Woran glauben Sie?
... fragte mich ein Konfirmand nach dem kirchlichen Unterricht und ich antwortete: "Wäre ich sonst Pfarrer geworden!" gab ich etwas vorschnell zurück und ging. Hinterher sagte ich mir, dass ich damit wohl eine kurze, aber keine klärende Antwort gegeben hatte. So möchte ich es heute tun.
Also: Woran glauben Sie? und ich antworte:
Daran glaube ich, dass Gott mich ziehen lässt. Er klammert nicht. Das ist oftmals die Art von uns Erwachsenen. Wir sehen in dem Jugendlichen immer noch das Kind, das Fürsorge und Obhut braucht. Doch nun ist es an der Zeit loszulassen, damit er oder sie selbstständiger werden kann. Wir wollen euch nicht festhalten.
Im Gegenteil: Wir möchten, dass ihr in diese Welt hinausfliegen könnt - dass ihr die Möglichkeiten entdecken könnt - dass ihr eure wunderbaren Gaben und Fähigkeiten weiter entwickeln könnt - dass ihr Menschen habt, die euch Rückendeckung geben, die euch auffangen. Um in die Welt fliegen zu können, braucht man nicht nur Menschen, die es gut und ehrlich und aufrichtig mit euch meinen. Man braucht auch – nein, eigentlich muss es heißen: vor allem – man braucht vor allem Gott, um hinauszufliegen. Denn von Gott heißt es einmal in der Bibel:
"Gott geht mit uns um wie ein Adler, der seine Jungen fliegen lehrt: Der wirft sie aus dem Nest, begleitet ihren Flug, und wenn sie fallen, ist er da, er breitet seine Schwingen unter ihnen aus und fängt sie auf." (5.Mose 32,11 nach der Übersetzung "Hoffnung für alle")
Ein schönes Bild, wenn man los fliegen will, wenn man in die große Welt hinaus möchte. Gott ist wie ein Adler, der seine Jungen das Fliegen lehrt. Wie ein Adler seine Jungen ausführt und dabei über ihnen schwebt, breitet Gott seine Flügel aus. Und wenn ein Junges zu fallen droht, dann kommt er und nimmt es und trägt es auf seinen Flügeln.
Wohin ihr aber auch fliegt, in welche Richtung ihr euch entfaltet - ihr müsst es wissen. Es ist euer Leben. Es ist ein Leben, in dem man auch schnell fallen kann. Jede und jeder fällt im Leben. Die Älteren können einiges davon erzählen. Und manche von uns sind mehrmals heftig gestürzt. Keine und keiner konnte es vorhersehen. Und niemand hat es gewollt. Und dann kommt es beim Fallen doch auf das eine an: Dass man weiß: Ich werde aufgefangen. Dass Gott seine Flügel ausbreitet. Und ich wieder den Überblick gewinne. Oder zur Besinnung komme. Dass mir deutlich wird, was ich für einen Unsinn gedacht oder getan habe. Dass mir die Augen geöffnet werden und ich merke: Die anderen haben mich ja nur ausgenutzt. Ich war einfach nur Mittel zum Zweck. Oder Gott bewirkt es, dass mir neue Kräfte zuwachsen, dass ich doch noch durch eine schwere Zeit durchgekommen bin, eine Zeit, die niemand gewollt hat.
Eben deshalb ist das Bild mit dem Adler eine schöne Übertragung, weil es uns gewiss macht: Wo du auch hinfliegst. Gott ist bei dir. Nicht nur solange du jung bist, sondern dein ganzes Leben. Daran glaub ich!
(Auszug aus der Konfirmationspredigt 2006)
Mit herzlichen Segenswünschen für eine gute Sommerzeit
Ihr Pfarrer Wolfgang Fleißner