Predigt "Zwischen Zorn und Zärtlichkeit"
Text: Hosea 14,1-10
Liebe Gemeinde!
In der vergangenen Woche haben wir uns an vier Abenden hinter einander mit dem Prophetenbuch Hosea beschäftigt. "Zwischen Zorn und Zärtlichkeit" so hieß es in der Werbung für die Gesprächsabende; denn Hosea hat den Zorn Gottes in immer neuen und sehr drastischen Bildern verkündet. Wie eine Grundmelodie durchzieht der Satz des späteren Apostels Paulus seine Anklagen: "Gott lässt sich nicht spotten." ( Galater 6,7), wenn er den heidnischen Fruchtbarkeitskult bekämpft.
Gegen ihn zieht vor allem Hosea vom Leder, der in der turbulenten letzten Phase des Nordreichs um die Stadt Samaria Mitte des achten Jahrhunderts vor Christus lebt. Ein Mann voller düsterer Vorhersagen. Es gibt viel zu wettern: gegen Götzendienst und Luxusleben, gegen Ausschweifungen und das mangelnde Pflichtgefühl der Herrschenden.
Weil die Israeliten ihrem Gott untreu wurden und sein Gesetz missachteten, weil sie seine Gaben genommen und dem kanaanitischen Gott Baal dargebracht haben, wird ihr Land in Anarchie versinken. Für diese Abkehr benutzt der Prophet das Bild des Ehebruchs.
Sein Auftrag selbst fängt mit seiner Ehe an. Er soll eine Prostituierte heiraten. Nicht einfach eine Frau, die durch ihr ausschweifendes Leben verrucht ist, sondern eine Tempeldirne des Baalkultes, deren Leben ein Symbol für die Sünde Israels darstellt. Eine gar seltsame Weisung, die den Bibelkundlern zu allen Zeiten schwer zu schaffen machte.
Der gehorsame Prophet heiratet Gomer. Die gebärt ihm drei Kinder. Später rettet er noch einmal eine Prostituierte, wobei nicht ganz eindeutig ist, ob es sich um die weggelaufene Gomer handelt. Sie ist in eine Abhängigkeit geraten, aus der sie mit Geld und Gerste freigekauft werden muss. Hosea löst sie aus, aber er schläft lange Zeit nicht mit ihr. Vielleicht um ein Exempel zu statuieren oder doch als Zeichen der Liebe, die das Verlorene nicht preisgibt, aber auf Reue und Gegenliebe wartet.
Hosea hält den kultischen Bußliturgien den Spiegel entgegen, wenn er die Praxis beleuchtet und Gottes Fazit verkündet: "Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Denn eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht." (Hosea 6,4) Er wird nicht müde in seiner fast dreißigjährigen Prophetentätigkeit die Wankelmütigkeit der Außenpolitik aufs aller schärfste zu kritisieren. Ja, er hat man Ende den Untergang des Nordreiches, des Staates Israel, mitzuteilen: "Samaria wird wüst werden; denn es ist seinem Gott ungehorsam. Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden." (Hos 14,1)
Dieser grausame Alltag des Krieges hat sich in 2700 Jahren wenig geändert. Mit Entsetzen denke ich daran, dass im Bosnien-Krieg ein Scharfschütze an der Sarajewo-Front friedlich Schlitten fahrende Kinder auf der gegnerischen Seite erschoss. Mit Entsetzen nahm ich den Bobenterror in Madrid am vergangenen Donnerstag wahr. Ich frage mich, wie wollen die Verantwortlichen vor das Angesicht Gottes treten? Ich frage mich, warum lässt Gott Unschuldige leiden? Warum werden Familien mitten im Leben auseinander gerissen?
Von Hosea werden solche Überlegungen nicht berichtet. Er begreift diese brutalen Gewaltakte als Handeln Gottes, als Strafen, die mit dem Gott Israels zu tun haben, ja sogar von ihm herkommen. Damit hat er einen Gedanken zu Ende gedacht, dass die Geschichte seines Volkes in Gottes Hand liegt. Und wenn sich in dieser Geschichte Leiden und Sterben vollzieht, dann muss auch diese Grenzerfahrung des Leidens mit Gott zu tun haben. Eine andere Macht, die stärker ist als sein Gott, kann der Glaube nicht akzeptieren. Doch diese schrecklichen Dunkelheiten sind nicht das letzte Wort Gottes an sein Volk. Hosea verkündigt einen Aufruf zur Umkehr.
"Bekehre dich, Israel, zu dem HERRN, deinem Gott; denn du bist gefallen um deiner Schuld willen.
Nehmt diese Worte mit euch und bekehrt euch zum HERRN und sprecht zu ihm: Vergib uns alle Sünde und tu uns wohl, so wollen wir opfern die Frucht unserer Lippen.
Assur soll uns nicht helfen; wir wollen nicht mehr auf Rossen reiten, auch nicht mehr sagen zu den Werken unserer Hände: »Ihr seid unser Gott.« Denn bei dir finden die Verwaisten Gnade." (Hos 4,2-4)
Sich der Geschichte selbstkritisch stellen, sich zu den Verfehlungen zu stellen, fällt unsagbar schwer, einmal weil die Angst mit schwingt, Schwäche zu zeigen und zum andern die Angst, sein Gesicht zu verlieren. Damals für die Menschen des Nordreiches bedeutete das konkret: sein Vertrauen ganz auf fremde Mächte, hier das assyrische Großreich, zu vertrauen, Verzicht auf Instrumente militärischer Machtausübung und in der Verwerfung von Kultbildern. Hosea nennt es an anderer Stelle "hinter den Baalen herlaufen", von denen man damals die Fruchtbarkeit der Erde, den Wohlstand erwartete.
Der moderne Baalismus trägt andere Gesichtszüge. Aber auch er ist in seinem Kern Verwechslung des befreienden Gottes mit den Göttern und Mächten unserer Tage. "Hinter den Baalen herlaufen" heißt heute: Menschen dem Profit opfern, sie freisetzen aus dem Arbeitsprozess, den immer stärker werdenden Sachzwängen nachgeben, dem technokratischen Machbarkeitswahn folgen, auf Ausgrenzung und Ausblendung der Probleme jenseits unseres Horizontes setzen, sich in der Festung Europas einmauern. Ja letztlich der Glaube, der nichts mehr von Gott erwartet, ihn allenfalls ein guten, frommen Mann "da oben" sein lässt, fern unseres Alltags.
Als nach dem Zusammenbruch des dritten Reiches nicht nur das Land in Schutt und Asche lag, sondern auch die Menschen im Innersten getroffen und zerrüttet waren, da hat die Evangelische Kirche in ihrem Stuttgarter Schuldbekenntnis offen eingestanden: "Durch uns ist unendlich viel Leid über Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesus Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben..." Mit dieser Erklärung wurde die Aufnahme in die ökumenische Gemeinschaft wieder möglich, war ein Schritt zur Versöhnung und Neuanfang möglich.
Welche Verheißung solche selbstkritische Besinnung und Einsicht hat, verkündigt der Prophet Hosea mit einer erneuten Zusage Gottes, der erkennt, dass Androhung und Gebrauch von Gewalt, Menschen in Angst und Schrecken versetzt, vielleicht sogar zu guten Vorsätzen verleitet, es anders, es besser zu machen. Do es verändert den Menschen in seinem Wesen nicht. Darum beginnt Gott neu. Er wirbt wie ein zärtlicher Liebhaber um seine Angebetete. Sein Werben ist die Zusage der Liebe, die höher ist als alle menschliche, berechnende Vernunft. In einer Fülle von Bildern aus der Pflanzenwelt wird die neue Zeit als eine von Gott geschenkte Heilszeit beschrieben. Hören wir, was der Prophet als Gottes Wort weitergibt:
So will ich ihre Abtrünnigkeit wieder heilen; gerne will ich sie lieben; denn mein Zorn soll sich von ihnen wenden.
Ich will für Israel wie ein Tau sein, dass es blühen soll wie eine Lilie, und seine Wurzeln sollen ausschlagen wie eine Linde
und seine Zweige sich ausbreiten, dass es so schön sei wie ein Ölbaum und so guten Geruch gebe wie die Linde. Und sie sollen wieder unter meinem Schatten sitzen; von Korn sollen sie sich nähren und blühen wie ein Weinstock. Man soll sie rühmen wie den Wein vom Libanon.
Ephraim, was sollen dir weiter die Götzen? Ich will dich erhören und führen, ich will sein wie eine grünende Tanne; von mir erhältst du deine Früchte.
(Hos 14,2-9)
Gott selbst bezeichnet sich als Tau. Er betont damit nicht die Flüchtigkeit des Taus, sondern seine Leben spendende Kraft, die die Fülle des Lebens erst ermöglicht. So kann sein Volk wieder blühen wie eine Lilie. Sie ist ein Symbol für einen geliebten Menschen. Im Hohenlied des Salomos heißt es:
"Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen."
(Hld 2,2)
So einzigartig wird sein Volk in Gottes Augen sein.
So wird sein Volk wieder Wurzeln schlagen, denn in Gott hat es einen festen Halt wie es im Psalm 1 heißt:
"wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl."
(V.3)
So wird sein Volk wie ein Ölbaum sein. Er galt als König der Bäume, als Lieferant von Olivenöl, das als Lebensmittel, als Kosmetikum, als Heilmittel und Brennstoff verwendet wird.
So wird sein Volk einen besonderen Geruch verströmen, nämlich den Geruch Gottes. Später wird der Apostel Paulus ebenfalls seien Gemeinde daran erinnern:
"und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch."
(Eph 5,2)
So wird sein Volk erfahren, dass der wahre Lebensbaum nicht die vielen Götter sind, deren Schutz und Hilfe die Israeliten zur Zeit des Hosea immer wieder aufsuchten, sondern allein Gott, der Herr ist. Er straft und zürnt und doch wendet er ohne Grund wieder und wieder mit Liebe seinem Volk zu. In Jesus Christus hat sich diese Liebe in einzigartiger Weise personalisiert. Mit den Worten eines alten Liedes gesagt:
"Keiner Gnade sind wir wert; doch hat er in seinem Worte eidlich sich dazu erklärt. Sehet nur, die Gnadenpforte ist hier völlig aufgetan: Jesus nimmt die Sünder an."
( EG 353,2)
Der Schlusssatz des Hoseabuches klingt scheinbar resignierend
Wer ist weise, dass er dies versteht, und klug, dass er dies einsieht? Doch zugleich schließt sich tröstend und ermutigend die Glaubenserfahrung an: Denn die Wege des HERRN sind richtig, und die Gerechten wandeln darauf; aber die Übertreter kommen auf ihnen zu Fall.
(Hos 14,10)
Die Botschaft dieses letzten Kapitels im Hoseabuch lässt sich treffend mit einem modernen Lied zusammenfassen, dessen Verfasser den Zusammenbruch, den Niedergang und Zerstörung am eigenen Leibe erfahren hat und dann das Wunder des Neuanfangs und des Heilwerdens durch Gott an einem Mandelzweig entdeckt.
"Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?"
(EG Rhl. 651,1)
Amen