits von nationalen, politischen und religiösen Grenzen gibt es eine Wirklichkeit, die den Menschen als Geschöpf Gottes respektiert und uns danach handeln lässt: als Mensch am Menschen.
Dies zu leben ist nicht einfach - auch nicht in einem demokratischen Staat. Wer schon einmal im alltäglichen Leben versucht hat, Mitmenschlichkeit zur Maxime für das eigene Handeln und Reden zu machen, wird gemerkt haben, wie schnell man an seine eigenen und die Grenzen anderer stößt. Jesus selbst ist für dieses Evangelium den Bürokraten, Politikern und religiösen Machthabern zum Opfer gefallen und am Kreuz gestorben! Nicht, weil er unbedingt sterben wollte! Sondern weil er an unsere Menschlichkeit glaubte und an diesem Glauben konsequent fest hielt. Als Felix Mendelssohn Bartholdy eine Kurzfassung dieses Liedes vertonte, da war es sicher nicht sinnentstellend, wenn er hinzufügte: "Um unserer Sünden willen hat sich Christus erniedriget, und ist gehorsam geworden bis zum Tode am Kreuz." Von uns dagegen müssten wir sagen, wir sind ungehorsam bis zum Tod. Jesu Gehorsam wird für uns besonders anschaulich am Gründonnerstag, in seinem Ringen in Gethsemane:
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!"
(Lk 22,42)
Wozu geschieht dies alles?
In dem Lied des Apostels Paulus heißt es: Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Ob wir noch etwas spüren von der Provokation, die in diesem Bekenntnis enthalten ist? In den Ohren der kleinen Häuflein von Christen zur Zeit des Apostels musste es wie blanker Hohn erklingen, dass dem gekreuzigten Jesus mit der Benennung "Herr / Kyrios" ein Titel beigelegt wurde, der die Umschreibung des Gottesnamens war, zugleich aber auch von orientalischen Herrschern und vom Caesar in Rom in Anspruch genommen wurde. Die Übertragung des Titels "Herr / Kyrios" auf diesen Erniedrigten ist die rigorose Infragestellung aller unmenschlichen Herrschaftsansprüche: all der Ansprüche, mit denen sich die sog. "Herren der Welt" zu Beherrschern über andere glauben aufschwingen zu können.
Und hier liegt der Anstoß bis heute:
Die Botschaft, dass Jesus Christus der Herr ist, ist unerhört in einer Welt, in der man wie zu keiner Zeit zuvor vor dem Geld, vor wirtschaftlicher und politischer Macht und vor dem sichtbaren Erfolg in die Knie fällt? Diese Kniefälle werden hier verworfen. Und es ist vor allen anderen die Kirche, der zugemutet wird, nicht in die Knie zu gehen vor den Gesetzen des Mammons, vor jenen "Herren der Welt", die sich an die Stelle Gottes gesetzt haben und alle Lebensbereiche nur noch nach wirtschaftlichen und politischen Gesetzen formen wollen. Das letzte Wort, so ist der Christushymnus zu verstehen, haben sie nicht, denn die eigentliche Herrschaft hat schon jetzt der erhöhte Jesus. Dieser scheinbar Ohnmächtige ist stärker als alles. Und Gott wird dafür sorgen, dass das Bekenntnis zu ihm nicht verstummt. Gustav Heinemann hat auf der Abschlussfeier des Essener Kirchentages 1953 gesagt:
"Die Herren der Welt kommen und gehen. Aber unser Herr kommt."
Dieser cantus firmus des christlichen Glaubens ist es, der den einzelnen wie die Kirche trägt und immer wieder ermutigt: Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Amen.
Kommentare (Beta-Test)