Predigt und Liturgie - Unerhörte Treue
Text: Jeremia 31,31-34
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Liebe Gemeinde!
In dieser Woche fand die ökumenische Bibelwoche statt. Sie stand unter dem Thema: Jeremia - Unerhörte Treue. An vier Abenden haben wir uns mit diesem Propheten beschäftigt, der sein Leben lang wach und kritisch das religiöse und politische Leben seiner Zeit begleitet hat. Und seine Aufgabe ist es, die Menschen zur Umkehr zu rufen, sich nicht auf Beschwichtigungen einzulassen: Es wird nicht so schlimm werden. Es hat noch immer eine Lösung gegeben.
Trotz aller Appelle, aller Mahnungen und auch Ankündigungen von Katastrophen findet keine Veränderung statt. Die Menschen negieren das, was andere ihnen mit Weitblick sehr realistisch schildern. Stattdessen klammern sie sich an die letzten Strohhalme, die signalisieren: es wird schon irgendwie gut gehen. - Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?
Schließlich prophezeit Jeremia den totalen Untergang seines Volkes: die Zerstörung des Tempels, die Verbannung der politischen und religiösen Oberschicht und letztlich die Umsiedlung des ganzen Volkes nach Babylonien.
Im Exil, fern von der Heimat, werden nun die Fragen gestellt: Warum lässt Gott das zu? War der Glaube, dass Gott Israel seine Begleitung, und damit Zukunft und Leben zugesagt hat, ein Trugschluss? Ist der Bund Gottes, einst am Sinai geschlossen, nun aufgekündet?
In diese Zeit der Unsicherheit und Ratlosigkeit hinein nimmt Jeremia das Grundthema des Glaubens wieder auf, führt es zugleich aber mit einer neuen Art der Umsetzung ein.
Textlesung
Einen neuen Bund verkündet nun Jeremia. Neu nicht im Sinne von besser. Neu auch nicht, weil es um etwas ganz anderes gehen würde. Neu einfach, weil es anders ist in der Verwirklichung. In einer Leichtigkeit und einer Lebendigkeit, die ansteckend wirkt, redet er nun davon, dass Gottes Nähe und Begleitung sich in den Menschen selber zeigt (Verse 33+34). Wie eine neue Natur des Menschen mutet diese Ankündigung an. Jeder einzelne weiß dabei aus einem innere Wissen heraus, was Gottes Wille ist, wie Leben in Gemeinschaft möglich ist, was gut und was schlecht ist. Keine Lehre, keine Vermittlung von Werten sind nötig - malen Sie sich doch mal aus, was das für unser gesellschaftliches Leben bedeuten würde, wenn dieses so wäre!
Noch einmal: Gott will seine Weisung nicht mehr auf Steintafeln oder in Gesetzesbüchern, sondern in die Herzen der Menschen schreiben. Der alte Weg hatte sich als Irrtum erwiesen: immer wieder brachen und brechen Menschen die Gesetze, egal ob sie auf Steintafeln oder in Gesetzesbüchern stehen. Deshalb müssen nicht noch mehr neue Gesetze, sondern es muss ein neuer Mensch her: ein wirkliches Ebenbild Gottes. Doch wir Menschen können wohl Klone erschaffen, aber keine neuen Menschen. Das kann nur Gott allein! Und Das wirklich Neue an diesem Bund: Er stellt keine Forderung an uns Menschen, der man widerwillig folgt, wie Kinder, die die Mutter zum Aufräumen ermahnt, sondern Gottes Wille ist nun Herzensangelegenheit.
Warum gibt Gott sein Gesetz in das Herz?
Im hebräischen Denken ist das Herz die Mitte des Menschen. Das Herz ist Sitz der Vernunft. Das Herz ist im biblischen Denken nicht nur biologisch gesehen die Mitte des Menschen. Es ist zugleich die Mitte der Persönlichkeit. Im Herz werden Entscheidungen getroffen. Hier ist der Sitz der Willenskraft. Gott geht es nicht um ein bloßes Einhalten von Vorschriften, sondern um eine grundlegende Veränderung der Herzens. Deswegen schreibt Gott das Gesetz in die Herzen der Menschen. Gott verändert uns!
Ich möchte das mit einem Bild veranschaulichen. Der Wiener Künstler Gustav Klimt erhielt einmal von der Baronin Sonja von Knips den Auftrag ein Portrait von ihr zu erstellen. Der Künstler stimmte zu, allerdings wollte er nicht nur eine Momentaufnahme von seiner Kundin zeichnen. Er wollte an ihrem Leben teilnehmen, sie besser kennen lernen um die Baronin so zu malen wie sie tief in ihrem Innern ist. Äußerlich gesehen war sie nämlich keine Schönheit. Sie war von einem harten Leben gezeichnet und litt unter Depressionen. Der Künstler malte nun nach einem langen Beobachtungszeitraum ein Portrait von ihr. Es sah ihr allerdings überhaupt nicht ähnlich. Auf dem Bild schien jemand anderes abgebildet zu sein. Auf dem Bild sah man nämlich eine wunderschöne Frau. Eine Frau mit einer kraftvollen Ausstrahlung. Die Baronin hängte sich das Portrait -wohl leicht geschmeichelt- trotzdem im Wohnzimmer an eine gut sichtbare Stelle.
Und nun geschieht das Unglaubliche. Als ein paar Jahre später der Künstler die Baronin besuchen wollte, erschrak er. Die Baronin hatte sich in eine wunderschöne Frau verwandelt. Sie war der Frau, die er vor ein paar Jahren gemalt hatte, wie aus dem Gesicht geschnitten. Weg war ihre depressive Ausstrahlung. Sie hatte sich total verwandelt. Sie sah ganz aus wie die Frau auf dem Bild, das er vor Jahren gezeichnet hat. Die Baronin hat sich unbewusst durch das ständige Betrachten des Bildes immer mehr in diese schöne Frau verwandelt. Der Künstler malte einen Entwurf von ihr- und sie wurde diesem Entwurf immer ähnlicher. So ähnlich, dass ihre Verwandlung wie ein Wunder erschien.
Gott hat auch einen Entwurf von uns. Er schreibt uns diesen Entwurf in unser Herz. Gott spricht: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Oder in den Worten des Beispiels gesagt, er hängt ein Bild in unser Herz. Auf diesem Bild sind wir so, wie Gott uns sieht. So wie er uns gedacht hat. Und wir entwickeln uns immer mehr zu dem, wie wir sein sollen. Dazu schenkt er uns seinen heiligen Geist. Der heilige Geist verwandelt unser Herz immer mehr in dieses Bild. Und während wir immer mehr zu dieser neuen Person werden, verändert sich auch unser Handeln. Unser Herz, das Zentrum unseres Willens, gibt uns in unserem Leben die entscheidenden Impulse für unser Handeln.
Es geht nicht mehr nur darum Gebote einzuhalten, um vor Gott bestehen zu können. Weil wir durch den neuen Bund vor Gott bestehen können, sind wir zu christlichem Handeln befreit. Augustin hat einmal gesagt:
Liebe Gott und tue was du willst!
Natürlich klingt das sehr vereinfacht und man darf diesen Satz nicht auf die Goldwaage leben. Aber ich bin mir sicher, dass er etwas Wahres zum Ausdruck bringt. Der heilige Geist wirkt in uns wie ein Kompass. Er schlägt die richtige Richtung an. Sicherlich machen wir auch noch viele Fehler als Christen. Aber auch wenn wir es selber vielleicht gar nicht so deutlich wahrnehmen, verändert sich unser Leben immer mehr in die richtige Richtung. Dies geschieht, weil Gott mit seinem Geist in uns wirkt.
Wie ernst es Gott mit dem neuen Bund, seiner Herzensangelegenheit ist, lässt sich an Jesus erkennen, der diesen neuen Bund mit seiner Hingabe an uns Menschen und in Folge dessen mit seinem Leiden und Sterben besiegelte..
Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Artikel ein, der in der Süddeutschen Zeitung vor ein paar Jahren zu lesen war. Bei einem Gefecht zwischen Israelis und Palästinensern war der neunjährige Ali Mohammed Jawarish von einem Gummigeschoss israelischer Soldaten getroffen worden. Er wurde schwer verletzt ins Hadassah-Krankenhaus in Westjerusalem eingeliefert. Doch dort verweigerte man seine Aufnahme. Auch ein weiteres Krankenhaus schickt ihn weiter. Endlich nimmt ihn ein Krankenhaus in Ramallah im Westjordanland auf. Weil man ihm dort auch nicht helfen konnte wird er schließlich wieder in die Hassadah-Klinik gebracht, die ihn zuerst abgelehnt hatte. Doch es war zu spät. Der Junge war tot. Aber nun geschieht das Unglaubliche: Die Eltern stimmen einer Transplantation der Organe des getöteten Jungen an zwei kranke israelische Kinder zu.
Mich hat diese Geschichte sehr ergriffen. Ich bin von den Eltern des toten Jungen tief beeindruckt. Der Junge wurde von israelischen Geschossen schwer verletzt, ein israelisches Krankenhaus verweigert die Aufnahme. Wie groß müssen die Schmerzen der Eltern über den gewaltsamen Tod ihres Jungen gewesen sein. Wie verständlich wäre ein Hass auf die Israelis gewesen. Aber sie vergelten nicht Böses mit Bösem. Sie setzen ein Zeichen des Friedens und retten zwei israelischen Kindern das Leben.
Wie sehr muss es wohl Gott wehgetan haben, als er seinen Sohn am Kreuz sterben sah. Er starb sogar für die Menschen, die ihn ans Kreuz nagelten. Denn Jesus starb, damit wir alle leben können. Der neue Bund ist teuer erkauft:
"Ich will dein Gott sein und du sollst mein Volk sein!"
Unerhörte Treue lautete der Titel der Bibelwoche und weist damit auf das unverhoffte Geschenk Gottes. Seine Treue zu seinem Wort und seinen Menschen.. In diesen neuen Bund, in den Vertrauensbund Gottes, sind wir also hinein genommen. Damit wir Salz und Licht in dieser Welt sind. Amen.
Liturgie
Wochenspruch: Lukas 9,62
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Kyrie
Guter Gott, durch Dein Wort leben wir.
Dein Wort hat alles ins Leben gerufen.
Dein Wort ermutigt uns, Dir zu vertrauen, Tag für Tag.
An diesem Morgen, an dem alles noch durchdrungen ist von der nächtlichen Stille, legen wir all die Worte und Stimmen ab, die uns noch aus der vergangenen Woche in den Ohren klingen.
STILLE
Wir wollen heute Deine Stimme hören und ihr folgen.
Begleite uns als Gemeinde am Tag der Kirchenwahl
durch Worte der Klarheit und der Hoffnung.
KYRIE ELEISON ...
Zuspruch:
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
(Jer 29,11)
Kollektengebet
Herr, lass mich deine Stimme heraushören
aus all den Reden von Ansagern und Werbefritzen,
von Schmeichlern und Scharfmachern, Sprechern und Schreiern, von Lobhudlern und Langweilern,
von Diskussionsrednern und Diktatoren,
von Meinungsmachern und Nachbarn.
Aus all dem Geschwätz, dem lauten und leeren und
sinnlosen und endlosen Gerede lass mich deine sanfte und eindringliche Stimme heraushören, Herr. Und ich danke...
Fürbitten
Guter Vater, wir danken Dir an diesem Tag der Kirchenwahl dafür, dass Du immer wieder Menschen dazu rufst,
ihre Stimme in der Gemeinde zu erheben, damit Dein Wort in dieser Welt hörbar und Dein Reich unter uns sichtbar wird.
Wir danken Dir für alle, die sich heute zur Wahl stellen und damit öffentlich zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen wollen in der Kirche.
Lass sie in Zuversicht und Gelassenheit damit umgehen,
gewählt zu werden oder auch nicht gewählt zu werden.
Sende Deinen Heiligen Geist, guter Gott, damit es Worte des Friedens und der Liebe sind, die in Deiner Kirche gesprochen werden. Sende Deinen Heiligen Geist, guter Gott, damit Menschen in unserer Mitte getröstet und aufgerichtet werden.
Dein gutes Wort sei ein Licht auf unserem Weg.
Herr, segne mein Herz, dass dein Heiliger Geist darin wohnt,
dass es Wärme schenken und bergen kann, dass es reich ist an Verzeihung, dass es Leid und Freude teilen kann.
Lass mich dir verfügbar sein, mein Gott, mit allem, was ich habe und bin.
Kommentare (Beta-Test)