Predigt "Weihnachtsvisionen"
Liebe Gemeinde!
Am 1. Dezember haben die Kinder unseres Kindergartens zur Eröffnung des ersten Adventsfensters in der Kirche eine Andacht gehalten. Dabei haben sie ein kleines Stück aufgeführt. Es heißt: „Weihnachten der Tiere“
„Die Tiere diskutierten einmal über Weihnachten. Sie stritten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei.
„Na klar, Gänsebraten", sagte der Fuchs, "was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!"
„Schnee", sagte der Eisbär, „viel Schnee!" Und er schwärmte verzückt: „Weiße Weihnachten feiern!"
Das Reh sagte: „Ich brauche aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern."
„Aber nicht so viele Kerzen", heulte die Eule, „schön schummrig und gemütlich muss es sein. Stimmung ist die Hauptsache!"
„Aber mein neues Kleid muss man sehen", sagte der Pfau. „Wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten."
„Und Schmuck," krächzte die Elster, „jede Weihnachten kriege ich was: einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste."
„Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen ", brummte der Bär, „das ist doch die Hauptsache, wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich lieber auf Weihnachten."
„Mach's wie ich", sagte der Dachs, "pennen, pennen, das ist das Wahre an Weihnachten, mal richtig ausschlafen!"
„Und saufen", ergänzte der Ochse, „mal richtig einen saufen und dann pennen..."
...dann aber schrie er „aua!!“; denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt:
„Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?"
Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: „Das Kind, ja das Kind, ist die Hauptsache."
„Übrigens", fragte er dann den Esel: „Wissen das die Menschen eigentlich?"
(nach H. Hirschler: Es leucht wohl mitten in der Nacht. Weihnachtliche Entdeckungen, Dienst am Wort 84, Göttingen 1999, S.28f)
In dieser Diskussion der Tiere spiegeln sich auch unsere Gefühle und Sehnsüchte mit Weihnachten wieder. Auch wir haben unsere kleinen und großen, ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen an Weihnachten. Und sie sollen nicht klein geredet, erst recht nicht schlecht gemacht werden. Und doch bleibt diese Frage: „...denkst du denn nicht an das Kind?" Wenn das Kind die Hauptsache ist, dann stellt sich die Frage, welche Sehnsüchte und Erwartungen verbinden sich mit ihm?
Der heutige Bibeltext aus dem Jesajabuch beschreibt mit großartigen Bildern diese weihnachtlichen Sehnsüchte und Erwartungen:
1. als Fülle des Geistes
1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Unbemerkt ein Neuanfang – wo das Ende sichtbar. Unverhofft neues Leben – wo der Tod herrscht. Unerwartet ein neuer Geist – wo der Ungeist wütet.
Von Anfang an verstanden Christen diese Vision als einen Hinweis auf Jesus. Das Kind in der Krippe zu Bethlehem, am Rande der Welt, unbemerkt. Sein Leben, das Frucht bringt in der Hingabe an Gott und Mensch. Unverhofft. Sein Geist, der Menschen tröstet, die immer wieder auf neue Weise durch Machtwillen, Eitelkeit, Rechthaberei, Angst, Ehrgeiz Misstrauen allzu oft den Ungeist spüren, ja erleiden müssen. Unerwartet. So eröffnet Jesus neue Perspektiven:
„Selig sind, die da…“
Bis heute bewegt sein Geist immer wieder Menschen.
„I have a dream“
– dieses Wort Martin Luthers King, 1963, vor dem Capitol in Washington gesprochen, spiegelt etwas wieder von diesem Geist:
„Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“
Bis heute ruft sein Geist immer wieder auf, wach zu bleiben gegen den Ungeist unserer Tage, der sich kürzlich in Bretzenheim am Mahnmal zum Ewigkeitssonntag zeigte.
2. als Fülle der Gerechtigkeit
3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
Gerechtigkeit ist zwar nicht zum Wort des Jahres gekürt worden. Doch es ist ein vieldiskutiertes Wort in diesem Jahr gewesen. Was heißt es in unserer Zeit? Gerechtigkeit als Chance für jedermann? Als gerechte Teilhabe an Bildung, Arbeit und Lohn?
Der Zulauf der Reling in Bad Kreuznach wird immer stärker, ebenso das Cafe bunt, ein Treffpunkt für von Obdachlosigkeit betroffene oder bedrohte Frauen. In Kirn wird ebenfalls eine Ausgabenstelle für eine warme Mahlzeit eingerichtet. Denn immer mehr Menschen können mit ihrem Arbeitslohn oder Arbeitslosengeld nicht mehr das Lebensminimum bestreiten.
Die Krankkassen erhöhen ihre Beiträge. Die Mehrwertsteuer steigt um 3 Punkte. Die Energiekosten steigen in Schwindel erregende Höhen. Betroffen sind wir alle. Geht es da gerecht zu?
Da ist es gut zu wissen, dass unsere so alltäglichen Probleme, um die wir nach Lösungen suchen, um gerechte Lösungen ringen, vom Fest nicht überspielt, für ein paar Tage verdrängt werden.
Vielmehr gilt uns gerade zu Weihnachten die Zusage: Gott selbst nimmt sich der Frage nach Gerechtigkeit an. Er hat ein offenes Ohr für unsere Klagen. Er hat ein sehendes Auge für die Missstände. Er handelt so, dass Leben gelingt. Zeichenhaft wird das in den Begegnungen Jesus mit den Menschen seiner Zeit sichtbar, wenn er bei dem gesellschaftlich geächteten Zöllner Zachäus einkehrt, wenn er das Brot segnet und austeilt, so dass alle satt werden. Zeichenhaft wird das in den Reden Jesu hörbar, wo er sich besonders denen zuwendet, die mühselig und beladen sind.
Weihnachten hält die Frage nach Gerechtigkeit wach und lässt die Hoffnung wachsen. Oder mit einem Choral gesagt:
„Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn, dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.
Dein Reich in Klarheit und Frieden, Leben in Wahrheit und Recht.“
(EG 675,1)
3. als Fülle des Friedens
6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.
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Der Prophet weiß, wessen die Menschen bedürfen. Sie suchen Frieden und Harmonie. Es soll zusammen sein, was zusammengehört. Und darüber hinaus sollen Brücken geschlagen werden zwischen Geschöpfen, die einander eigentlich unversöhnlich gegenüberstehen: Wolf und Lamm, Panther und Bock, Knabe und Kalb, Löwe und Mastvieh, Säugling und Otter.
Und das Besondere an dieser Vision: Die Feindschaft wird überwunden. Aber nicht dadurch, dass die Feinde aus dem Weg geräumt werden, sondern dass die Feinde verwandelt werden. Verwandelt in Wesen, die in Frieden miteinander leben können. So wird Harmonie zwischen den Geschöpfen hergestellt. Tiere, die einander gefressen haben, können im Reich Gottes unbeschwert miteinander leben. Auch Mensch und Tier leben im Einklang, Selbst die Schlange verführt nicht mehr zur Sünde. Sie ist Spielgefährtin. Die Sünde, der große Graben zwischen Mensch und Gott ist überwunden.
Deshalb, liebe Gemeinde, feiern wir jedes Jahr mit gleichen Bräuchen und Liedern Weihnachten. Damit wir auf dem Weg bleiben hin zu der Welt, die uns von Gott her entgegenkommt. Damit in uns der Glaube gestärkt werde, der aus Nichts etwas machen kann und die Hoffnung, die den bekannten Horizont überschreiten will. Möge es in diesem Sinne unter uns Weihnachten werden, immer wieder neu. Amen
Spruch:
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Kyrie
Gott, wie oft wünschen wir uns,
dass diese Welt deinem Reich ähnlicher wird,
dass sich deine Gerechtigkeit durchsetzt
und nicht das Recht des Stärkeren,
dass Frieden herrscht,
wo jetzt Krieg ist,
dass geheilt wird,
wo Wunden geschlagen werden.
Wird es nicht Zeit,
dass du Ende machst mit dem,
was zerstört
und neu beginnst mit dem,
was aufrichtet?
Wird es nicht Zeit für dich,
dein Reich auf Erden endgültig in Kraft zu setzen?
Kyrie Eleison ...
Zuspruch:
Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget. (EG 41,3)
Kollektengebet
Jesus ist geboren.
Der Anfang ist gemacht.
Gottes Reich ist Realität geworden
in einem Kind
in einem Stall.
Diese Welt ist zu deiner Wohnstätte geworden,
Gott,
du bist mit deiner Liebe
mitten unter uns.
Schon jetzt.
Auch hier.
Dafür sei dir ewig Dank...
Fürbittengebet
Wir wollen beten um das Licht
das in die Finsternis der Welt
und in die Finsternis unseres Herzens scheint.
Lass dein Licht leuchten
allen Gefangenen in der Welt,
den unpolitischen und den politischen.
Schick dein Licht zu denen, die gefoltert werden,
an vielen Orten der Welt.
Lass sie wissen, dass dein Licht immer noch scheint.
Lass sie wissen, dass wir sie nicht vergessen
in deinem Licht.
Lass dein Licht leuchten
allen Hoffnungslosen in der Welt,
den wissend und den ahnungslos Hoffnungslosen.
Schick dein Licht zu denen,
die immer noch mehr Waffen brauchen
um ruhig zu schlafen.
Lass uns dein gewaltloses Licht sehen lernen
im Umgang miteinander
und im Leben mit anderen Völkern,
denen wir Weizen und Wissen schulden.
Lass sie wissen, dass dein Licht auch hier
im Lande von Nacht und Nebel
immer noch da ist.
Lass sie wissen, dass wir nicht einen Toten
der beiden Weltkriege vergessen werden
in deinem Licht.
Lass dein Licht leuchten
allen Einsamen in der Welt,
allen Alleingelassenen und Hinterbliebenen,
allen jungen Menschen, die sich nicht zuhause fühlen,
und allen verlassenen Frauen.
Lass uns nicht an ihnen vorbeisehen,
sondern dein Licht des Trostes verbreiten.
Lass die Einsamen wissen, dass keiner allein ist,
nicht im Schmerz, nicht in der Depression,
nicht in der Niederlage um der Gerechtigkeit willen.
Lau uns alle dein Licht sehen,
damit wir selber Licht werden. (nach Dorothee Sölle)