Predigt - Was ist der Heilige Geist?
Text: Römer 8,1-2 +10-11
1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Liebe Gemeinde!
Pfingsten ist in unserer Gegend der Welt das unbekannte christliche Fest. Wenn man auf der Strasse fragt, was an Pfingsten gefeiert wird, fangen die Leute an zu raten. 30% ungefähr raten richtig oder wissen es. Genauso verhält es sich mit der Frage nach dem heiligen Geist. Der heilige Geist ist die unbekannte Person der Dreieinigkeit. Gott ist der Schöpfer aller Dinge. Auch diejenigen, die das nicht glauben, wissen, dass das zum christlichen Glauben gehört. Jesus Christus ist der Erlöser. Auch diejenigen, die Erlösung eher überflüssig finden, wissen, dass das Christentum irgendetwas mit Jesus zu tun hat. Aber der heilige Geist? Null Ahnung.
Textlesung
Was ist der Heilige Geist?
Nun, da stellen wir uns 'mal ganz dumm. Der Heilige Geist bewegt etwas. Nicht Motoren und auch keine Maschinen, sondern Menschen, genauer gesagt: uns. Er sorgt dafür, dass wir geistlich rege bleiben, wohlgemerkt: geistlich mit einem L nach dem T. Das ist etwas anderes als geistig (ohne L nach dem T) fit zu sein. Geistlich in Bewegung zu bleiben, ist viel mehr, geht viel tiefer, ist viel grundlegender, umfasst beides, Körper und Geist. Deshalb wäre es falsch, Paulus mit seinen zugegebenermaßen nicht ganz leichten Aussagen so zu verstehen, als würde er Körper und Geist gegeneinander ausspielen wollen. Im Gegenteil. Er spricht bewusst von Geistlichkeit und Fleischlichkeit. Und mit beidem beschreibt er keine körperliche und auch keine geistige Haltung, sondern er hat die Seele im Blick, die Spiritualität des Menschen, das, was Gott in uns wohnen lässt. Das, sagt Paulus, bleibt lebendig, wird mit Leben gefüllt durch den Heiligen Geist. Und das bewahrt uns vor der Verdammnis, also vor dem Verlorengehen, vor der Gottverlassenheit.
Nun ist geistliche Mobilität in unserer Gesellschaft modern geworden, ja es scheint, als betreiben es manche als eine Art Sport. Patchwork-Religiosität wird das genannt. Immer mehr Menschen schöpfen, was ihren Glauben betrifft, aus verschiedenen Quellen. So bastelt man sich seine eigene Religion zusammen. Das hat durchaus Vorteile. Zum Beispiel den, dass man sich genau das heraussuchen kann, was einem gefällt. Was gegen den Strich geht, lässt man einfach weg. Auch für diese Art des religiösen Lebens muss Paulus als Argumentationshilfe herhalten:
"Prüft aber alles, und das Gute behaltet"
schreibt er am Ende des 1. Thessalonicherbriefes.
Und auch moderne Theologen wie zum Beispiel Eugen Drewermann haben dafür Verständnis.
"Was wir derzeit erleben, ist geistesgeschichtlich unvermeidbar, die Welt wächst zusammen. Insofern ist es nur richtig, dass eine Menschheit, die zusammenwächst, die verschiedenen Ströme auch zusammenführt. Was ist es mit unserem individuellen Leben, was macht Sinn und hält stand angesichts des Todes? Alle Menschen überall auf Erden suchen das, so wie alle Blumen Wasser und Licht suchen und alle Tiere, Nahrung und Wärme, so suchen wir Menschen Antworten auf diese grundlegenden Sinnfragen, und da müssen und dürfen die verschiedenen Religionen voneinander lernen."
Drewermann hat sicher Recht, wenn er auf den spirituellen Reichtum der verschiedenen Religionen aufmerksam macht und diesen spirituellen Reichtum der Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes gegenüberstellt. Allerdings liegt die Gefahr, die ich dabei sehe, in einem möglichen Verlust von Verbindlichkeit. Wenn ich mir aussuchen kann, woran ich glaube, verliere ich dann nicht auch die Gewissheit darüber, was mir versprochen ist? Nicht umsonst beginnt unser Predigttext mit einer großartigen Zusage, die allerdings an eine Bedingung geknüpft ist:
"So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind."
Und was heißt das, "in Christus Jesus sein"?
Nun, für Paulus bedeutet es Freiheit. Freiheit von allem, das die Liebe Gottes zu uns Menschen von irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten abhängig machen will. Dass wir diese Gewissheit haben dürfen, das hat sich Gott unendlich viel kosten lassen: das Leben eines Menschen. Bis zum Kreuz und noch am Kreuz hat sich Jesus dagegen gewehrt, Gott und Mensch auseinanderzudividieren. Und mit der Auferstehung hat Gott Jesus Recht gegeben. Nicht einmal das für uns unüberwindbare Gesetz des Todes kann uns von seiner Liebe trennen.
Der Geist Christi, sagt Paulus, macht frei von der Sorge um sich selbst. Er stellt uns in eine dynamische Bewegung des Lebens und befreit uns von dem Wahn, dass wir unser Leben selbst sichern könnten und müssten.
Und was heißt das, "in Christus Jesus sein"?
Der große Liederdichter Paul Gerhard hat es in seinem Sommerlied „Geh aus mein Herz“ so eindrücklich geschildert:
Geh hinaus, siehst dir an: die schönen Gärten, die Bäume voller Laub, die bunte Blütenpracht, den Schall der Nachtigall, das Lustgeschrei der Schafe und ihrer Hirten, die unverdrossene Bienenschar, der süße Weinstock, das wogende Weizenfeld. Wohin du auch schaust, überall in der Natur siehst du, wie es wächst und blüht, merkst du auf den Richtungssinn, den das Leben hat, erkennst du, dass alles Leben ins Leben drängt, das es ein Ziel hat? Wenn du hingehst in Gottes freie Natur, dann spürst du, dass du lebst, inmitten von Leben, das leben will – wie das Albert Schweitzer in seinen Schriften zur Ehrfurcht vor dem Leben ausgedrückt hat.
Sich davon begeistern zu lassen, führt Paul Gerhard zur Freude und zum Dank: „Ich selber mag und kann nicht ruhn“, vielmehr der Blick in die Natur lässt ihn erkennen, dass diese Welt nur ein schwacher Abglanz der Vollendung ist, die uns in Gottes neuer Welt verheißen ist. So wird ihm die liebe Sommerzeit zum Gleichnis für das Himmelreich und der Garten zum irdischen Abbild der himmlischen Welt. Ist es nicht ein wunderbares Geschenk, daran glauben zu dürfen?! Und wäre es nicht töricht von uns, uns diese Hoffnung nehmen zu lassen?!
Noch einmal nachgefragt, was heißt das, "in Christus Jesus sein"?
Darauf vertrauen, dass Gottes Geist auch heute immer wieder unter uns wirkt. Denn Pfingsten ist nicht nur Erinnerung an Vergangenes, sondern das Fest des Geistes schlechthin, der uns ChristInnen - und allen Menschen guten Willens - verheißen ist; der in dieser Zeit, in unserer konkreten Gemeinde vor Ort und im eigenen Leben lebendig sein will; der uns in den Händen hält; der sich dem Glaubenden zu spüren und zu erfahren gibt. Darum feiern wir an Pfingsten immer auch das Fest unserer Hoffnung, unserer Berufung, Gottes gute Botschaft in Wort und Tat, mit Herzen, Mund und Händen zu bezeugen. Darum bitten wir immer wieder neu:
Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
dass ich dir stetig blühe;
gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,
viel Glaubensfrüchte ziehe.
Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.
(EG 503, 13-14 Geh aus mein Herz)
Was ist der Heilige Geist? So habe ich anfangs gefragt.
Er ist das, was dieses Leben in uns ermöglicht. Er ist dafür verantwortlich, wenn es uns gelingt, es mit anderen zu teilen. Er ist die Ahnung von Auferstehung, die uns gegen alles, was dem Leben widerspricht, zur Wehr setzen lässt. Er ist das, was uns selbst im Sterben noch an das Leben glauben lässt. Er ist das Stück Ewigkeit in uns. Und darum gilt, was Paulus am Ende verspricht:
"Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt."
Amen.
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