Predigt - Verraten und Verkauft
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herren Jesus Christus.
Predigttext für den heutigen Gründonnerstag steht im 14. Kapitel des Evangeliums nach Markus.
17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen.
18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir ißt, wird mich verraten.
19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's?
20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.
21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.
23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus.
24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.
25 Wahrlich, ich sage euch, daß ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.
Liebe Gemeinde,
Verraten und Verkauft. So könnte auf den ersten Blick die Überschrift über unseren heutigen Predigttext lauten. Jesus hat sich das letzte mal mit seinen Jüngern zum Abendessen getroffen. Das gemeinsame Essen, die Gemeinschaft beim Essen war Jesus immer besonders wichtig. Jesus saß sowohl mit Huren und Sünder, wie auch mit seinen Gegenspielern den Pharisäern zu Tisch. Und natürlich immer wieder mit seinem engsten Kreis der Jünger.
Doch heute ist die Situation eine andere. Jesus weiß, dass es das letzte Mal ist, dass er in dieser Runde mit seinen Freunden zusammensitzt; schlimmer noch er weiß, dass einer von diesen 12 ihn in der Nacht noch für Geld verraten wird. Einer seiner Freunde, die ihn so lange begleitet haben, wechselt in dieser Nacht die Seite. Schlägt sich hinüber auf die Seite von der er mehr erhofft als von seinem Freund Jesus.
Die Gründe für diesen Überlauf bleiben im Dunkeln. War es das Geld? War es die Hoffnung Jesus würde sich in der Bedrängnis als der mächtige Messias erweisen auf den doch so viele warteten? War es Enttäuschung oder Zorn?
Jesus weiß was auf ihn zukommt. Bald wir er ganz allein im Garten Gethsemane sein und seinen Vater bitten, dieses schwere Los nicht tragen zu müssen, um sich dann doch in den Willen des Vaters zu ergeben.
Verraten und Verkauft. Aber gibt es Situationen in unserem Leben in denen wir uns wie Jesus fühlen? Situationen in denen wir uns "verraten und verkauft" vorkommen? In unserem Welt gibt es immer wieder Situationen in denen sich Menschen von uns abwenden. Nicht unser Wohl im Auge haben, sondern vielmehr fixiert auf ihren Vorteil sind. Ja uns vielleicht sogar für ihre eigenen Vorteile verkaufen.
Ich denke an Kinder, die nicht die Chance zum Leben erhalten, weil die Schwangerschaft gerade nicht in die Lebensplanung der Eltern passt.
Alte Menschen, die von ihren eigenen Kindern ins Altersheim abgeschoben werden, weil es doch für alle bequemer ist.
Sterbende Menschen, deren Wille nicht unnötig lange zu Leiden missachtet wird, weil die Ärzte ihre hochtechnisierte Medizin nicht abschalten wollen.
Verraten und Verkauft. Aber prüfen wir uns selbst stehen wir immer auf der Seite Jesu? Judas, das ist seit diesen Ereignissen ein hartes Schimpfwort. Judas bezeichnet Verräter, die ihre eigene Sache verraten.
Lothar Matthäus
So wurde Lothar Matthäus lange von den Fans von Borussia Mönchengladbach als Judas beschimpft, weil er im Pokalfinale 1984 den entscheidenden Elfmeter gegen seinen zukünftigen Verein Bayern München verschossen hatte und so sein zukünftiger Verein, Pokalsieger wurden. Die Judas-Rufe begleiteten Matthäus die nächsten Jahre, wenn er auf Fans seines ehemaligen Vereins traf. Warum er den Elfmeter verschoss, wird wohl immer im Dunkel bleiben, doch für die Fans hatte er seinen Verein verraten.
Der Verrat der Jünger
Doch der Verrat der Jünger in der Passionsgesichte ist mehrschichtiger als der Verrat des Judas. Wo sind seine treuen Jünger bei Jesus Gebet in Gethsemane, während Jesus seinem Tod ins Auge sieht, bringen sie es nicht fertig eine Stunde mit ihm zu wachen.
Am nächsten Morgen, bevor der Hahn kräht, ist Petrus, der Fels, von allen guten Geistern verlassen, und beschwört diesen Menschen aus Galiläa nie zuvor gesehen zu haben. Selbst die Jünger, denen Jesus auf ihrem Weg nach Emmaus begegnet, hatten sich schon abgewandt von Jesus um in ihren Alltag zurückzukehren.
Unser Verrat?
Und wir? Sind wir immer das Opfer? Oder gibt es nicht auch andere Situationen in denen wir zum Judas oder zum Petrus werden? Nur noch unseren eigenen Vorteil unser eigenes Interesse im Auge haben. Wie schnell wird die Wahrheit ein wenig gedreht damit man selbst in einem besseren Lichte dasteht, dass nun der Schatten aus dem man sich hervorgearbeitet hat nun auf einen anderen fällt, wird schnell billigend in kauf genommen.
Ganze Staatssysteme wurden in Deutschland auf diesen Judas-Effekt gegründet. Nie hätte sonst die Nationalsozialisten und die SED eine solche Macht über ihre Bürger gewinnen können, wenn sie sich nicht auf ein funktionierendes System von Spitzeln und Verrätern hätten stützen können. Wie schnell wurden Menschen im Nationalsozialismus oder der DDR zum Judas. Teilweise um ihr eigenes Überleben zu sichern, teilweise um einen eigenen Vorteil aus der Situation zu ziehen.
Bis vor 16 Jahren konnte sich kein Bürger der DDR sicher sein, ob nicht sein Nachbar, Freund ja vielleicht Ehepartner ein Judas-Spitzel des Staates war. Nun kann man sagen, dass ist nun alles lange her, doch machen wir es uns nicht zu einfach. Es gibt den Verrat im großen und im kleinen. Verrat wächst dort, wo ich nicht zum anderen stehe, wo ich mich von alten Freunden verabschieden, um nun bei den Coolen auf dem Schulhof besser angesehen zu sein. Verrat streckt dort seine Finger aus, wo ich besser meinen Glauben verschweige, um nicht schief angeschaut zu werden. Verrat umschlingt mich wenn ich im anderen nicht den Menschen sondern nur den sehe, der mir nutzen kann.
Abendmahl
Doch der heutige Predigttext ist mehr. Denn unmittelbar an die Ankündigung des Verrates schließt sich die Abendmahlsszene an. Ein etwas anrüchiger Platz für die Einsetzung des Abendmahls, als eines der beiden heiligen Sakramente. Oft und ausführlich wurde in der Kirche über das Abendmahl nachgedacht, aber selten wurde dabei auf die historische Situation geschaut.
Das letzte Abendmahl Jesu kurz vor seinem Tod, war kein Mahl mit würdigen Heiligen. Nein am Tisch sitzen Judas, der Jesus für Geld verraten wird; Petrus, der noch in der Nacht Jesus nicht mehr zu kennen vorgibt; die anderen Jünger die nach dem Tod Jesu scheinbar alle ihre Hoffnung verloren haben. Nein eine Gruppe von heiligen Aposteln stelle ich mir anders vor.
Doch Jesus schließt an diesem Abend keinen aus. Selbst Judas, über den er schon ein hartes Urteil gesprochen hat darf bleiben. Die Jünger mit ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten sind trotzdem oder vielleicht gerade wegen ihrer Fehler am Tisch willkommen.
Und dieser Abend hat Wirkung. Schon bald nach Pfingsten gehört das gemeinsame Abendmahl zu den Grundfesten der Gemeinde. Im Teilen von Brot und Wein wird die Erinnerung an Jesus lebendig, ja mehr noch Jesus selbst ist in Brot und Wein gegenwärtig bis heute.
In Brot und Wein kommt Jesus uns ganz nahe, nicht als verkopftes Wort oder Idee, sondern unter Brot und Wein will er bei uns sein.
Theologische Streitigkeiten
Auf diesem Hintergrund ist es selbst für mich als Theologen manchmal unbegreiflich, welche Streitigkeiten ausbrachen, wann und unter welchen Voraussetzungen Menschen zum Abendmahl zugelassen werden.
Was für eine lange Geschichte von Selbstprüfung, Beichte und Selbstzweifel hängt an dieser Auseinandersetzung. Wie viele Menschen bleiben dem Abendmahl bis heute fern, weil sie sich nicht würdig fühlen an den Tisch des Herrn zu treten. Wie wenig Vertrauen legte die Kirche in ihrer Geschichte in das Sakrament des Abendmahls.
Ich glaube die wenigsten Jünger, die am Tisch mit Jesus saßen, hätten die Kriterien erfüllt würdig zum Abendmahl zu gehen, und doch sind es sie, die gescheiterten, die mit Jesus das Mahl feiern.
Ja man kann es noch krasser sagen. Die anderen, die immer wissen was richtig und falsch ist, die Pharisäer und Schriftgelehrten, sitzen nicht mit am Tisch, sondern überlegen in der selben Stunde wie sie Jesus umbringen können.
Ermutigung
Und so dürfen wir wie die Jünger damals zu seinem Tisch kommen. So wie wir sind. Mit unserer Schuld und unseren Zweifeln; mit unseren Fragen und unseren Verfehlungen, dürfen wir heute wie die Jünger damals das Brot und die Frucht des Weinstocks empfangen. Die Taufe reicht, wir brauchen keine Leistungen und Berechtigungsscheine, wenn wir einmal mit der Taufe in den Leib Christi mit hinein genommen sind.
Doch das Abendmahl ist nicht folgenlos. Denn hier am Tisch des Herrn entsteht etwas neues. Das Abendmahl stiftet heute wie damals Gemeinschaft.
- Eine Gemeinschaft der Erinnerung, dass Jesus für dich und mich gestorben ist.
- Eine Gemeinschaft der Gegenwart, die uns zum Leben als Glieder Christi ruft.
- Eine Gemeinschaft der Zukunft, die uns daran erinnert, dass wir in der Welt auf den Warten, der die Welt erlösen wird.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft regiere und bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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