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Predigt und Liturgie - Welchen Beistand brauchen wir?

Text: Johannes 14,15-19
15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.
16 Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit:
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Liebe  Gemeinde!

Jesus nimmt von seinen Freunden Abschied – und kümmert sich im gleichen Moment darum, wie es weitergehen soll, wenn er nicht mehr für sie da sein wird. Er verspricht ihnen für die Zukunft einen Tröster oder wie das Wort Paraklet, das im Urtext steht, besser übersetzt werden sollte: „Beistand“. Gemeint ist jemand, der herbeigerufen wird, um für einen anderen Fürsprache zu halten oder ihm Rechtshilfe zu leisten.

Das hatten im alten Israel vor allem die Witwen und Waisen nötig, die sich nach damaligem Recht nicht selbst verteidigen oder das Gericht anrufen durften. Sie waren abhängig davon, dass sich jemand ihrer Sache annahm, meistens ein Familienangehöriger, und ihnen stellvertretend Gehör verschaffte. Jesus macht sich also ernsthafte Sorgen um diejenigen, die er zurücklassen muss. Sie werden jemanden nötig haben, der für sie vor die Ankläger und Richter tritt und ihnen zu ihrem Recht verhilft - weil sie selbst dazu nicht fähig oder in der Lage sind.

In der Situation, in der sich die Christinnen und Christen des ersten Jahrhunderts befanden und für die Johannes diese Worte bewahrt und aufgeschrieben hat, konnten diese Zeilen nicht konkret genug verstanden werden; sie trafen ihre Lebenswelt und entsprachen ihren täglichen Erfahrungen. Schließlich waren die Anhänger des Nazareners immer wieder Anfeindungen ausgesetzt und wurden nicht selten vor Gericht gezerrt und angeklagt. Die Briefe des Paulus erzählen davon, aber auch die Apostelgeschichte und die anderen Dokumente, die sich im Neuen Testament finden. Jesus selbst hatte es Zeit seines Wirkens immer wieder zu spüren bekommen, dass seine Botschaft nicht nur auf Gegenliebe stieß. Warum sollte es also denen, die seinen Spuren folgen wollten, besser ergehen? Seine Sorge war - wie die Geschichte zeigt - mehr als berechtigt.

Im vierten Jahrhundert kam ja die große Wende: das Christentum wurde von Kaiser Konstantin - wohl eher aus politischen denn aus Glaubensgründen - zur Staatsreligion ausgerufen. Spätestens von da an wurde der christliche Glaube auch zu einem Machtinstrument. Er musste in feste, kirchliche Strukturen übertragen werden, missionarisches Handeln überließ man nun nicht mehr ein paar durch die Gegend laufenden Wanderpredigern, sondern sie wurde stabsmäßig geplant und oft auch mit militärischen Mitteln durchgesetzt. Die Kirche wechselte so die Seite. Sie übernahm allzu oft die Rolle der Anklägerin und Richterin. Einen Beistand, der sie vor Unrecht schützen sollte, brauchte sie nun nicht mehr - es sei denn, er hätte sie vor dem Unrecht bewahrt, welches sie selbst anrichtete...

Heute finden wir sie in einer anderen Situation wieder. Sie hat sich in weiten Teilen zu einem großen Unternehmen entwickelt, das um seine Kundschaft bangen muss. Zwar ist der christliche Glaube weltweit immer noch eine kraftvolle Bewegung. Aber gerade hier in unseren Breitengraden merkt man doch, wie das Interesse an der Kirche zunehmend ermüdet. An die Jugend ist schwer heranzukommen und wo es doch gelingt, ist Glaube eher ein kurzweiliger Event und geht oft nicht in die Tiefe. Als Unterrichtender gerate ich da schon ins Grübeln, wenn Jugendliche zwar die Aufstellung ihrer Lieblingsfußballmannschaft runterrasseln können, sich aber schwer tun, fünf von zwölf Aposteln beim Namen zu nennen.

Auch der Kontakt zu den 30 bis 50-jährigen reißt immer mehr ab und diejenigen, die noch in einem kirchlichen Umfeld groß geworden sind, werden nicht nur weniger, sondern auch älter.
Die Kirchengemeinden bekommen das nicht nur durch den Rückgang des Gottesdienstbesuches zu spüren, sondern man merkt das auch an den finanziellen Einbußen. Und da habe ich - leider - oft den Eindruck, dass gerade die materiellen Probleme unsere Kirche viel mehr schmerzt als alles andere und die Frage, wo noch etwas Geld eingespart werden könnte, bei den Verantwortlichen mehr Fantasie mobilisiert als die Sorge, wie eine zeitgemäße und für jede Altersstufe attraktive Kirche zu gestalten wäre. Machen wir uns nichts vor: die Kirche in unserem Land ist in die Jahre gekommen und hat hier und da angesetzt. Auf Diät ist sie nun schon seit geraumer Zeit, auch wenn man den Eindruck hat, dass oft am falschen Ende gefastet wird.

Aber was ihr auf allen Ebenen  - Gemeinden – Kirchenkreis – Landeskirche zurzeit noch zu fehlen scheint, ist diese beeindruckende Fähigkeit zu faszinieren und zu mobilisieren. Die Begeisterungsfähigkeit der Menschen auf den Kirchentagen wünschte ich mir auch auf den heimatlichen Kirchplätzen. Utopisch?

Unsere Kirche braucht einen Beistand. Aber hier in Deutschland und Europa wäre seine Funktion nicht, sie vor Anklagen oder Verurteilungen zu schützen - eher müsste er sie vor einer schleichend daherkommenden Belanglosigkeit bewahren. Seine Aufgabe läge heute vielmehr darin, die Kirche an den Schultern zu packen und mal so richtig wachzurütteln und in Bewegung zu bringen! „Jesus lebt,“ würde sie dann vielleicht zu hören kriegen, „aber wie lebendig bist du eigentlich noch? Erinnerst du dich noch daran, dass du dich an seine Weisungen halten sollst? Und weißt du noch, welche das waren? Du sollst Gott von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst! Um alles andere brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Dein ganzes Leben steckt allein in diesen beiden Geboten. Und daran sollst du dein Handeln ausrichten - und nicht an irgendwelchen Kirchenordnungen, Paragraphen und Haushaltsschlüsseln. Du lebst von Menschen und nicht von schwarzen Zahlen! Hast du das etwa vergessen?“

Haben wir das vergessen? Brauchen wir jemanden, der uns hin und wieder wachrüttelt und uns an unsere eigentliche Aufgabe erinnert? Wer aber könnte das sein, der dieser Herausforderung gewachsen wäre? Wer hat die Autorität, den Mumm und die Überzeugungskraft dazu, eine Institution wie die Kirche auf Vordermann zu bringen und ihr einen frischen Unternehmensgeist zu verpassen, einen Geist also, der etwas unternimmt? Jesus nennt ihn beim Namen: „Geist der Wahrheit“.

Es ist nie einfach, sich der Wahrheit zu stellen, besonders dann, wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Trotzdem kommt man daran nicht vorbei, will man nicht blindlings untergehen. Ich nehme nur ein Beispiel: Wir nennen unsere Kirche noch Volkskirche, aber das ist sie nicht mehr! Nehmen wir den Gottesdienstbesuch: da nutzen etwas mehr als 5%, wenn es hoch kommt 10% das Angebot, was die anderen 90% der Kirchenmitglieder mit ihren Kirchensteuern bezahlen. Bei den sozialen Einrichtungen sieht es zwar besser aus, aber da spielen auch andere Beweggründe eine Rolle, sich zu engagieren, zum Beispiel im Kindergartenbereich. Kann man das noch Volkskirche nennen? Ich glaube tatsächlich, dass wir uns von diesem Begriff und der Idee, die dahinter steckt - zumindest eine Zeit lang - verabschieden sollten. Ein ehrlicher Umgang mit ihrer Situation, das wäre das erste, was unsere Kirche zu leisten hätte. Wahrscheinlich müssten wir so von vielen lieb gewonnenen

Vorstellungen Abschied nehmen, was sicher schwer fallen dürfte. Aber beim Entrümpeln entdeckt man ja auch so manches Mal längst verloren geglaubte Kostbarkeiten. Vielleicht kämen dann auch bei uns all die Möglichkeiten und Chancen ans Tageslicht, die noch in unserer Kirche stecken!
Denn wo Gottes Unternehmergeist weht und den Staub aufwirbelt, der sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, da ist Leben, Veränderung und Beweglichkeit, da herrscht Aufbruchstimmung, da riecht es nach Zukunft. Sich nicht mit Notlösungen und Flickschusterei zufrieden geben oder sich gar mit einer misslichen Situation abfinden (die Feststellung, dass sich unsere Kirche gesundschrumpfe, ist m.E. nur Ausdruck von Ideenlosigkeit), sondern den Mut finden, über den eigenen Horizont hinaus zu denken - darin liegt meines Erachtens die große Herausforderung für die kommenden Jahren. Und wenn wir vor allem und zuallererst den Mut wieder finden, missionarisch zu denken, zu beten und zu handeln, dann - davon bin ich überzeugt -, feiern wir das bevorstehende Pfingstfest nicht mehr nur als Erinnerung an die Ausgießung von Gottes Geist, sondern wir werden Pfingsten an Leib und Seele zu spüren bekommen.

Ich halte es mit Joseph Beuys

„Ich hab' mich dagegen gewehrt, als handele es sich bei diesem Christus nur um eine historische Figur ... Mir ging es um die Wirklichkeit dieser Kraft, eine stetig anwesende und sich verstärkende Gegenwart.“

Amen.

Liturgie

Wochenspruch

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.
Sacharja 4,6

Kyrie

Ach Gott!
Der Geist dieser Welt stört unser Leben:
der Geist der Gleichgültigkeit und des Egoismus;
der Geist der Täuschung, der Abgrenzung und der Gewalt;
der Geist der Gewöhnung  und der Ohnmacht und der Kopflosigkeit.
Wir können uns diesem Geist nur schwer entziehen ... (Stille)...
Gott sei Dank!
Dein guter Geist regt uns immer wieder neu auf:
dein Geist der Wahrheit und der Liebe;
dein Geist der Geduld und des Friedens;
dein Geist des Verzeihens und der Hoffens,
der Freundschaft und des Bündnisses.
Er hat uns schon erreicht ... (Stille)...
Ach Gott!
Dein Geist heile, was zerbrochen ist – auch in uns;
öffne, was wie abgeschlossen ist – auch zwischen uns;
führe zusammen, was getrennt ist – auch durch uns;
sei schöpferisch und erfinderisch auch gegenüber
allem, was aussichtslos scheint – auch mit uns.
Er bewegt mehr, als unsre Schuld bewegt hat ... (Stille)...
Kyrie Eleison!

Zuspruch

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Jesaja 40,31

Kollektengebet

Gott,
die Kraft deines Geistes ist es
die Frauen und Männer, Junge und Alte
in deinem Namen zusammenfinden lässt.
Die Kraft deines Geistes ist es,
die uns als deine Gemeinde umweht
und uns nicht in unserem Alltag ersticken lässt.
Die Kraft deines Geistes ist es,
die uns befreit durchatmen lässt.
Gott, Beistand, Trösterin,
bleibe mit deinem Geist bei uns.
So loben und preisen wir Dich, Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Fürbitten

Komm, Geist, Atem Gottes
breite dich aus in uns, verschaffe dir Raum,
damit Angst und Verzweiflung
keinen Platz in uns finden.
Lass unser Handeln von dir geleitet sein.

Komm, Geist, göttlicher Beistand –
biete uns Halt, stütze uns,
wenn die Stürme des Alltags uns umwerfen wollen.
Lass uns für die zum Halt werden,
die einen Halt suchen.

Komm, Geist, Fürsprecherin,
sprich für uns, verleihe uns deine Stimme,
wenn wir drohen zu verstummen und sprachlos sind.
Schenke uns deine Worte,
wo unsere Fürsprache gebraucht wird.

Komm, Geist,
heiliger Tröster, heilige Trösterin –
nimm Wohnung bei denen,
die sich verlassen fühlen,
die traurig sind und gelähmt.
Lass sie deinen zärtlichen Hauch spüren,
rühre sie an, dass sie durch dich
wieder zu selbstbewusstem Handeln
fähig werden. Amen.

Erstellt: 27.5.2007
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 17:08 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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