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Predigt und Liturgie - Wer ist dieser...?

Text: Johannes 12,12-19
[12] Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,
[13] nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!
[14] Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
[15] »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
[16] Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.
[17] Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.
[18] Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
[19] Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Liebe Gemeinde!

Mit dem heutigen Sonntag beginnt die „stille Woche.“ Selbst die Fußballbundesliga hat Pause. Dabei begann diese Woche alles andere als still, wie uns der Evangelist Johannes berichtet.
Menschen machen sich auf den Weg, reißen Palmzweige aus. Sie sind Zeichen des Friedens. Das Ganze war eine friedliche Demonstration unter den Augen der strengen Römer, die jeder kriegerischen Handlung mit Waffengewalt Einhalt geboten hätten. Aber so sahen sie nur friedliche Menschen, die jemanden begrüßen wollten, in dem sie ihren König sahen, wohl eins der religiösen Rituale, von denen es so viele in Israel gab.

Israel war für die Römer ein erstaunliches Land, mit dem sie sich schwer taten. Sie waren gewöhnt, andere Völker niederzutreten. Die Militärmacht Rom beherrschte die Welt. Ihre Kaiser nannten sich gute Hirten und trugen einen Lorbeerzweig als Krone. Sie sahen sich als Friedensfürsten, denn in ihrem Reich konnte man sich ungehindert und frei bewegen. Der Pax romana, der römische Frieden, machte Gewerbe und Handel im ganzen Mittelmeerraum möglich. Der römische Kaiser und seine Statthalter waren hoch gebildete Menschen, aber hier in Israel begegneten sie einem ganz anderen Denken, das sie nicht verstehen konnten. Menschliches Denken und war es auch noch so sehr an philosophischen Fragen geschult, kam an seine Grenzen.

Jesus verhielt sich ganz anders, als man es nach menschlichem Ermessen erwarten konnte.
Die Menge jubelte ihm zu und feierte ihn als Friedensfürst. Das zeigten die Palmenzweige.
"Hosianna", riefen sie, die uralte Bitte:

"Herr hilf uns!"

Beides klingt in diesem Ruf durch:
Jubel und Lob Gottes verbunden mit der Bitte um Hilfe. Und so geht ihr Rufen auch weiter:

"Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!"

Da kommt jemand im Namen des Herrn, das verstehen sie.
Was aber heißt das: Im Namen des Herrn?
Etwas im Namen des Herrn zu tun, ist eine große Verpflichtung. Dann stellt man seine eigenen Wünsche und Gedanken ganz zurück.

Wir feiern unsere Gottesdienste im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
In dem Moment, wo ich dieses Votum ausspreche, stelle ich die Zeit ganz und gar unter Gottes Führung. Nicht mehr das, was ich denke, meine oder fühle, soll gelten, sondern Gott selber soll in den Gebeten, in den Liedern und in der Predigt zu uns sprechen. Gottes Wort soll uns stärken und uns seinen Willen verständlich machen.

"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen"

, verheißt uns Jesus. Da ist wieder dieser Ausspruch "in meinem Namen". Die Versammlung der zwei oder drei wird erst dann zu einem Gottesdienst, wenn sie in Jesu Namen versammelt sind und nicht, um eigene Angelegenheiten zu regeln.

Bei dem Einzug Jesu in Jerusalem verstehen die Menschen, dass etwas Besonderes geschieht. Worin liegt das Besondere? Jesus reitet auf einem jungen Esel in die Stadt.

Bei uns gilt er ja als störrisches Tier, seine angebliche Dummheit ist hierzulande sprichwörtlich. In südlichen Ländern und vor allem im alten Israel genießt er weit mehr Respekt. Er ist ein unverzichtbares Lasttier, das zwar manchmal etwas Aufmunterung braucht, aber doch unentwegt seine Dienste tut, nicht anfällig, genügsam und wenig pflegeintensiv ist. Seine Störrigkeit hat es sogar bis in die Bibel gebracht, allerdings auf einem äußerst positiven Hintergrund: Bileam ist für den Engel blind, der ihm im Wege steht und ihn vor einer großen Dummheit bewahren will. Sein Esel nicht. So oder so: Der Esel ist ein treuer Begleiter des Menschen, der seine Lasten zu tragen versteht ...

Auf ihm zieht also Jesus in Jerusalem ein und die Menschen sollen schon an seinem Auftreten erkennen, wen sie da vor sich haben. Einen König: Aber nicht einen, der hoch zu Ross sitzt und sie von oben herab behandelt. Denn wer auf einem Esel sitzt, kann den Fußgängern noch auf gleicher Augenhöhe begegnen. Hier kommt also einer, der die Menschen im Blick hat, der ihren Alltag kennt, ihre Sorgen, ihre Nöte, ihre Freude, ihre Angst. Deshalb reitet Jesus auf einem Esel. Und wenn die Leute ihn richtig verstanden haben, dann wedeln sie mit ihren Palmzweigen (und auf den Boden geworfenen Kleidungsstücken) nicht einfach albern herum, sondern antworten auf Jesu Art und Weise. Hier wird jemand mit den einfachsten Mitteln in allen Ehren empfangen! Da kommt jemand im Namen des Herrn und mehr noch: Sie nennen ihn den König von Israel.

Jetzt wird es aber kritisch: Der regierende König von Juda war Herodes, der König von Roms Gnaden. Plötzlich wird ein Titel ausgesprochen, den es seit den Tagen König Davids und Salomos nicht mehr gab: König von Israel. Jeder Jude wusste doch, dass das Königreich Israel schon vor langer Zeit untergegangen war. Israel gab es politisch nicht mehr. Also ein König ohne Land?

Die einen hören die wunderbare Erinnerung an die große Geschichte Israels und denken an König David und die glorreiche Vergangenheit. Die anderen hören die wunderbare Verheißung einer großen Zukunft. Einmal werden alle Stämme aus allen Völkern wieder gesammelt werden und alle Völker werden zum Berg Zion kommen. So haben es die großen Propheten verheißen. Einmal wird es so sein oder beginnt jetzt schon die herrliche Zukunft?

Die anderen hören den Namen eines Königs, den es so nicht gibt. Also ein Traumtänzer, ein Träumer, der die Realpolitik nicht versteht, aber immerhin jemand, der den Tod überwinden kann, hat er doch Lazarus, seinen Freund in Bethanien aus dem Grab ins Leben zurückgerufen. Warum sollte er nicht auch in der Lage sein, die Zeit zurückzudrehen und Israel von neuem erstehen zu lassen?
Jedenfalls ist dieser Augenblick für alle etwas ganz besonders und sie feiern ihn. Darum geht die Menge ihm entgegen, jubelt und lobt Gott. Und wir heute?

Die Stille Woche lädt uns ein, den Weg Jesu mit zugehen und sich dabei der Frage zu stellen: Wer ist dieser Einziehende wirklich für mich?
Ein Star, der heute bejubelt morgen ausgebuht und übermorgen schon vergessen sein wird?
Ein ehrbarer Mann, der für seine Ideale gewaltlos eintrat, und an den realen Mächten scheiterte.
Ein Mann des Volkes, der mit Wort und Tat Gutes bewirkte, wo Himmel und Erde sich berührten.
Wer ist dieser Einziehende wirklich für mich?
In Jesus von Nazareth zeigt sich mir Gott. Er bringt Frieden, den Frieden, der höher ist als alle Vernunft  und der das größte Geschenk ist.

Vernunft kann nicht Grenzen überwinden. Vernunft erkennt Grenzen, Leid und Tod, kann dem aber nichts entgegensetzen. Doch Jesus Christus kann das. Er ist Leid und Tod nicht ausgewichen, sondern hat zu dem Weg, den Gott für ihn vorgesehen hatte, ja gesagt. Er hat sich nicht gewehrt, sondern das auf sich genommen, was notwendig war, damit wir zu Gott zurückkehren können.

Ist das nicht ein Grund, diesen herrlichen Friedenskönig bei uns aufzunehmen und ihn mit Freude willkommen zu heißen?

Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Amen.

Liturgie

 

Wochenspruch:

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Joh 3,14b.15

Kyrie

Himmlischer Vater,
wir suchen dich oft im Besonderen, Außergewöhnlichen, Wunderbaren.
Wir suchen dich in prächtigen Kirchen,
rufen nach dir mit aufgeblähten Worten,
erforschen dich in komplizierten Gedankenspielen.
Du bist für uns so groß und unbegreifbar,
dass du uns weltfremd geworden bist,
dass wir es schon gar nicht mehr für möglich halten,
dir im Alltag zu begegnen.
Doch gerade da,
in unserem täglichen Leben,
da brauchen wir dich ...
Kyie Eleison ...

Zuspruch

Der HERR ist mein Licht und mein Heil;  vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?  Psalm 27,1

Kollektengebet

Himmlischer Vater,
wir können dich in unserem Alltag finden,
weil du ein Teil unseres Lebens sein willst.
Lass uns in dieser Welt deine Spuren entdecken,
die unübersehbaren Zeichen deiner Gegenwart erkennen,
die fürsorgliche Wärme deiner Zuneigung spüren
und die wachsame Liebe,
die uns in jedem Augenblick umgibt.
Das bitten wir dich,
im Namen Jesu Christi,
der mit dir und dem Heiligen Geist
lebt und regiert
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Fürbitten

Himmlischer Vater,
zieh in unsere Herzen ein:
... damit wir Gerechtigkeit wagen,
die niemanden ausschließt;
... damit wir Hoffnung schöpfen können,
wenn uns Zweifel kommen;
... damit wir teilen,
was wir im Überfluss besitzen;
... damit wir uns mehr als bisher einfallen lassen,
um deine Schöpfung zu bewahren;
... damit wir miteinander tragen lernen,
was uns das Leben an Lasten aufbürdet.
... damit wir Kraft zum Leben gewinnen,
auch wenn uns der Tod nahe ist.

Erstellt: 13.4.2009
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:57 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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