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Predigt - Was ist ein wahrer Christ?

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herren Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Wer ist ein wahrer Christ?
Oder noch besser, was macht einen wahren Christen aus?
Was ist das entscheidende Kriterium und wer legt es fest?
Sind es die Gottesdienstbesuche?
Wenn ja, wie viele brauche ich um ein wahrer Christ zu sein? Reicht Weihnachten und Ostern, oder müssen es schon mindestens zwei Besuche im Monat sein.
Oder sind es die guten Taten, die einen guten Christen ausmachen?

Reicht es sich an das Pfadfindermotto zu halten: Jeden Tag eine gute Tat, oder muss unser Handeln immer an der Bibel ausgerichtet sein.

Oder ist der richtige Glaube das entscheidende? Der eine sagt: "Man muss die Bibel wörtlich nehmen", der andere: "Die Bibel kann man heute nur noch verstehen, wenn man sie interpretiert."

Oder ist nur der ein Christ der die richtige Konfession hat. Muss ein richtiger Christ evangelisch sein, oder vielleicht katholisch, oder gar Orthodox.

Sie merken eine solche Fragen haben Brisanz und geht an die Grundfesten unsere Glaubens. Auch der Apostel Paulus, dem wir heute unseren Predigttext verdanken, stand vor solchen Situationen in seinen Gemeinden. Doch sein Weg ist ein anderer als einfach nur für eine Seite Partei zu ergreifen. Paulus, der sonst ein Freund der klaren Worte, will hier nicht den Richter spielen.

Sondern er schreibt im 14. Kapitel des Römerbriefes:

10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
11 Denn es steht geschrieben: »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«
12 So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Man könnte Paulus Worte fast als sorglos bezeichnen. Den Diskussionen über Äußerlichkeiten, verschiedene Interpretationen und unterschiedliche Geschmäcker, die sich damals wie heute in der Christenheit fanden und die sich gegenseitig am liebsten ihr Christ sein absprechen würden, erteilt Paulus eine klare Absage.

Inhaltlich schließen sich manche Meinungen gegenseitig aus. Man kann in der Kirche nicht zugleich Weihrauch benutzen und es nicht tun. Paulus sagt aber all diese Unterschiede schließen nicht aus der Kirche aus.

Ist jetzt Paulus unter die Liberalen gegangen, oder zählt Paulus gar zu denen, denen alles egal ist. Nein sonder Paulus verweist auf einen anderen:

"Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden!"

Richter Stuhl Gottes

Wenn ihnen nun das Bild vom Richterstuhl Gottes fremd ist, dann bitte ich sie trotzdem sich nicht gleich irritieren lassen. Auch eventuelle Kindheitsängste vor einem strafenden Richtergott zunächst einmal zurückstellen.
Lassen sie uns erst einmal der Frage nachgehen. Was will uns Paulus eigentlich damit sagen? Vielleicht erübrigt sich dann das andere.

Paulus geht es doch darum, dass wir vor Gott alle ziemlich gleich ausschauen.

"Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt"

, ich, Sie, Paulus, der Papst ... . Das was uns besser oder schlechter machen könnte, das verblasst einfach aus dem Blickwinkel Gottes.

Trifft doch ziemlich gut unsere Wirklichkeit, die anzunehmen verdammt schwer fallen kann. Wir alle kommen aus ganz bestimmten Verhältnissen. Wir stecken in unserer Haut, aus der wir uns nicht befreien können. Mann oder Frau. Jung oder alt. unser jeweilige Geschichte unsere guten und schlechten Erfahrungen.

So viele Dinge machen uns vollkommen unterschiedlich und doch in einem vollkommen gleich. Wir können nicht raus aus unserer Haut. Wir sind in all unserem Denken, Fühlen, Glauben und Meinen abhängig von unserer Geschichte, von den Erfahrungen die wir bis hierher gemacht haben. Keiner von uns kann sich außerhalb seiner Geschichte stellen.

Wenn wir das im Hinterkopf haben, sollten wir uns vor vorschnellen Urteilen und Verurteilungen hüten. Wer gibt uns das Recht über den Glauben des anderen zu urteilen. Und könnte unser Lebenswandel vor unserem eigenen Urteil den bestehen?
Unterschiede wagen

Aber was heißt das den für unsere Praxis? Können und dürfen wir keine Grenzen ziehen? Gibt es nicht doch Grenzen? Gibt es dann auch kein richtig und falsch mehr?
Gerade in einer Zeit in der alles beliebig zu werden schein und alle irgendwie recht haben. Da täte doch ein klares Wort sehr gut.

Ich kenne bei mir dieses Gefühl bei mir bei den ökumenischen Diskussionen. Wie viel sorge besteht da Unterschiede zu benennen. Wer wagt es denn mal zu sagen: "Ja, da sind wir wirklich unterschiedlicher Auffassung." Und die Liste der schwerwiegenden Unterschiede mit der katholischen Kirche ist lang. Nicht nur die Frage nach dem Abendmahl trennt noch die beiden großen Kirchen, sondern auch das unterschiedliche Verständnis, was ein Pastor ist, oder die Fragen des Umgangs mit Frauen in der Kirche.

Aber kehren wir noch einmal zu Paulus zurück.
Paulus ist in seinen Briefen kein Leisetreter. Der Paulus hier ermahnt nicht zu richten und nicht zu verachten, hält sonst mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er sagt an anderen Stellen in seinen Briefen deutlich seinen Meinung und geht auch Streit nicht aus dem Weg. Wie bekommt Paulus das hin. Anerkennung des anderen auf der einen Seite, jedoch ohne auf der anderen Seite seine Position aufzugeben.

Der Blickwinkel Gottes

Ich glaube für Paulus ist das Verbindende zwischen Annahme und eigener Position der Blickwinkel Gottes. Ohne diesen Blickwinkel, der über alles was wir denken, fühlen, meinen können, hinausgeht. Ohne den Blickwinkel Gottes würden unsere Unterschiede dazu führen, dass wir uns trennen, richten und verachten würden. Ohne den Blickwinkel Gottes wüssten wir nicht, dass wir trotz unserer Unterschiede zusammengehören.

Auf der anderen Seite: Unter diesem Blickwinkel Gottes brauchen unsere Unterschiede nicht unter den Tisch zu fallen. Weil wir uns in Gott verbunden wissen, deshalb können wir unsere Unterschiede ruhig benennen und mit ihnen leben.
Zusammen leben
Und was bedeutet das jetzt, ganz praktisch?
Zuerst zur Kirche:

Hier besteht ja das Vorurteil, dass alles immer schiedlich und friedlich zugehen müsste. Friede, Freude, Eierkuchen. Und dann ist die Enttäuschung um so größer, wenn es einmal kracht.
Das Gegenteil ist richtig. Eigentlich sollte hier gerade der Raum sein, in dem frisch und frei Unterschiede zur Sprache kommen dürfen. Freilich ohne zu richten oder zu verachten. Also ohne einander auszuschließen oder einander zu verachten.
Wenn wir um den Blick Winkel Gottes wissen, dann können wir miteinander ringen, aber als Brüder des einen Vaters.
Deshalb: Sich gegenseitig das Kirche sein absprechen geht nicht.

Sich kritisieren geht.
Auseinandersetzung geht.
Verständigung suchen geht.

Und noch eins.
Zusammen Abendmahl feiern muss gehen. Das Abendmahl ist das Zeichen für unsere Verbundenheit, die nicht wir geschaffen haben, sondern die uns von Jesus Christus selbst geschenkt worden ist. Zum Abendmahl kommen wir alle als Gäste. Der, der uns einlädt, ist nicht der Pfarrer auch werden wir nicht von der Kirche zum Mahl eingeladen, sondern der Gastgeber des Abendmahls ist der, der es mit seinen Jüngern zusammen eingesetzt hat. Wenn aber Jesus, der ist der uns einlädt, wie sollten die Gäste am Tisch des Herren das Recht haben sich gegenseitig auszuladen. Genau wie wir im Vater unser gemeinsam unseren Herrn anrufen dürfen, so dürfen wir uns auch alle als Eingeladene am Tisch des Herren versammeln.

Aber die Erkenntnis des Paulus hat auch Auswirkungen auf unser alltägliches Leben: Der Glaube ist für mein Leben, was meine Seele stärkt. Mich sicher macht meiner selbst im Konzert der vielen Auffassungen und Meinungen. Wenn ich meinen Glauben gefunden habe, dann macht mich das sicherer. Ich brauche mich nicht zu verunsichern zu lassen und kann aus meinem Glauben heraus mehr zuhören und auch die Meinung des anderen stehen lassen.

Denn eins macht uns alle gleich. Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Es ist gut zu wissen, dass wir und kein anderer Mensch ein letztes Urteil über unser Leben sprechen wird, sondern dass Gott es ist der auf dem Richterstuhl sitzt. Vor diesem Stuhl brachen wir keine Verleumdung oder falsche Zeugen zu fürchten. Vor seinem Richterstuhl werden wir erkennen: wie und wer wir wirklich sind. Und was mich getrost auf diesen Tag blicken lässt, ist die Sicherheit das kein anderer auf diesem Stuhl sitzt als der Gott, der uns von Herzen liebt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft regiere und bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Christus Jesus.Amen.

Erstellt: 31.12.2004
Zuletzt aktualisiert: 3.4.2011 17:00 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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