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Predigt - Stellt euch nicht der Welt gleich!

Liebe Gemeinde!
Am vergangenen Mittwoch war Epiphanias, das Fest der drei Könige. Kinder zogen als Caspar, Melchior und Balthasar durch die Straßen, klingelten an den Häusern und baten um eine Spende für die Sternsingeraktion. Jahr für Jahr unterstützen sie damit Projekte in der 3. Welt. Sie erinnern an die drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Kind Jesus ihre Gaben brachten: Weihrauch, Gold und Myrrhe. Matthäus berichtet am Ende dieser Geschichte:

„Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.“
(Matthäus 2,12)

„Auf einem anderen Weg“ so könnte der Wegweiser für uns 2010 lauten, die wir wie die drei Weisen von der Weihnachtensbotschaft gehört und das Wunder gesehen haben.
„Auf einem anderen Weg“ weisen will uns auch der heutige Predigttext aus dem Römerbrief. Im 12. Kapitel beschreibt der Apostel Paulus, welche Konsequenzen die frohe Botschaft von Gottes rettender Barmherzigkeit mit sich bringt.

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder,  wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Gott dient uns – wir dienen Gott
Diese kurze Formel fasst zusammen, was Paulus uns als Wegzeichen mit gibt. Es klingt so einfach, so plausibel und doch scheint es immer wieder schwierig zu sein.
Ich möchte daher ein vereinfachtes Beispiel nennen:

Wenn zwei Menschen sich lieben, dann braucht der eine dem anderen nicht zu sagen: „Sei lieb zu mir, schenke mir ein gutes Wort, frag mich mal, wie es mir geht. Bitte sei zärtlich zu mir.“ Man tut es einfach aus Liebe heraus, weil der oder die andere mir wichtig ist. So verhält sich Gottes barmherzige Liebe zu uns und er wartet auf eine Reaktion unserseits. Paulus beschreibt sie als Hingabe mit allen Sinnen. Ja, er nennt solches Verhalten einen „vernünftigen Gottesdienst“. Daher wäre unser Sonntagsgottesdienst keine in sich verschlossene Veranstaltung, die mit dem Segen endet, sondern die mit dem Segenszuspruch vielmehr ermutigt, den Gottesdienst in unserem jeweiligen Alltag fortzuführen. Auf der schottischen Insel Iona gibt es seit Jahrhunderten eine lebendige christliche Gemeinschaft. Ihre Andachten und Gottesdienste enden mit den Worten: „We will continue our worship...“ – „wir wollen unseren Gottesdienst fortsetzen“. Somit verweist diese Gemeinschaft darauf, dass der Dienst in Küche und Gästehaus, die Arbeit in der Landwirtschaft und in dem Buchladen umfassend als Gottesdienst gesehen wird. Hier ist der Gottesdienst im heiligen Raum nicht vom Gottesdienst im profanen Raum getrennt.

Dazu gibt Paulus als Leitbild vor:

1. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“
Ein Soziologe hat uns heutige Menschen mit einem Radargerät verglichen, das immer auf Empfang ist. So richte der heutige Mensch sein Verhalten fortlaufend nach den Signalen der öffentlichen Meinung. Er sei ein Meister der Anpassung geworden. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, hat Paulus gesagt.  An drei kleinen Beispielen aus der Geschichte möchte ich verdeutlichen, was das heißen könnte.
Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 protestierte eine kleine Minderheit von zwanzig Reichsständen dagegen, dass man sich in Gewissensentscheidungen des Glaubens der Mehrheit zu beugen habe, denn: „in Sachen Gottes Ehre und der Seelen Gerechtigkeit muss ein jeglicher vor Gott stehen und Rechenschaft geben, also dass sich niemand mit dem Handeln oder Beschließen einer…..Mehrheit entschuldigen kann.“ Dieser Protest hat ihnen damals den Namen „Protestanten“ eingetragen. Der Einzelne in seinem Gewissen vor Gott macht seine Würde aus.
Das andere Beispiel stammt aus der Zeit des 2. Weltkrieges.
Nach der Besetzung Dänemark durch das Dritte Reich wurde der Befehl veröffentlicht, dass ab sofort jeder Jude einen Judenstern zu tragen habe. Da habe der dänische König im Rundfunk die Nachricht verlesen lasen, er selber werde diesen Stern dann auch tragen und erwarte das auch von jedem anständigen Dänen. Am nächsten Morgen sollen viele Dänen den Judenstern getragen haben. Schließlich sei der diskriminierende Befehl zurückgezogen geworden.
Zivilcourage zeigen, wo Achtung vor Andersdenkenden und ihrer Gesinnung mit Füßen getreten wird. Zivilcourage zeigen, wenn es um das Recht und den Schutz der Schwachen geht.
Als drittes Beispiel möchte ich auf die Äußerungen zu Afghanistan von Frau Käsmann verweisen: "Auch nach den weitesten Maßstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen.…Viele Menschen verstehen nicht mehr, warum der Einsatz nötig ist und welches Ziel er hat. Auch ist unklar, wie er beendet werden kann.“
Die Ratsvorsitzende verlangte, noch mehr Geld und Personal in die Entwicklungshilfe und den zivilen Aufbau zu investieren. Diese Forderung vertrete sie genauso nachdrücklich wie die Einsicht in die Notwendigkeit von Soldaten unter UN-Mandat in dem Land: "Also nicht nur 30.000 weitere Soldaten, sondern mindestens auch 30.000 weitere Entwicklungshelfer, Lehrkräfte oder Verwalter." Der Vorrang für zivile Mittel dürfe nicht aus dem Blick geraten. Und daher fordert sie: „Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen.“
Prophetisch die Stimme erheben, um der Menschen willen, die leiden: für die Menschen in Afghanistan oder die Soldatinnen und Soldaten, die dort im Einsatz sind. Das ist Auftrag der Kirche sowie des einzelnen Christen.

2. Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes
Auch hierzu möchte ich zur Illustration eine kleine Geschichte erzählen.
Zu Sokrates kam eines Tages ganz aufgeregt und außer Atem ein Sklave gelaufen, um ihm die neusten Nachrichten vom Markt zu erzählen. Doch bevor er noch anfangen konnte, unterbrach ihn der Philosoph und fragte: Hast du alles, was du gehört hast durch die drei Siebe gegeben?“  „Drei Siebe?“ fragte der andere. „Ja, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“ „Nein, ich hörte es erzählen, und….“ So, so. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?“ Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht im Gegenteil…“ „Dann“, unterbrach ihn der Weise, „lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt.“
„Notwendig nun gerade nicht…“ „Also“, lächelte Sokrates, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“
Besser als diese kleine Anekdote kann nicht beschrieben werden, worin unser Gottesdienst besteht, dazu beizutragen, dass das Leben miteinander gefördert werde. Was im alltäglichen Leben gilt, gilt auch und gerade für den geistlichen Bereich: prüfet, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3. Ein jeder maßvoll von sich halte                                  
Jüngst konnte man beobachten, was passiert, wenn verschiedene Parteien unterschied-licher Meinung darüber sind, wem welche Stellung in einer Gemeinschaft zukommt. Da hatten ein paar Denker der CSU die Idee, Verteidigungsminister zu Guttenberg neben Guido Westerwelle zum zweiten Vizekanzler zu küren - und mussten feststellen, dass sie auf wenig Verständnis stießen. CDU-Vertreter gaben sich lediglich etwas irritiert, die FDPler waren belustigt und in den eigenen Reihen reagierte man gereizt. Vor allem der kleinere Koalitionspartner wies die Bayern in die Schranken: "Hessens FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn erinnerte an die Machtverhältnisse in der Regierungskoalition. Die CSU sei im Bundestag nur halb so groß wie die FDP." Was die Schöpfer des Gedankenspiels als gerechtfertig ansehen, hält er für Überheblichkeit. Der bayerische Ministerpräsident und Parteivorsitzende Hort Seehofer hat die Diskussion darüber nun mit einem Basta-Wort beendet. Wohl, um größere atmosphärische Störungen unter den Koalitionären zu verhindern.
Vielleicht hatte Paulus in seiner Funktion als christlicher Völkerapostel und Gemeinden-gründer sich des öfteren mit ähnlichen Problemen auseinandersetzen müssen. In seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom denkt er jedenfalls grundsätzlich darüber nach, wie es sich in einer Gemeinschaft friedlich leben lässt. Er steht damit in einer langen Tradition, denn sowohl vor als auch nach ihm haben sich nicht nur Philosophen, Theologen, Politiker und Visionäre damit beschäftigt - und bis heute daran die Zähne ausgebissen. Denn was man bisher erreicht hat, sind eher Notbehelfe und die funktionieren mal weniger, mal mehr, meist aber nicht wirklich gut: Parteien verhandeln einen Koalitionsvertrag aus, den hinterher alle anders interpretieren; Nationen geben sich Gesetze und brauchen eine Exekutive und Jurisdiktive, um ihre Einhaltung zu gewährleisten; und die Menschheit setzt auf die Menschenrechte, auch wenn sie die immer wieder mit Füßen tritt. Selbst in so kleinen Einheiten wir Ehe oder Familie stößt man allerorts auf dieses Phänomen der Interessenkonflikte und der damit einhergehenden Fragen nach Gleichberechtigung, Gleichbehandlung und Gerechtigkeit.

Und Paulus? Hat er nun der Weisheit letzten Schluss gefunden? Nun, zumindest ist sein Ansatz interessant, wenn nicht sogar revolutionär! Er räumt erst einmal damit auf, dass sich Menschen als "Mit"-Glieder einer Gemeinschaft fühlen. Paulus verwendet die Vorsilbe "Mit" gar nicht - und das liegt nicht nur daran, dass er das Bild eines menschlichen Körpers benutzt. Denn als Mitglied einer Gemeinschaft - ob eines Kaninchenzüchtervereins oder einer Nation spielt hier keine Rolle - kann man sich dieser Gemeinschaft entziehen: Ganz einfach, in dem man diese Gemeinschaft aufkündigt und aus dem Verein austritt - oder eben gekündigt und gegangen wird. Bei Paulus geht das einfach nicht! Seine Gemeinschaft ist grundsätzlich, man ist auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, aneinander gebunden. Bleiben wir ruhig erst einmal bei der überschaubaren Einheit einer christlichen Gemeinde, dann werden wir merken, wie weit dieser Gedanke uns führt. Denn natürlich machen wir die leidvolle Erfahrung, dass Menschen aus der Kirche austreten. Sie mögen dann nicht mehr "Mit"-Glied der evangelischen Kirche sein. Aber als Getaufte sind sie immer noch unverzichtbares Glied des Leibes Christi - ob sie und wir das wollen, steht dabei gar nicht zur Diskussion!

Die Gemeinschaft, der wir durch Jesus Christus angehören, ist also sehr viel größer, als wir gemeinhin wahrnehmen: Der Kreis umspannt nicht nur die "Aktiven". Er dehnt sich auch über die "nahen Kirchenfernen" und auch über die offiziellen Kirchenmitglieder aus. Spüren wir das noch? Oder sind Teile unseres Leibes Christi bereits abgestorben? Immerhin eine sichtbare Konsequenz des paulinischen Gemeinschaftsgedankens kennen wir: Wer wieder in die Kirche eintritt, wird nicht noch einmal getauft! Das ist nicht notwendig und wäre zudem unlogisch, wollte man das Verständnis der Taufe nicht grundlegend in Frage stellen. Denn sie besiegelt ja gerade die "Gliedschaft" der Christen, also das besondere Verhältnis des einen zum anderen. Im Grunde genommen ist der eine ohne den anderen unvollkommen. Sind wir uns dessen bewusst? Und wenn ja, müssten wir dann nicht manches in unserem Umgehen miteinander ändern? Verträgt sich dieser Gedanke mit der Vorstellung, dass sich einer für etwas besseres hält, dass es Machtspielchen und - kämpfe gibt, dass wir jemandem etwas neiden, dass jemand sich ausgeschlossen fühlen muss, kurz: dass wir einander nicht in tiefem Respekt, mehr noch: nicht in Liebe begegnen?

Natürlich weiß auch schon Paulus, dass wir diesem Ideal nicht immer entsprechen können, auch, weil wir nicht nur Christen sind, sondern auch Bürger dieser Welt. Und dennoch ermahnt er die Christen in Rom, ihre Gemeinschaft als alternatives Lebenskonzept zu verstehen: "stellt euch nicht dieser Welt gleich". Das ist eine Herausforderung, der wir uns selbst- und gottesbewusst und aus einem Gefühl der Akzeptanz und Geborgenheit heraus stellen dürfen. In einem anderen Brief sagt es Paulus noch deutlicher als hier:

"Ihr aber seid der Leib Christi"
(1. Kor 12,27). 

Und das Rückgrat dieses Leibes ist das Kreuz Christi. Das stärkt uns und verleiht uns eine unverlierbare Würde. Das Kreuz Christi weist uns den Weg:

„So sind wir nun  Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“
(2.Korinther 5,20)

„Auf einem anderen Weg“ so habe ich anfangs gesagt, sind die drei Weisen von Bethlehem gezogen. „Auf einem anderen Weg“ dazu möchte ich ermutigen durch das Jahr 2010 zu gehen, damit Gottes Barmherzigkeit für uns und andere hör- und spürbar, dass Gottes Frieden für uns und andere sicht- und erfahrbar werde. Amen.

Erstellt: 10.3.2011
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:36 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

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