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Predigt - Wurzel

Text: Römer 11,17-24 nach der NGÜ*
(11) Will ich damit sagen, dass sie zu Fall gekommen sind, um nie wieder aufzustehen? Keineswegs! Sie haben zwar einen falschen Schritt getan, aber das hat den anderen Völkern Rettung gebracht, und dadurch wiederum sollen sie selbst eifersüchtig werden.
(12) Wenn aber schon dieser falsche Schritt Israels die Welt so reich gemacht hat und wenn schon das, was für Israel ein Verlust war, für die anderen Völker einen so großen Gewinn bedeutet - wie wird es dann erst sein, wenn Israel in voller Zahl umkehrt!
(13) Denen unter euch, die keine Juden sind, möchte ich Folgendes sagen: Als Apostel der nichtjüdischen Völker setze ich alles daran, dass durch meinen Dienst an diesen Völkern die Herrlichkeit des Evangeliums sichtbar wird.
(14) Denn vielleicht gelingt es mir gerade dadurch, mein eigenes Volk eifersüchtig zu machen und einige von ihnen zu retten.
(15) Wenn nämlich schon die Verwerfung Israels der Welt die Versöhnung mit Gott brachte, was wird dann erst Israels Wiederannahme bedeuten! Nichts Geringeres, als dass Tote lebendig werden!
(16) Im Übrigen: Wenn nach der Ernte das erste Brot Gott geweiht worden ist, ist ihm damit alles Brot geweiht, das noch vom Korn dieser Ernte gebacken wird. Und wenn die Wurzel des Ölbaums Gott geweiht ist, sind auch die Zweige ihm geweiht. (17) Nun wurden aber einige dieser Zweige ausgebrochen, und unter die übrig gebliebenen Zweige bist du, der Zweig eines wilden Ölbaums, eingepfropft worden und wirst jetzt wie sie vom Saft aus der Wurzel des edlen Ölbaums genährt.
(18) Doch das ist kein Grund, verächtlich auf die anderen Zweige herabzusehen. Wenn du meinst, du hättest das Recht dazu, dann lass dir gesagt sein: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
(19) »Aber«, entgegnest du vielleicht, »damit ich eingepfropft werden konnte, sind andere Zweige ausgebrochen worden!«
(20) Einverstanden. Aber dass sie ausgebrochen wurden, lag an ihrem Unglauben, und dass du da stehst, wo du stehst, liegt an deinem Glauben. Darum sei nicht überheblich, sondern sei dir bewusst, in welcher Gefahr du dich befindest.
(21) Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, warum sollte er dann dich verschonen?
(22) Du hast hier also beides vor Augen, Gottes Güte und Gottes Strenge: seine Strenge denen gegenüber, die sich von ihm abgewendet haben, und seine Güte dir gegenüber - vorausgesetzt, du hörst nicht auf, dich auf seine Güte zu verlassen; sonst wirst auch du abgehauen werden.
(23) Die ausgebrochenen Zweige dagegen werden wieder eingepfropft werden, sofern sie nicht an ihrem Unglauben festhalten. Denn es steht sehr wohl in Gottes Macht, sie wieder einzupfropfen.
(24) Wenn nämlich du aus dem wilden Ölbaum herausgeschnitten wurdest, zu dem du von Natur aus gehörtest, und auf den edlen Ölbaum aufgepfropft worden bist, mit dem du doch von Natur aus nichts gemeinsam hast, wie viel leichter wird es dann sein, die Zweige, die von Natur aus zum edlen Ölbaum gehören, wieder auf ihren eigenen Baum aufzupfropfen!

Liebe Gemeinde!
Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Was ist oder vielmehr sind das eigentlich für Wurzeln, die uns in unserem Leben tragen? Was bzw. wer gibt uns Halt und Nahrung? Oft wird uns das erst so richtig bewusst, wenn in unserem Leben eine Veränderung eintritt, ein Umzug z.B. oder ein Arbeitsplatzwechsel. Manchmal kann es auch ein Streit sein, der die Frage nach den Wurzeln auslöst, weil wir unseren Standpunkt finden, Position beziehen müssen. Auch eine Krankheit kann unser Leben derart über den Haufen werfen; erst recht eine Katastrophe, wie sie auf der Loveparade geschehen ist. Wo kommt für die Angehörigen der Todesopfer nun die Kraft zum Leben her? Wie schaffen es die Verletzten, wieder gesund zu werden, nicht nur am Leib, sondern auch an ihrer Seele? Aber auch, wer einer solchen Katastrophe knapp entkommen ist, dem mag sich die Frage neu stellen: Was ist mir wirklich wichtig zum Leben? Welche Ziele möchte ich noch verwirklichen? Aber vor allem auch: Was gibt mir die Kraft, nun weiterzuleben und diese Erlebnisse zu verarbeiten?
Die Antworten, die jedeR einzelne, gleichgültig, aus welcher Situation heraus, auf diese Fragen gibt, werden unterschiedlich sein - und doch sicher auch ähnlich. Vor allem Menschen werden es sein: die Familie und FreundInnen, die uns sehr nahe stehen; andere, die uns an dem einen oder anderen Punkt nahe gekommen gekommen sind und uns bewegt haben. Vielleicht ist es auch der Beruf oder andere Tätigkeiten, in denen wir aufgehen und unsere Talente entfalten können. Materielle Dinge, die sonst so eine große Rolle spielen mögen, werden hingegen eher in den Hintergrund treten; weniges wird bleiben, mit dessen Hilfe es uns gelingt, die Schönheiten und Freuden des Lebens zu entdecken.

Und dann gibt es noch die Wurzel, von der Paulus spricht: Gott. Solange wir durch unseren Glauben mit Gott verbunden sind, haben wir eine Leben spendende Wurzel, die garantiert bleibt, und die an jedem Ort vorhanden ist, egal, wo wir sind. Gottes Güte gilt,

"vorausgesetzt, du hörst nicht auf, dich auf seine Güte zu verlassen"
(V.22)

Verbunden mit diesem Gott sind wir allerdings auf eine besondere Weise, denn es handelt sich um keine natürliche, selbstverständliche Verbindung. Auf natürliche Weise mit Gott verbunden ist allein das Volk Israel, von Gott höchstpersönlich zu Seinem Volk erwählt. Und darum ist Israel auch der eigentliche Baum, der aus dieser Wurzel hervorgeht und genährt wird. Uns ChristInnen hingegen vergleicht Paulus mit Zweigen, die nachträglich bzw. künstlich eingepfropft wurden. Wir mögen zwar Jesus entstammen; aber diese Abstammung ist eine, die erst zugelassen und geschaffen werden musste. Jesus war und blieb Jude, wir ChristInnen sind und bleiben darum Fremdkörper (Fremdäste), die erst in zweiter Linie zu diesem Baum dazugehören dürfen.
Diese Dazugehörigkeit, so macht Paulus deutlich, ist eine Gnade, die der Güte Gottes entspringt. Kein Grund also, stolz zu sein? Ja und nein. Ja, in dem Sinne des Glücksgefühls, dass man empfindet, wenn man gewählt wurde; der Stolz, zugehörig zu sein zu jemandem, der einem sehr viel bedeutet, in diesem Fall Gott. Und nein, sobald sich der Stolz mit Hochmut und Verachtung mischt, denjenigen gegenüber, die nicht ausgewählt sind.

An dieser Stelle habe ich insbesondere angesichts unserer Geschichte trotzdem Bauchschmerzen bei dem Bild, das Paulus verwendet. Denn damit die neuen, fremden Zweige integriert werden können, müssen zunächst andere, natürlich zugehörige Zweige entfernt werden. Müssen, damit ich erwählt werde, andere verworfen werden? Da legt sich ein zuviel an Stolz bzw. falsch gerichteter Stolz doch nahe, zumal Paulus Bild in der Gärtnerwelt einen Veredelungsprozess beschreibt. Und in der Tat wurden Paulus Aussagen vielfach missbraucht, um damit den Völkermord an den Juden bis hin zur Schoa zu begründen. Mein Wunsch, Paulus hätte solche Aussagen nicht, zumindest nicht in dieser Form, gesagt, kommt leider 2000 Jahre zu spät. Was wir aber tun können und müssen, ist, seine Bilder und Aussagen nicht als Gottesurteil zu lesen, sondern sie korrekterweise dort zu verorten, woher sie stammen, nämlich Paulus' beständiger diskutativen, theologischen, noch nicht beendeten Auseinandersetzung mit VertreterInnen seiner Heimatreligion; und mit seiner daraus resultierenden Enttäuschung oder seinem Unverständnis, dass seine Glaubensgeschwister in Bezug auf Jesus eine andere Entscheidung getroffen haben als er selbst.

Umso wichtiger ist mir darum, an dieser Stelle die andere Seite des Paulus zu betonen: Denn entgegen all seiner Polemik stellt er mit dem Bild des Ölbaums richtig, dass es keinen Grund zur Überheblichkeit gibt. Erstens können wir ohne den ursprünglichen Ölbaum - ohne Israel - gar nicht existieren. Woran sollten wir haften? Wie sollten wir zu unserer Wurzel Verbindung aufnehmen können? Allein durch Israel, und durch Jesus als einen Repräsentanten des Gottesvolkes, von dem wir uns in besonderer Weise angesprochen fühlen, konnten und können wir Verbindung aufnehmen zu dem einen Gott.

Zweitens hat niemand Gottes Güte auf ewig gepachtet. Wir sind und bleiben nur die Äste, nicht der Stamm, nicht die Wurzel. Und jederzeit kann ein Ast vom Baum entfernt werden, die fremd hinzugefügten übrigens leichter als die ursprünglichen. Und das Gleiche gilt für die Strenge Gottes. Auch sie ist nicht festgeschrieben in alle Ewigkeit. Und wer weiß: vielleicht ist es eines Tages doch möglich, dass alle Äste ihren Platz am Baum Gottes finden - zumal es sich beim Ölbaum um ein Symbol des Friedens handelt. (So kehrte nach der Sintflut auch die Taube mit einem Ölzweig im Schnabel zu Noah zurück, als Zeichen für den Frieden, den Gott mit ihm und der Menschheit von nun an geschlossen hatte.)
Ich wünsche mir, dass wir auf diese Weise bei Gott unsere Wurzeln schlagen können: bereit, andere mit hinein zu nehmen in diesen Bund ohne aber verwerfen zu wollen. Und ich wünsche mir, dass wir uns unserer Mitzweige, unseres Stammes und unserer Wurzel bewusst sind: bei jedem Psalm, bei jedem Halleluja, bei jedem Vaterunser, bei jedem aaronitischen Segen, bei jedem Wort der Bibel, bei jedem Lied und bei jedem Gebet.

Ich wünsche mir, dass wir immer wieder neu beherzigen: Gott erbarmt sich über uns um unserer selbst willen. Darum sollen wir leben, wie Christus lebt. Das beginnt immer schon hier und jetzt in unserem Leben. Es macht uns zu neuen Menschen, zu Menschen des Vertrauens in die Gegenwart Gottes durch unseren auferstandenen Herrn. Amen. 

Erstellt: 10.3.2011
Zuletzt aktualisiert: 18.4.2011 09:12 Uhr
Redakteur (nicht zwingend Autor): Anders Grüning

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