Predigt - Singt dem Herrn ein neues Lied
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus
Amen.
Liebe Gemeinde,
"Kinder und alte Leute sagen die Wahrheit." So lautet ein altes Sprichwort. Kinder und alte Leute, sagen sehr schnell und auch unbekümmert ihre Meinung. Ohne lange zu überlegen hört man dann manchmal eine unbequeme oder eine gar voreilige Meinung und sie wissen nicht, was sie damit anrichten.
Erwachsene dagegen, verlieren oft ihre kindliche Spontaneität, sie wägen ihre Worte lieber zweimal ab und sagen Manches nicht, was eigentlich gesagt werden müsste.
Und - was auch noch in diesen Bereich gehört: Kinder, sie können sich sehr schnell für etwas begeistern und mit dem Herzen dabei sein, ihrer Lebensfreude Ausdruck zu verleihen, z.B. auch laut und froh zu singen ohne Angst vor einem falschen Ton.
Mt 21, 14 — 17
14 Während er im Tempel war, kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
15 Aber die Wunder, die er tat, und der Jubel der Kinder, die im Tempel riefen: »Gepriesen sei der Sohn Davids!«, erregten den Unwillen der führenden Priester und der Schriftgelehrten.
16 »Hörst du eigentlich, was die da rufen?«, sagten sie zu ihm. »Gewiss«, erwiderte Jesus. »Habt ihr nie das Wort gelesen: ›Unmündigen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt‹?«
17 Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Betanien. Dort übernachtete er.
GNÜ 2009
So wie Jesus damals die Hohenpriester zurück ließ, so lässt uns dieser Predigttext zurück. Er fängt mitten in einer Geschichte an und er hört ebenso abrupt auf.
Jetzt kam also dieser Jesus vom Land, den die Menschen in Galiläa als den Messias erkannt hatten, nach Jerusalem in die Hauptstadt, in die Stadt des jüdischen Tempels.
Er kam nicht allein, sondern mit einer großen Anzahl von Pilgern aus seiner Heimat, die wie er, zum Passafest, dem wichtigsten Wallfahrtsfest, nach Jerusalem wollten.
In großer Erwartung waren alle diese Menschen, in religiöser Erwartung und Begeisterung. Sehr Vieles hatten sie mit ihm erlebt, zuhause in Galiläa und auch unterwegs. Jetzt würde auch die Bevölkerung der Hauptstadt und vor allem die Oberen die Hoffnungen in diesen Jesus mit ihnen teilen.
So ziehen sie mit ihm zusammen in Jerusalem ein, huldigen ihm wie einem König, indem sie Palmzweige und Kleider auf seinen Weg legen, rufen "Hosianna, dem Sohne Davids" und bekennen sich zu ihm als dem von Gott Gesandten.
Für die Kinder in Jerusalem sind diese Tage auch Festtage. Es ist etwas los, ja, es wird etwas geboten. Sie ziehen mit den Leuten durch die Straßen und grölen ihre Parolen nach.
Und es gingen Blinde und Lahme zu ihm, die am Morgen noch vor dem Tor des Tempels um Almosen baten, weil ihnen — wie allen Kranken — der Zutritt zu diesem verboten war. Und — er heilte sie.
Jetzt konnten sie dem bunten Treiben voll freudiger Überraschung zuschauen, von dem ihre Blindheit sie bisher ausgeschlossen hatte.
Und ein weiteres kommt hinzu. In dem ganzen Trubel sind Jesus auch Kinder auf den Tempelvorplatz nachgefolgt. Unmündige, die vor ihrem 12. Lebensjahr dort am Tempel überhaupt nichts verloren haben. Und sie gehören offiziell nicht zur Gemeinde Gottes.
"Hosianna, dem Sohne Davids"
krakeelen sie in den heiligen Hallen und plappern damit ganz einfach nach, was sie von den Pilgern aufgeschnappt haben. Sie wissen vermutlich gar nicht, was sie sagen, aber sie sind die einzigen, die unbekümmert und ohne Scheu Jesus inmitten des Aufruhrs als den Gottgesandten verkünden.
Und es waren tatsächlich noch andere da, Behinderte, die von ihren Angehörigen vor dem Tor des Tempels abgesetzt worden waren. Sie tanzten mit den Kindern und den Blinden um Jesus herum.
„Hosianna....“ „Herr hilf doch“
, so die Übersetzung, ist an den Blinden, den Lahmen, den Behinderten in Erfüllung gegangen. Jesus hat geholfen.
Das Hosianna der Jesusanhänger im Tempel wird zum Prototyp des Kirchenliedes.
Mehr noch: Selbst das ahnungslose Lallen und Brabbeln der Säuglinge wird in Gottes Ohren zum Lobgesang und ebenso die unartikulierten Laute eines Behinderten.
Auch das Johlen eines Fußballfans? Das Zwitschern der Vögel? — Möglich! — Dann auch das Jaulen der Hunde? Das Rauschen der Bäume? Das stoßweise Atmen eines Sterbenden? Wie weit dürfen wir diesen Gedanken ausbreiten?
Liebe Gemeinde, ich denke, Gott will von unmündigen Menschen geehrt werden, von Menschen also, die Konvention und heilige Ordnung draußen vor der Türe stehen lassen. Ja, Gott will von Lahmen, Blinden, Behinderten, Debilen, Mongoloiden und auch von Kindern geehrt werden.
Gott will nicht nur die bisherige heilige Musik, die Trompeten der Priester und die Zimbeln der Leviten. Gott will das neue Lied.
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“
(Ps 98, 1),
Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet......
Mit diesem Vers gibt Jesus dem unbeschwerten Singen, ja sogar dem Brabbeln und nervenaufreibenden Schreien der Säuglinge eine große Bedeutung: All das nämlich dient zum Lobe Gottes.
Auch Erwachsene dürfen in dieses unwillkürliche Lob mit einstimmen.
Und wie oft ist es uns schon passiert, wenn wir zum Gottesdienst gingen, dass unsere Kehle wie zugeschnürt war und kein klarer Ton aus unserem Munde kam. Nicht selten waren es meist Seufzer und Schluchzer.
Wir brauchen keine gewählten Worte und müssen auch keine anspruchsvollen Melodien komponieren, damit Gott uns zuhört.
Wir dürfen es, aber wir müssen es nicht tun. In allem was singt, spielt, summt, brummt, pfeift, zwitschert, raunt und rauscht schwingt etwas mit, was Gott ein Lob zu seiner Ehre abzulauschen vermag.
Diese Art Gott zu loben ist in unserer Gesellschaft — auch unter uns Christen — sehr selten geworden. Wer singt denn noch selbst, mit eigener Stimme?
„Manche Lieder spielen wir abends im Musikverein oder singen es im Kirchenchor und wenn wir dann morgens wach werden, dann ist uns die ein oder andere Melodie noch im Kopf und wir werden sie den ganzen Tag über nicht mehr los.
Kennen Sie das auch? So ein Lied muss einfach raus, denn wenn es im Inneren stecken bleibt, das ist nicht gut.
Was könnte uns diese Geschichte lehren, diese Geschichte von Jesus und vom Glauben an ihn, den die Kinder frei, frech und unbekümmert bekennen, während die Erwachsenen für Ruhe sorgen oder diplomatisch den Mund halten?
Ich denke, wir könnten von diesen Kindern etwas über den Glauben lernen, oder besser: wie man seinen Glauben offener, freier und fröhlicher zum Ausdruck bringen kann.
Gleichen wir Erwachsene nicht eher den Erwachsenen hier in der Geschichte: den erwachsenen Pilgern, die verstummt sind, als es ernst wurde, oder den Religionshütern, die ja kein Aufsehen wollen?
Unser Glaubensbekenntnis, das wir im Gottesdienst und im kleinen Kreis sehr wohl aussprechen, verstummt allzu schnell in der Öffentlichkeit. Da wo wir gefordert wären: an Stammtischen, bei Kaffeekränzchen, an Arbeitsplätzen, da wo Glaube etwas kostet, weil wir nicht unter uns sind, da sind wir oft sehr still und diplomatisch.
Oder machen es viele nicht oft wie die Religionshüter damals: Ordnung muss in der Kirche sein, die Tradition muss gewahrt werden, stillsitzen müssen die Kinder, am besten nimmt man sie gleich gar nicht mit. Ja nichts Neues und Ungewohntes in den Gottesdiensten!
Liebe Gemeinde, wir singen zuwenig. Wir lassen zu viel singen. Aus Lautsprechern, Kopfhörern dröhnt uns unablässig, beim Autofahren, beim Einkaufen oder bei der Küchenarbeit fremder Gesang entgegen.
Er zerstört die Melodie, die wir noch im Sinn haben. Wir gönnen uns nicht mehr die Stille, in der unsere eigene Melodie wachsen könnte und sich der eigene Gesang frei entfalten könnte. So kommen wir selbst zu kurz.
Und auch Gott kommt so zu kurz, der sich ein Lob aus dem Klang unserer Stimmen bereiten will.
Kantate! Singt dem Herrn ein neues Lied.....
Singt einstudierte Werke, aber auch eure unfertigen und dilettantischen Lieder. Ja, summt und pfeift sie. Stimmt ein in den unwillkürlichen Gesang der ganzen Kreatur. Und das alles zum Lobe Gottes, zum Lob Jesu Christi — wie damals die Kinder im Tempel von Jerusalem: Hosianna dem Sohn Davids.
Die Kinder im Tempel jubeln ihm zu, weil ihr Herz voll ist. Mit unserem Herzen sehen wir jetzt im Frühling aber auch in unserem Leben so viel von der Güte Gottes, dass auch uns der Mund übergehen darf.
Wer singt, der betet doppelt! Und wer singt, der dankt auch doppelt! Darum:
„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“
(Ps. 98,1)
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus
Amen.
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