Predigt - Tacheles reden
Text: Johannes 4,19-26
19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.
21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.
22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.
23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.
24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.
26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.
Liebe Gemeinde!
Heute trifft man sich nicht mehr in aller Öffentlichkeit an öffentlichen Brunnen, um wichtige Gespräche zu führen. Heutzutage müssen Sicherheitsvorkehrungen getroffen und die Medienpräsenz berücksichtigt werden. Es gibt "Runde Tische", Verhandlungstische, Grundsatzgespräche, Friedensverhandlungen. Jüngst trafen sich der israelische Präsident Olmert und der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde Abbas in Jericho. Eine historische Begegnung, sagt man. Nicht nur, weil seit sieben Jahren kein hochrangiger israelischer Politiker offiziell ins Westjordanland gereist ist, sondern auch, weil damit eine Station auf dem Weg markiert wird, der am Ende sicher langer und zäher Verhandlungen zum Frieden in dieser Region führen könnte. An diesem 10. Sonntag nach Trinitatis, den wir als Israelsonntag feiern, dürfen wir uns darüber freuen und dafür beten, dass dieser angestoßene Prozess in Gang und zu einem guten Abschluss kommt.
Die Begegnung zwischen Olmert und Abbas in Jericho scheint wenig mit der Jesu und der Samariterin in Sychar gemein zu haben. Und doch gibt es Anknüpfungspunkte.
1. Juden und Samaritaner beriefen sich auf denselben Gott, nutzten teilweise die gleichen heiligen Schriften. Und dennoch pflegte man keinen Umgang mit dem anderen. Palästinensische Muslime und Juden haben den gleichen Stammvater, Abraham. Und doch bekriegen sie sich im Kampf um ihr gemeinsames Vaterland.
2. Als Jesus das Gespräch mit der Samariterin sucht, bricht er damit gleich mit zwei Tabus: 1. sprach ein jüdischer Rabbi nicht mit einem Samaritaner und 2. schon gar nicht mit einem weiblichen Geschlechts. Auch Olmert bricht mit einer Art Tradition, in dem er sich auf palästinensischen Boden begibt und Abbas damit als gleichberechtigten Verhandlungspartner etabliert. Damals am Brunnen ging es um Wasser, das Leben spendet. In Jericho ging es um Frieden, der Leben bewahrt.
3. In der entsprechenden Nachricht auf SPIEGEL online hieß es übrigens: "Historisches Treffen im Westjordanland - zentrale Fragen werden ausgespart". Letzteres kann man von der Begegnung am Brunnen nicht behaupten. Hier wird Tacheles geredet. Dass Jesus von der Samariterin als Prophet bezeichnet wird, liegt sicher auch daran, dass er kein Blatt vor den Mund genommen hat. Propheten, echte Propheten haben immer eine deutliche Sprache gesprochen. Und damit Kopf und Kragen riskiert. Und Jesus war in Glaubenssachen auch kein Diplomat.
"Ihr wisst nicht, was ihr anbetet"
- das klingt fast nach der päpstlichen Feststellung, wir Protestanten seien keine Kirche im eigentlichen, nämlich römisch-katholischen Sinne. Was ja im Grunde auch stimmt. Und worauf wir ja auch Wert legen! Und was uns trotzdem ärgert. Die Samariterin erweist sich in dieser pikanten Phase übrigens als ebenbürtige Gesprächspartnerin. Der Kritik begegnet sie recht kühl mit einem in die Zukunft weisenden "man wird sehen ..." - wenn der Messias kommt...
Ihr Pech - nein, ihr und unser aller Glück! -, dass gerade der vor ihr sitzt! Ich habe ja den Verdacht, dass sie das bereits geahnt hat. Irgendwie ist es eine aberwitzige Situation. Der Heiland, der Friedefürst, der gesalbte Gottes sitzt vor ihr auf einer Brunnenmauer. Sie hat sich nett mit ihm unterhalten. Er hat sie gleichberechtigt behandelt. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, obwohl er ihr doch so viel mehr geben kann als sie ihm.
1. "Das Heil kommt von den Juden" - ein Satz, den unsere evangelische Kirche in ihrer Geschichte oft vergessen hat. Vor mehr als einem Jahrhundert, in der wilhelminischen Kaiserzeit, hat der Berliner Historiker Heinrich von Treischke mit dem Ruf:
„Die Juden sind unser Unglück!“
böses antisemitische Blut gestiftet. Und in der Nazizeit wurde dieser Vers aus Johannes 4,22:
„das Heil kommt von den Juden“
, aus Bibeln deutsch-christlicher Prägung und aus Religionsbüchern für den Schulgebrauch gestrichen.
Sie hat dabei viel Schuld auf sich geladen, gerade dann, als es darauf ankam, Solidarität zu zeigen. Doch ich denke, wir haben gelernt. Juden und Christen sind sich in den letzten Jahrzehnten sehr nahe gekommen. So entdecken wir immer mehr, wie tief der Jude Jesus in seinem Glauben verwurzelt gewesen ist. Wir begegnen uns inzwischen auf gleicher Augenhöhe, betonen die Gemeinsamkeiten.
Natürlich haben wir immer noch einen anderen Glauben, insofern wir in Jesus den Messias erkennen, den Sohn Gottes.
Aber vielleicht können wir das, was uns unterscheidet, ja ebenso vertrauensvoll in die Zukunft vertagen, wie die Frau am Brunnen sinngemäß sagen: Wenn der Messias (wieder-)kommt, dann...
2. Im Gespräch Jesu mit der Frau am Brunnen, wird an einer Stelle sehr schön deutlich, wie Gegensätze überwunden werden können. Wo ist die richtige Gebetsstätte, im Jerusalemer Tempel oder auf dem Berg in Samaria? Da eröffnet Jesus ihr eine ganz neue Sichtweite:
„Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“
Ja, ich weiß, da gibt es die skeptische Einrede des römischen Statthalters Pontius Pilatus:
„Was ist Wahrheit?“
Leider fragen viele heute gar nicht mehr, weil sie gleichgültig geworden sind: soll doch, nach dem Diktum des großen Preußenkönigs, jeder nach seiner Facon selig werden. Der wahre Ring – das Kennzeichen der einzigen rechten Religion – ging er nicht, nach Lessings berühmter Parabel, vermutlich verloren?
Warum also noch danach suchen? Und schließlich gibt es auch noch Tausende, in der Mehrzahl wohl vor allem wohlhabende Menschen, denen das alles nichts angeht:
„Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“
Aber es gibt auch das vielfältige Zeugnis, das sich trotz Verfolgung und Unterdrückung, ob in der Antike oder in unserer Zeit durchgesetzt hat: Dieser Christus bringt einen neuen Geist, er zeigt einen neuen Weg und er verkörpert eine Wahrheit, die aus Lüge und Tod löst und ins Leben führt.
Vielleicht können nicht nur Olmert und Abbas von dieser Begegnung in Sychar lernen, sondern wir alle. Denn sie ermutigt Menschen, aufeinander zuzugehen, auch wenn die Geschichte, die Gesellschaft oder einfach nur die Umstände dagegen sprechen. Dabei wird man wohl auch Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen müssen oder sich Kritik gefallen lassen. Aber am Ende, da bin ich mir sicher, wird es sich gelohnt haben. Denn am Ende gewinnen wir alle dabei lebenswertes Leben. Amen.
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