Predigt "Danken - Staunen und Teilen"
Hebr 13,15-16
15 So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Liebe Gemeinde!
Erntedank ist wieder da! Mitten in einer Jahreszeit, die arm ist an schönen kirchlichen Feiern. Ein kleiner Höhepunkt. Der Altar ist geschmückt mit Früchten. Ein wunderschöner Farbtupfer im kirchlichen Leben.
Wie in jedem Jahr haben die meisten von uns gute Gründe zum Danken:
Der eine hat eine gute Ernte auf dem Feld oder im Garten, der andere im Weinberg einfahren dürfen.
Wer nicht in der Landwirtschaft oder Weinbau arbeitet, kann mit Freude und Stolz auf die eigene Arbeit blicken oder sich überhaupt darüber freuen, Arbeit zu haben oder - was genauso wichtig ist - in diesem Jahr wieder gefunden zu haben.
Vieles kommt uns in den Sinn, was uns freut und mit Dank erfüllt: in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde und in den Vereinen.
Und zugleich gehört zum Erntedankfest auch der Blick auf das, was nicht gelang, uns entglitt: in den Sand gesetzte Projekte, Missernten im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Auch das gilt es vor Gott zu bringen.
Erntedank ist wieder da! Und in den Händen halten Sie bunte Wollfäden. Sicherlich wird der eine oder die andere sich gefragt haben: Was soll ich denn damit? Damit kann ich doch nichts anfangen?
Und Sie haben Recht: damit lässt sich weder ein Topflappen häkeln oder ein Strumpf stricken. Der Wollfaden möchte uns zu einem Erntedankzeichen werden.
1. Wenn wir meinen, dass wir keinen Grund zum Danken haben, wenn wir enttäuscht und verbittert auf unsere Lebensernte sehen, dann kann dieser Wollfaden uns daran erinnern, dass Gott einen Bund mit uns Menschen geschlossen hat.
Am Ende der Sintflutgeschichte schließt Gott mit Noah einen Bund und verspricht:
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."(Genesis 8,22) Und als sichtbares Zeichen verweist er auf den Regenbogen. Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde." (Genesis 9,13)
So steht also der Regenbogen gegen das Grau unseres Alltages, das uns manchmal ganz schön gefangen hält.
So steht der Regenbogen wie eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Und so leuchtet der Regenbogen in den bunten Farben der gesamten Schöpfung.
In der Werbung hören und sehen wir immer wieder, wie ein bestimmtes Waschmittel das Grau herauszwingt und die Kleiderfarben neu erfrischt, so dass die Menschen dann fröhlich strahlen.
Da frage ich mich manchmal, wie viel mehr könnten wir strahlen, die wir ein solches Halteseil in der Hand halten! Denn wir dürfen wissen, dass Wachsen und Gedeihen, Vergehen und Werden in Gottes Hand liegt. Wir dürfen uns erinnern, was Martin Luther in seiner Auslegung zum 1. Glaubensartikel sagt:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Was ist das?
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen,
mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder,
Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält;
dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken,
Haus und Hof, Weib und Kind,
Acker, Vieh und alle Güter;
mit allem, was Not tut für Leib und Leben,
mich reichlich und täglich versorgt,
in allen Gefahren beschirmt
und vor allem Übel behütet und bewahrt;
und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit,
ohn all mein Verdienst und Würdigkeit:
für all das ich ihm zu danken und zu loben
und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.
Das ist gewisslich wahr.
2. Aber wir dürfen eben nicht am Erntedankfest stehen bleiben und auch nicht nur bei den anderen Sonntagen. Schließlich soll das ganze Leben ein Gottesdienst sein und damit ein Danken im Geben. Auch daran erinnert uns der Wollfaden in unseren Händen.
Das eine Ende sagt uns: ?Gott geben wir die Ehre", und das andere Ende: ?dem Menschen, was er zum Leben nötig hat".
Vieles davon besitzen wir hier in unserem Land im Überfluss. Nahrung und Medikamente zum Beispiel, die werden woanders in der Welt dringend gebraucht und es würde uns nicht viel kosten, davon abzugeben. Aber es geht auch um andere Dinge wie Bildung, Gleichberechtigung, Chancengleichheit. Unsere Gesellschaft braucht Solidarität gerade mit denen, die sich als ihre Verlierer fühlen, damit wir friedvoll miteinander leben können. Und auch in den persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen haben wir darauf zu achten, dass wir den Bedürfnissen anderer gerecht werden: zum Beispiel älteren Menschen Zeit zum Zuhören schenken, auch wenn wir ihre Geschichten schon auswendig kennen oder einen kranken Nachbarn im Hospital besuchen oder jemandem unter die Arme greifen. Unser Dank kann da gar nicht groß genug sein, um all die Aufgaben zu bewältigen, die uns das Leben stellt.
3. Der Wollfaden in unserer Hand will uns daran erinnern, dass das Wort "danken" vom "denken" kommt. Denn wer sich Ge-Danken darüber macht, was uns am Leben erhält, kommt an den Punkt, der ihn nur noch staunen lässt. Dieses Staunen sollen wir uns bewahren: gegenüber Gott und gegenüber unseren Mitmenschen. Und so könnte der eine oder die andere den Faden jedes Mal benutzen, um kleine Knoten zu machen, wenn er oder sie ins Staunen gerät.
Denn so wird das Staunen uns davor schützen, gute Gaben allzu selbstverständlich hinzunehmen. Und es wird uns motivieren, diese guten Gaben teilen zu wollen. Vielleicht wird uns das tatsächlich das eine oder andere "Opfer" abverlangen. Aber wir können sicher sein, es wird uns nicht das Leben kosten, sondern erst mit Leben erfüllen, mit Leben, wie es uns Gott geschenkt hat. Darum ermahnt der Hebräerbrief am heutigen Erntedankfest:
So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott."
4. Was tun mit den Wollfäden?
Wir können ihn tauschen, so dass wir zwei verschiedene Farben haben.
Wir können einen behalten: als buntes Erinnerungszeichen ums Handgelenk oder ins Knopfloch binden oder im Portemonnaie aufbewahren. Ganz wie es uns gefällt.
Wir können auch einen verschenken. So teilen wir anderen mit, was wir gehört und erlebt haben. So erzählen wir weiter, was zum Gelingen des Lebens hilft.
Darum: Ihm sei Ehre und Dank! Amen.