Predigt "Worte aber werden nicht vergehen"
Predigt am Ewigkeitssonntag, 25. November 2007 in Windesheim - Guldental
Text: Markus 13,31- 37
31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:
35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!
Liebe Gemeinde!
"Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen." Das ist der Anfang des Textabschnitts aus dem Markusevangelium, mit dem wir uns heute befassen sollen. An diesem Satz bleibe ich immer wieder hängen. Ihm gegenüber verblassen die restlichen Verse. Ich lasse sie deshalb für heute einmal weg. Diese paar Worte sollen uns an diesem Sonntag genügen. Sie haben es in sich...
"Himmel und Erde werden vergehen ..." - Dass diese Welt, in der ich lebe, nicht ewig existieren wird, das weiß ich. Glaubt man den Wissenschaftlern, dann ist spätestens in fünf Milliarden Jahren endgültig Schluss - dann wird unsere Sonne keine Kraft mehr haben, unsere Erde mit Wärme und Licht zu versorgen. Sie wird uns entweder in einer großen Explosion von einer Sekunde auf die andere vernichten, oder aber in sich zusammen fallen und diesen Planeten einem langsamen Sterben durch Kälte und Dunkelheit überlassen. Gut möglich, dass es dazu erst gar nicht kommt, dass es die Menschheit schon sehr viel früher schafft, das Leben auszulöschen. Die technischen Mittel dazu besitzt sie jedenfalls ... und manchmal - so habe ich den Eindruck - leider auch den Willen...
"Himmel und Erde werden vergehen ..." - Einerseits sind diese Endzeitszenarien für mich weit weg, liegen in einer entfernten Zukunft, die ich nicht erleben werde. Dafür sehe ich sie mir im Fernsehen oder im Kino an. Als Unterhaltungsangebot, Zeitvertreib - und mit dem sicheren Gefühl, dass es zum Schluss ein Happy-End gibt. Andererseits gehen mir gerade heute diese Worte Jesu besonders nahe. Ja sie bekommen an diesem Sonntag, an dem wir an die Verstorbenen unserer Gemeinde denken, einen sehr persönlichen Bezug. Denn sie erinnern mich an meine eigene Vergänglichkeit, an Menschen, die verstorben sind, an Situationen des endgültigen Abschiednehmens, an Geschichten ohne Happy-End. Vieles liegt schon Jahre zurück, manches ist noch nicht so lange her. Das eine kam plötzlich und unerwartet, das andere kündigte sich an und brauchte seine Zeit.
"Himmel und Erde werden vergehen ..." - Heutzutage versuchen viele Menschen, das Sterben und den Tod zu verdrängen. Das klappt auch in den meisten Fällen und eine Zeit lang ganz gut. Dafür trifft es dann einen umso schlimmer, wenn es kein Weglaufen mehr gibt. Denn sich an diejenigen zu erinnern, die schon gegangen sind, tut weh. Und daran erinnert zu werden, dass man selbst irgendwann einmal gehen muss, macht Angst. Manchmal führt es dazu, dass man sensibel wird für die Menschen und Dinge im Leben, die einem wirklich wichtig sind. Man setzt neue Prioritäten, lebt jeden Tag intensiver und vielleicht sogar mit Dankbarkeit. Oft kommt es aber auch vor, dass wir uns gegenüber dem Schmerz und der Furcht hilflos ausgeliefert fühlen und am eigenen Schicksal verzweifeln. Dann empfindet man nur noch eine große Leere und man weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll...
"Himmel und Erde werden vergehen ..." - Das ist wahr und gilt für diese Welt ebenso wie für mein eigenes Leben. Umso mehr brauche und suche ich etwas, das dieser hoffnungslosen und trostlosen Wahrheit widerspricht, das mir hilft, jedem Ende auch einen neuen Anfang abzugewinnen, jedem Sterben neues Leben, aller Angst neue Ermutigung, jedem Abschied ein neues Wiedersehen. Und deshalb bin ich froh, dass dieser Satz nicht mit dem Vergehen endet, sondern mit dem Bleiben!
"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern. Vor ihnen liegt eine schwierige Zeit des Leidens, der Trauer, der Angst. Nur noch wenige Tage und der Himmel wird sich verdunkeln und die Erde wird beben. Jesus spricht offen darüber, auch über sein eigenes Sterben und seinen Tod. Aber er tut dies nicht, ohne seinen Freunden Mut zu machen. Er verspricht ihnen, dass sie sich an etwas halten dürfen, das Bestand haben wird, das nicht der Vergänglichkeit unterliegt.
"... meine Worte werden nicht vergehen." - Wenn jemand verstorben ist, werden Erinnerungen wach: in der Familie, bei den Nachbarn, unter den Kollegen. Geschichten, die man gemeinsam erlebt hat, eine Geste, einzelne Worte. Vieles davon bleibt im Gedächtnis, oft über Jahre und Generationen hinweg. Man bekommt eine Ahnung davon, dass das Leben eines Menschen mehr ist als Körper und Geist und länger dauert als bis zu seinem Tod. Wir leben in denen weiter, die sich an uns erinnern. Das ist wahr - aber es ist noch lange nicht alles!
"... meine Worte werden nicht vergehen." - Auch Jesu Jünger haben seine Geschichten weitererzählt, eine Generation später wurden sie sogar aufgeschrieben und bis heute bewahrt. Jesus ging es aber wohl um mehr als das. Er spielt auf etwas an, das selbst dem Vergehen des Himmels und der Erde trotzt. Auch seine Jünger haben das zu spüren bekommen. Einer von ihnen, Petrus, spricht es an einer Stelle aus: "Du hast Worte, die zum ewigen Leben führen ..." (Joh 6,68) So etwas sagt man nicht einfach daher. Er hat seine Erfahrungen mit Jesus gemacht - mit dem was er tat und worüber er redete...
"... meine Worte werden nicht vergehen." - Petrus hatte erlebt, wie dieser Mann aus Nazareth auf die Menschen zuging, mit ihnen redete, sich derjenigen annahm, die im Abseits standen, die am Leben nicht mehr teilnehmen konnten. Und er hatte gesehen, was Jesus mit diesen Menschen machte: er holte sie wieder mitten ins Leben zurück - gegen alle Konventionen, gegen alle Vernunft, gegen alle Erfahrungen. Jesus setzte sich über Grenzen hinweg, die andere für unüberwindbar hielten. Einen hoffnungslosen Fall gab es in seiner Nähe nicht. Petrus muss darin ein Gleichnis gesehen haben, ein Gleichnis dafür, was Gott mit all seinen Geschöpfen vorhat.
"... meine Worte werden nicht vergehen." - Diese Worte erzählen von einem Gott, der die Menschen liebt und dessen Liebe vor nichts und niemandem Halt macht. Sie erzählen von einem Gott, der das Leben geschaffen hat und es neu machen will, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Sie erzählen von einem Gott, der uns kennt, schon bevor unser Leben beginnt und unsere Namen im Himmel aufgeschrieben hat, noch bevor wir diese Welt verlassen. Sie erzählen von einem Gott, der den Tod schon einmal besiegt hat und ihn für jedes einzelne seiner Geschöpfe wieder besiegen wird. Sie erzählen von einem Gott, der selbst einmal alle Tränen, die geweint wurden und noch fließen werden, abwischen wird. Sie erzählen von einem lebendigen Gott, der uns einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen hat, auch wenn diese Welt nicht mehr existiert.
Ich halte mich an diese Worte. Sie sind ein Versprechen - nicht mehr aber auch nicht weniger. Ihnen zu vertrauen ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr schwer. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie tragfähig sind und einem in schweren Zeiten helfen können. Sie machen Mut zum Leben, wo Angst vor dem Tod herrscht. Sie geben Hoffnung für die Zukunft, auch wenn die Gegenwart noch so trostlos erscheint. Sie können den Schmerz über den Verlust eines Menschen zwar nicht nehmen, aber sie helfen, an ihm nicht zu verzweifeln.
"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." - Wenn wir uns gleich von unseren Plätzen erheben werden und uns besonders an diejenigen erinnern, die im vergangenen Jahr verstorben sind, dann wollen wir auch daran denken, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Gott wird einen neuen Anfang machen. Wir haben sein Wort.
Lasst uns beten:
„Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes. Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.“ (EG 896)
Amen.
Liturgie
Wochenspruch:
Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen
und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten. Lukas 12,35+36a
Kyrie
Ewiger Gott,
du hältst unser Leben in deinen Händen.
An diesem Tag, an dem wir an jene besonders denken,
die in diesem Kirchenjahr von uns gegangen sind,
halten wir uns fest daran.
Denn in dieser Welt sind wir umgeben
von Tod, Vergänglichkeit und Zerstörung.
Es ist oft schwer, nicht den Lebensmut
und nicht den Glauben zu verlieren.
Manchmal verzweifeln wir. Und manchmal zweifeln wir.
Doch du hast gesagt,
eines Tages machst du alles neu.
Hilf uns, das nicht zu vergessen.
Kyrie Eleison ...
Zuspruch:
Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! …Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. (Offenbarung 2,10)
Kollektengebet
Ewiger Gott, auf dich warten wir:
auf das Leben, das du uns versprochen hast;
auf die Welt ohne Tränen, die du schaffen willst;
auf die Stadt der Freude, die du bauen wirst;
auf ein Widersehen mit den Menschen,
die vor uns gegangen sind;
auf deinen Sohn, der vollenden wird,
was du begonnen hast.
Wir wollen dankbar dafür sein, dass wir hoffen dürfen.
Wir wollen uns ermutigen lassen von deinem Wort,
das du uns hinterlassen hast.
Wir wollen glauben an die Liebe, die auch vor dem Tod nicht Halt macht.
Stehe uns bei, ewiger Gott,
dass, wenn der Tod in unser Leben dringt,
wir ihm im Vertrauen auf deine Zukunft begegnen.
Gebet nach der Verlesung der im Kirchenjahr Verstorbenen:
Ewiger Gott,
Abschied nehmen tut weh.
Menschen sind gegangen, die wir lieb hatten.
Ein Teil von uns ist mit ihnen gegangen.
Aber ein Teil von ihnen bleibt auch bei uns.
Wir bitten dich:
Vollende, was in diesem Leben bruchstückhaft geblieben ist.
Tröste, wo wir um einen lieben Menschen weinen.
Stärke uns, wenn uns die Kraft zum Leben schwindet.
Richte uns auf, wenn wir verzweifelt zu Boden sinken.
Schenke neues Leben, wo das alte verwelkt ist.
Denn du, ewiger Gott, bist der Anfang und das Ende,
das Ende des Todes und der Anfang des Lebens.
Und gemeinsam bekennen wir gegen den Tod die Hoffnung:
Christ ist erstanden EG 99
Glaubensbekenntnis
Fürbitten:
Barmherziger Gott,
wir bitten dich um Kraft für die vor uns liegende Woche:
um Geduld für die Menschen,
die unsere Zeit in Anspruch nehmen werden;
um Sensibilität gegenüber denen, die uns ihr Leid klagen;
um Weisheit,
wenn wir Entscheidungen zu treffen haben;
um Friedenswillen,
wenn wir uns über andere ärgern sollten;
um Demut,
wenn uns etwas gelingen sollte;
um die Fähigkeit,
Dankbarkeit zeigen zu können;
um den Mut,
unbequeme Wahrheiten auszusprechen;
um Gelassenheit,
wenn etwas nicht so laufen sollte,
wie wir es uns vorgestellt haben;
um deinen Segen,
der uns begleiten soll. Amen.