|

Predigt - Was ist Gottesdienst?

Text. Amos 5,23-24
21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Liebe Gemeinde!

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
So lautet der Bibelvers, aus dem das Motto für die diesjährige Friedensdekade stammt. Der Bibeltext steht im Amosbuch im 5. Kapitel. Es geht auf den Propheten Amos im 8. Jahrhundert v. Chr. zurück. In dieser Zeit wurden Menschen in Israel um ihr Land gebracht. Kleinbauern und ihre Familien verloren um des Profits neuer Wirtschaftformen willen ihre Existenzlage. Sie geraten in die Schuldenfalle, sie werden abhängig von Großbauern und müssen für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten. Und das alles geschieht weithin legal. Dagegen protestiert der Prophet Amos lautstark. Was legal ist, ist noch lange nicht legitim. Zugleich beobachtet Amos ein großes Interesse an Kult, an Gottesdienst An den Kultstätten. Bethel, Gigal, Beerscheba, so heißen einige von ihnen. Das eine - die Unterdrückung der Kleinbauern und ihre Verarmung - scheint mit dem anderen - dem geistlichen Leben nichts zu tun zu haben. Doch gerade dagegen erhebt Amos Einspruch:

"Denn so spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben. Suchet nicht Bethel und kommt nicht nach Gilgal und geht nicht nach Beerscheba...
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."

In einer anderen Übersetzung lautet der letzte Vers:

"Es wälzt sich heran wie Wasser das Recht und Gerechtigkeit wie ein starker Strom."

Eine sehr plastische Übersetzung - das Recht, das sich wie eine Welle, vielleicht wie eine Flutwelle nähert. Aber nun nicht zerstörerisch wie im Sommer vor 2 Jahren die Flutkatastrophe an der Elbe, wo Menschen über Nacht all ihr Hab und Gut verloren haben. Hier ist die Sogwirkung angesprochen, die der Ungerechtigkeit den Boden entzieht. Hier ist die Macht des Rechts gemeint, das herankommen, sich ausbreiten soll. Das Recht ergießt sich über rechtlose Zustände und verhilft zum Recht denen, die es nötig haben.

Wenn Amos von Gerechtigkeit spricht, dann meint er nicht die Justitia, jene schöne und Respekt gebietende Frau, die in einer Hand die Waage hält und in der anderen das Schwert trägt. Um unparteiisch zu entscheiden, sind ihre Augen verbunden. Das Schwert symbolisiert die Bestrafung der Bösen, die Waage steht für die zuteilende Gerechtigkeit. Doch die Bibel denkt Gerechtigkeit gerade nicht unparteiisch. In der Bibel ergreifen die Propheten im Namen Gottes Partei zugunsten derer, die sonst im Leben zu kurz kommen. Amos greift den Kult seiner Zeit an:. Fördert er Recht und Gerechtigkeit? Sind diejenigen im Blick, die durch Großgrundbesitzer um die Erträge ihrer Felder gebracht sind, die sich ständig verschulden müssen, um zu überleben und ihre Familien zu ernähren? Denn für Amos ist klar, dass beides zusammengehört. Gottesdienst und Gerechtigkeit. Das eine geht ohne das andere nicht. Die Forderung nach Recht und Gerechtigkeit soll nicht den Gottesdienst ersetzen. Das Ziel seiner Kritik ist Kult und Lieder im Einklang mit Recht und Gerechtigkeit.

Im vergangenen Jahrhundert hat Dietrich Bonhoeffer daraus die Schlussfolgerung gezogen:

"Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen."

Ein mutiges Wort während der Nazi-Zeit. Nur wer sich für die Verfolgten einsetzt, darf auch Gottesdienst feiern. Ist das nicht ein beherzenswerter Wegweiser auch heute noch?!?

Angesichts des täglichen Terrors im Irak wird erneut deutlich, dass Krieg keinen Frieden bringt. Ja, der Name Gottes wird wieder und wieder blasphemisch missbraucht von allen Seiten, von Christen und Muslimen. Gott ist kein Kriegsherr! Gott ist ein Friedensstifter. Gott sagt nicht: Ich bin mit denen, die Waffen haben, sondern: Selig sind die Friedfertigen!

Im Gottesdienst vergewissern wir uns des Glaubens, sich ganz und gar Gott, dem Vater Jesu Christi, anzuvertrauen. Sich von Gott gehalten und getragen wissen, das befreit von der Angst vor der Welt. Sich von Gott tragen lassen in guten und in schlechten Zeiten wie von einem Strom des Guten, der Liebe und des Rechts, das schenkt einen freien Blick für den anderen und dessen Sorgen und Nöte.

Die Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann erzählt von einem Prozess, in dem sie zwei Afrikanerinnen unterstützt hat. Diese klagten vor einem deutschen Gericht, dass die Gefahr der Genitalverstümmelung in Nigeria der Grund dafür sein möge, das sie Asyl erhalten. Es hagelte Protestbriefe von "guten Deutschen": "Dass sei deren Problem." "Das gehe uns hier nichts an, wenn die Schwarzen da so merkwürdige Sitten hätten."
Und die Bischöfin antwortet:

"Na, bravo! Gottes Ebenbild - deine Schwester - geht dich nichts an? Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit..."

Was ist Gottesdienst? Meinen Konfirmandengruppen versuche ich immer wieder diese Frage mit dem Satz zu erklären: Im Gottesdienst dienen wir nicht Gott, sondern Gott dient uns mit seinem Wort und Sakrament. So verstanden ist Gottesdienst zuallererst ein Ort des Hörens auf Gottes Wort. Es will nicht strafen, sondern richten im Sinne von Aufrichten, Geraderichten, Zurechtrichten, was krumm und verbogen ist, soll wieder aufrecht stehen. Der Gebeugte, die zu Boden Getretene, der Gedemütigte, die Misshandelte, der beraubte, die Verstoßene - sie alle sollen wieder aufgerichtet werden, ihnen soll Gerechtigkeit widerfahren. Darum nennt man das Wort Gottes Evangelium, die gute Nachricht.So verstanden ist dann Gottesdienst ein Ort der Gegenkultur, die noch von Gerechtigkeit und Frieden träumen kann, die Gottes Wort verheißt, Es stärkt uns, damit wir uns von den Realitäten nicht einschüchtern lassen, die uns einreden wollen: "Du kannst nichts tun, geschweige ändern."In den achtziger Jahren haben viele Christen in der damaligen DDR mit einem kleinen Zeichen an ihrer Kleidung für Unruhe gesorgt. Das Zeichen war ein biblisch prophetisches Wort: "Schwerter zu Pflugscharen". Trotz vieler Einschüchterungen seitens der Partei ließen sie sich nicht beirren: "Wenn nicht wir, wer dann?" suchten sie nach kleinen Schritten auf dem Weg zum Frieden. Damals hießen sie in der DDR: Wehrdienstverweigerung und dafür der unbequeme Ersatzdienst als Bausoldat, Aufruf zum Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.So verstanden ist dann Gottesdienst ein Ort der Hoffnung, die weit über unsere kleinen Begrenztheiten hinausgeht, weil sie ihre Wurzeln in der Verheißung unseres Gottes hat. So verstanden ist dann Gottesdienst ein Ort des Gebets:

"Lass dein Recht, Gott, bei uns strömen wie Wasser, damit deine Gerechtigkeit unsere Gerechtigkeit, dein Friede unser Friede werde."

 Amen.

Erstellt: 31.12.2004
Zuletzt aktualisiert: 3.4.2011 16:16 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

Kommentare (Beta-Test)

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*


*
Bei neuen Kommentaren benachrichtigen.