Predigt - Zum Licht sich wenden
Text: Eph 5,1-8a nach der NGÜ*
(1) Nehmt euch daher Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder!
(2) Konkret heißt das: Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein. Denn auch Christus hat uns seine Liebe erwiesen und hat sein Leben für uns hingegeben wie eine Opfergabe, deren Duft vom Altar zu Gott aufsteigt und an der er Freude hat.
(3) Auf sexuelle Unmoral und Schamlosigkeit jeder Art, aber auch auf Habgier sollt ihr euch nicht einmal mit Worten einlassen, denn es gehört sich nicht für Gottes heiliges Volk, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen.
(4) Genauso wenig haben Obszönitäten, gottloses Geschwätz und anzügliche Witze etwas bei euch zu suchen. Bringt vielmehr bei allem, was ihr sagt, eure Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck.
(5) Denn über eins müsst ihr euch im Klaren sein: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, sich schamlos verhält oder von Habgier getrieben ist (wer habgierig ist, ist ein Götzenanbeter!), hat ein Erbe im Reich von Christus und von Gott zu erwarten. Wer zum Licht gehört, ist verpflichtet, im Licht zu leben
(6) Lasst euch von niemand mit leeren Behauptungen täuschen! Denn gerade wegen der eben genannten Dinge bricht Gottes Zorn über die herein, die nicht bereit sind, ihm zu gehorchen.
(7) Darum hütet euch, mit solchen Leuten gemeinsame Sache zu machen!
(8) Früher gehörtet ihr selbst zur Finsternis, doch jetzt gehört ihr zum Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid.
Liebe Gemeinde!
Pflanzen und Menschen können eine innige Beziehung eingehen. Obwohl es vielen Menschen an einem grünen Daumen fehlt, besuche sie gerne Parks und Gärten: Sie riechen den intensiven Duft von Rosen und freuen sich am Anblick von Beeten und Rabatten, die vor Stiefmütterchen, Tulpen und Pfingstrosen in verschiedenen Farben nur so überquellen. Ich freue mich genauso, wenn ich jetzt nach dem lang anhaltenden Winter zum ersten Mal Krokusse und Schneeglöckchen sehe. Ich nehme dann ganz bewusst nach den Grautönen der Schneezeit die zarten Gelb-, Violett- und Weißtöne dieser kleinen Farbinseln wahr, während der Schnee zu verdreckten Haufen zusammengeschmolzen ist. Und die Farben sagen, dass der Frühling nicht mehr weit ist.
Und wer die Bibel liest, der kann auf die vielen biblischen Pflanzen achten, auf den Apfel aus dem Garten Eden, den Feigenbaum und den Ölbaum und vor allem den Weinstock, der in so vielen Geschichten und Gleichnissen vorkommt. Ich denke an die Lilien, die sich in ihrer Schönheit keine Sorgen machen, und an den Rizinusstrauch, unter dem der Prophet Jona unverdient Schatten findet.
Zwischen Pflanzen und Menschen, zwischen Gärten und Glauben besteht eine innige Beziehung, aus der Künstler und Prediger eine Fülle von Bildern und Gedanken gestaltet und entwickelt haben.
Auch dem Epheserbrief kann man diese Verknüpfung von Pflanzen und Menschen am Ende abspüren:
„Früher gehörtet ihr selbst zur Finsternis, doch jetzt gehört ihr zum Licht.“
Pflanzen wie Menschen richten sich an der Sonne aus, von dort beziehen sie Lebenskraft, Wachstum und Gewissheit. Jeder hat schon einmal eine schnöde Topfpflanze am Nordfenster eines zu kalten Treppenhauses verkommen lassen. Pflanzen suchen das Licht.
Und wir Menschen? Richten wir uns nach Gott aus? Oder doch eher nicht? Für den Epheserbrief finden die Glaubenden ihre Sonne in dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Sie sind unmissverständlich aufgefordert, aus den dunklen Dschungeln der Sünde und der Verkommenheit in den gepflegten und sonnenbestrahlten Garten des Glaubens hinüberzuwechseln und dauerhaft dort zu bleiben.
Das aber klingt uns heute allzu sehr nach Schwarz-Weiß, nach Gut oder Böse, oder - um das Bild des Lichtes aufzunehmen - zu sehr nach Helldunkel ohne Zwischentöne. Für etwas Drittes neben Licht und Schatten scheint kein Platz zu sein.
In einem Gebet habe ich eine treffende Formulierung gefunden, die das Strahlen des Lichts ins Innere des Menschen hineinlegt:
„Gott, aus Licht und Schatten sind wir geschaffen."
Im Garten des Epheserbriefes bewegen sich die Menschen aus den dunklen Sündenbereichen heraus in das Licht Gottes hinein. In dem zitierten Gebet ist der Garten von Licht und Schatten in den Menschen selbst hinein verlegt. Und aus dieser Verschiebung ergibt sich eine ganz andere Gestalt der Glaubensgewissheit. Wer sich nach der Sonne Gottes ausrichtet, der erzeugt auch Schatten, das kann gar nicht anders sein.
Eigentlich ist es nicht so, dass sich der Mensch nach Gott ausrichtet. Menschen fliehen das allzu helle Licht der Erkenntnis des Glaubens. Eher verhält es sich umgekehrt: Die Sonne Gottes trifft den Menschen mit seinen Licht- und Schattenseiten. Und diese göttliche Sonne bewirkt Wachstum, Gedeihen im Glauben und Hoffnung. Aber je greller und ungeschützter einen Menschen die Sonnenstrahlen treffen, desto härter werden auch die Schlagschatten: Der Kontrast erhöht sich. Wer im grellen Sonnenlicht sehen will, der muss die Augen zusammenkneifen.
Trotzdem: Menschen brauchen das Sonnenlicht wie die Bäume und Blumen. Bei Pflanzen löst das Licht einen Wachstumsprozess aus: Im Frühling, wenn nach den dunklen Winternächten die Tage länger werden, schlagen die Bäume aus und die ersten Blumen beginnen zu blühen, weil die Menge des Sonnenlichts zunimmt, und zugleich damit Wärme und Helligkeit. Ist das nicht ein schönes Bild für das Wachstum des Glaubens? Je mehr sich ein Mensch auf die Gegenwart und Barmherzigkeit Gottes einstellt und sie zulässt, desto mehr wächst sein Vertrauen in Gott, seine Gewissheit, seine Hoffnung und seine Liebe.
Allerdings erhebt sich immer wieder der Einwand aus leidvoller Erfahrung heraus. So konstatiert der Dichter Botho Strauß:
„Verbraucht ist die Liebe, verbraucht ist die Liebe, wie Äther, Staat und Kunst. Verbraucht, zerschlissen und durchdacht, zutiefst verrückt. … Sieh nur: überlastet ist unsere Liebe mit uns. Mit Zweien, die weiter auf Erden nichts wollen, als sich. … Und Höhe der Unwissenheit: Denen an Unbedingtem eins nach dem anderen ausging.“
(Botho Strauß, Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war, Hanser, 1992, S.42)
Soviel zur Lage oder besser zur Tragödie der Liebe in unserer Zeit. Und nicht nur in Ehen und Zweierbeziehungen wird sie sichtbar, wenn vom großen Gefühl schließlich nur der erbitterte Krieg um jeden Cent übrig bleibt. Ist das nicht auch der Krieg, der uns von allem anderen noch übrig blieb - vom sozialen Gedanken, von der Kultur in Wirtschaft und Politik, vom Traum von einer besseren Zukunft und einer besseren Welt? Ach, die Liebe, selbst nur im Sinne von Mitmenschlichkeit; hat sie als letzte Gegenspielerin und Bezähmerin des erbitterten Kriegs um jeden Cent nicht längst schon verloren?
Deshalb stellt der Apostel uns Christus vor Augen, der das Verlorene liebevoll sucht bis in den eigenen Tod. Eine Liebe, die keine Angst vor dem Tod hat, ist unbedingte Liebe. An sie sollen wir uns erinnern, weil die Liebe des Christus uns niemals ausgehen kann. Wir könnten allenfalls verlorene Söhne und Töchter sein, die im Dreck sitzen bleiben und sich nicht aufmachen zum Vater. Dann wären wir eine Karikatur - wie der Christ, der von der unbedingten Liebe des Christus lebt, und keinen Gedanken daran verschwendet, wie denn ein menschliches Leben im Sinne seines Gottes aussehen würde, und der stattdessen lieber ein Unmensch bliebe. Ein Christ, der lieber ein Unmensch in unmenschlichen Verhältnissen bliebe, wäre eine Karikatur. Normal wäre, dass er sich als Gottes geliebtes Kind an seinem Vater ein Beispiel nimmt. Normal wäre, dass sich die Nachfolger Christi an ihrem Herrn ein Beispiel nehmen - ein Beispiel der Menschlichkeit. Insofern ist das, was der Epheserbrief fordert, nichts Besonderes, sondern das Selbstverständliche.
Und was der Apostel aufzählt, soll nicht missverstanden werden, als ob damit eine moralisierende Kirche ihre Machtansprüche über das Leben der Gläubigen erhebt, sondern diese Aufzählung illustriert sehr eindrücklich, wie solches Verhalten unser Leben zur Hölle auf Erden macht und darum Gott das Herz schwer macht. Denn Unzucht, Habgier und Obszönitäten aller Art und sind wie Geschwister: Sie benutzen den Menschen lieblos als Wegwerfware. Die Sucht nach Geld, die Sucht nach Sex, die Sucht nach Obszönitäten ist gleichermaßen sinnfreie Steigerung um ihrer selbst willen. Vergessen wir nicht: Sucht kommt nicht von Suche, sondern von siech, d.h. krank. Das beschreibt also der Apostel klipp und klar: Verhältnisse, die unmenschlich sind, weil sie Menschen zerstören, ihnen Herz und Seele rauben und sie schließlich verschlingen. Sucht verlangt blinde Gefolgschaft - Götzendienst.
Ebenso klipp und klar erinnert der Apostel daran: Wer zum Licht gehört, ist verpflichtet, im Licht zu leben.
Und damit nehme ich noch einmal das Bild von den Pflanzen auf, die sich dem Licht zuwenden, um zu wachsen und zu reifen. Wer sich von Gottes Licht leiten lässt, dessen Leben verwandelt sich in Dankbarkeit. Dabei ist sie mehr als eine Floskel, wenn mir einer z.B. den Vortritt lässt oder die Ladentür aufhält. Es ist eher Dankbarkeit als Lebenseinstellung gemeint, nicht als zwanghafte und formale Höflichkeit, sondern als Grundtonm, als cantus firmus, des eigenen Lebens:
Ich bin Gott dankbar. Ich lobe Gott. Ich freue mich, dass er diese Welt geschaffen hat. Freue mich, dass ich ein Teil dieser von ihm geschaffenen Welt bin.
Ich gebe Gott etwas von seiner Aufmerksamkeit zurück.
Ich gebe Gott etwas von dem Licht des Glaubens zurück.
Ich antworte Gott, wenn mich sein Licht getroffen hat.
Und das Licht des Dankens kann sich in viele Strahlen brechen:
Ich danke und höre. Höre den Vögeln zu, die in den Bäumen um die Kirche herum singen.
Ich danke und bin fröhlich. Freue mich mit den Menschen um mich herum.
Ich danke und sehe. Sehe die Menschen, denen ich meine Freude weitergebe. Mit denen ich meine Freude teile.
Ich danke und vertraue. Vertraue Gott, dass er mein Leben in Frieden und Ruhe zu einem gütigen Ende führt.
Und auch, nicht zuletzt: Ich danke und bin traurig. Trauere mit denen, deren Leid ich nicht verändern kann, die krank im Bett liegen und durch kein Licht aufgemuntert werden können.
Das Licht Gottes erzeugt Wachstum des Glaubens und Dankbarkeit. Nun verläuft dieses Wachstum des Glaubens wie bei Pflanzen aber keineswegs ungestört und nachhaltig. Wir fallen zurück in alte Verhaltensmuster, geraten in Versuchungen der bereits genannten Art.
Darum braucht es immer wieder der Fürsorge, denn wir Menschen sind Mischwesen aus Licht und Schatten, aus Vertrauen und Verhängnis, aus Glauben und Sünde, aus Überzeugung und Übermut. Und aus diesen Mischungen und Vermischungen kann sich kein Mensch ganz befreien. Der eindeutige Paradiesgarten des göttlichen Lichts scheint doch verschlossen zu bleiben.
Ich möchte nochmals auf den Anfang des Predigttextes verweisen. Die Suche nach den Gärten des Lichtes und der Liebe ist eine Folge der Tatsache, dass Gott in Jesus Christus den Menschen Licht und Liebe längst gebracht hat. In den Worten des Epheserbriefs:
„Denn auch Christus hat uns seine Liebe erwiesen und hat sein Leben für uns hingegeben wie eine Opfergabe, deren Duft vom Altar zu Gott aufsteigt und an der er Freude hat."
Egal wie es sich im Menschen mit Licht und Schatten, Sünde und Glauben verhält, Christus geht uns Menschen voran. Sein Leiden ist Ausdruck seiner Liebe, er gibt sich hin - um unsertwillen. Zwar sieht der Theologe des Epheserbriefs das als ein Opfer, das Gott durch „lieblichen Geruch" wohl stimmt. Aber es gilt hier, genau auf die Worte zu achten: Christus gibt sich selbst. Christus leidet um der Menschen willen. Das ist etwas anderes als ein rituelles Opfer, bei dem ich ein Tier oder etwas Eßbares an eine Gottheit gebe, um diese gnädig zu stimmen - also das Opfer nicht als Tausch oder Handel. Vielmehr geht uns Menschen Christus voran. Er ist immer schon auf dem Weg hinein in das Licht Gottes. Dorthin will er uns Menschen mitnehmen. Genau darin besteht seine Liebe. Er lädt uns ein. Genau darin besteht seine Barmherzigkeit. Wir Licht- und Schattenwesen werden eingeladen, ihm in Glaube und Vertrauen zu folgen.
Noch einmal: Wer sich diesem Licht, nämlich Christus, zuwendet, wird sich von all den Zeitgenossen abwenden, denen das Verlorene nicht einmal ein Achselzucken wert ist. Wir müssen nicht auf allen Hochzeiten tanzen und über jeden Witz lachen. Wir können nicht jeden Dreck gebrauchen. Das ist Moral, wie sie biblisch ist: Ausdruck von Freiheit.
Und wir dürfen immer wieder neu bitten:
„Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.“
(EG 391,1)
Amen.
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