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Predigt - Wie viel ist unser Leben wert?

Liebe Gemeinde!

Wie viel ist unser Leben wert? – Im Juni 2005 hat ein deutscher Ökonom den durchschnittlichen Wert eines Menschenlebens für Deutschland mit 1,65 Millionen Euro berechnet (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 05.06.2005, Nr. 22 / Seite 34). – Ein recht makaberes Rechenspiel! - Ist denn ein Mensch nicht viel mehr wert?
Wo Menschenleben in Geldwerte umgerechnet werden können, wird mir angst und bange. Denn schnell wird dann gefragt, ob es sich z.B. noch "lohnt", alten und kranken Menschen die nötige medizinische Hilfe und Pflege zukommen zu lassen. Bald macht man sich beim Ausrechnen des Wertes eines Menschenlebens Gedanken darüber, wer in unserer Gesellschaft noch "nützlich" ist, wen wir uns noch "leisten" können? Kann man nicht auf Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Rentner, Migranten, Fremde, Behinderte, ... gut "verzichten"?

Wer und was bestimmt darüber, wie viel unser Leben wert ist? Geht es da letztlich um unserem "Marktwert"? - Der ist gesunken. Denn die Wirtschaft braucht – wegen zunehmender Automatisierung – immer weniger Arbeitskräfte. Zudem: angesichts der ständig steigenden Lebenserwartung werden wir aber vom "Unterhalt" immer teurer. So beginnt auch unser Gesundheitswesen zu "kollabieren". - Hier zahlen ja auch nur mittelmäßig Verdienende und "Arme" ein. Die finanziell Starken verabschieden sich aber vom Gesundheitssystem und versichern sich privat. Ihre Einkünfte aus Zinsen und Gewinnen werden nicht mit ins Sozialsystem einbezogen. - Der Markt, der scheinbar über unseren Wert bestimmt, ist unsolidarisch. Bereits 13,5% der deutschen Haushalte leben nach dem 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2005 in Armut. D.h.: Sie haben weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Monatseinkommens, was im Westen Deutschlands 703 Euro sind und im Osten 605 Euro. Gleichzeitig teilen sich die reichsten 10% der Haushalte fast 47% des Privatvermögens. (Quelle: Für soziale Gerechtigkeit, Eine Orientierungshilfe für die Gemeinden der EMK). Soll unser Wert vom "Markt" bestimmt werden?

Liebe Gemeinde!
Vielleicht denken Sie gerade verwundert: Wo bin ich denn hier hingeraten? Ich dachte, ich sei im Gottesdienst! Doch das klingt ja alles nach Politik! Nun, wir sind mitten drin in einer Aktualisierung unseres Predigttextes aus dem 1. Petrusbrief. Denn hier geht es um den Wert eines jeden Menschen und um sein Verhalten.

13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;
15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
16 Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,
19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Unser Lebenswert, so sagt es der Apostel, lässt sich nicht mit ökonomischen Kategorien begreifen. Unser Lebenswert wird von Gottes Handeln bestimmt. Martin Luther hat es in seinem ersten Kirchenlied „Nun freut euch, lieben Christen g'mein“ so ausgedrückt:

Da jammert Gott in Ewigkeit
mein Elend übermaßen;
er dacht an sein Barmherzigkeit,
er wollt mir helfen lassen;
er wandt zu mir das Vaterherz,
es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
er ließ's sein Bestes kosten.
(EG 341,4)

„Er ließ's sein Bestes kosten.“ Das ist ein Mehrwert, der alle Geldwerte übertrifft. Sehr schön anschaulich macht dies eine Begebenheit, die die Apostelgeschichte erzählt. Da kommen Petrus und Johannes auf dem Weg zum Tempel in Jerusalem an der Schönen Pforte vorbei. Da sitzt ein von Geburt an Gelähmter und bettelt. Denn darin besteht der Mehrwert. für seine Familie, die ihm Obdach und Speise gibt. Und darum klingt es in seinen Ohren wie Hohn, wenn der vorübergehende Petrus zu ihm sagt:

„Silber und Gold habe ich nicht…“

Das erwartet der Bettler ja auch gar nicht. Schon für ein Almosen wäre er dankbar. Doch Petrus sagt weiter:

„…was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“

Das klingt noch zynischer und trifft das Innerste des Bettlers, denn das ist die schmerzlich auszuhaltende Wahrheit: Einmal gelähmt –immer gelähmt. Und der Gelähmte hätte Recht, wenn es bei den Worten bliebe. Doch Petrus – so heißt es weiter - ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Und tatsächlich ließ sich der Gelähmte auf die Füße stellen:

„Er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“, so endet diese Geschichte.
(Apg.3,6-8)

„Er ließ's sein Bestes kosten.“ Das ist der Mehrwert, von dem wir Christen leben dürfen. Dietrich Bonhoeffer fand im Blick auf dieses unerwartete Geschenk Gottes Trost:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarte ich getrost, was kommen mag“.

Aus dieser Erfahrung heraus vermochte Bonhoeffer zu leben und auch zu sterben, weil sie getragen war aus dem Wissen der Erlösung. Diese Erfahrung meint auch der Briefschreiber des 1. Petrusbriefes, wenn er die Gemeinde mit nüchterner Klarheit an die Hoffnung auf die Gnade erinnert. Es ist Gott selbst, der durch Jesus Christus Glauben gewinnen und Hoffnung schenken will und ihn deshalb nach der Kreuzigung verherrlicht hat. Letztendlich ist es also Gott selbst, der uns zu einem neuen Leben - vor und nach dem Tod - verhilft.

„Er ließ's sein Bestes kosten.“ Das kann uns heute die Augen neu öffnen in einer Zeit, wo ökonomische Perspektiven immer mehr alles zu bestimmen scheinen. Das wird dann auch sehr politisch: Dann darf das Nützlichkeitsdenken oder der Marktwert für uns nicht mehr allein bestimmend sein. Dann werden wir uns wehren, wo Menschen abgeschrieben werden, nur weil sie nicht mehr leistungsfähig, flexibel, Gewinn bringend sind. Wenn Gott zu uns steht, dann sind auch kranke, alte, behinderte, schwierige, störende, fremde, schwache, unangenehme Menschen kostbar!

Dann sind wir ganz bei der Sache. Dann sind wir Heilige, um es mit dem Apostel zu sagen:

„sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.“

Heilige sind keine Menschen, die unfehlbar, sich durch außergewöhnliche Werke verdient gemacht haben, mit einem Heiligenschein bekränzt, auf einem hohen Sockel stehen, um wie ein Denkmal bestaunt zu werden. Heilige sind vielmehr Menschen, die sich auf Gottes Wort einlassen und es wahr sein lassen. Heilige sind Menschen, die sich nach der Gnade ausrichten und darum andere aufrichten.

Martin Luther formulierte:

"Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leibe, sondern auch unter anderen Menschen auf Erden ... Darum soll seine Absicht in allen Werken frei und nur dahin gerichtet sein, dass er anderen Leuten damit diene und nütze sei, nichts anderes sich vorstelle, als was den anderen Not ist. Das heißt dann ein wahrhaftiges Christenleben ..."

 Dazu sind wir also alle berufen, den Mehrwert unseres Glaubens in unsere Zeit hineinzutragen. Und es gibt niemanden, der dieser Aufgabe nicht würdig wäre. Amen.

Erstellt: 19.3.2006
Zuletzt aktualisiert: 31.3.2011 16:54 Uhr
Redakteur: Anders Grüning

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